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Was es heißt, als schwuler Mann alt zu werden

  1. Die erste offen schwule Generation kommt in die Jahre
  2. "Steh zu dir!" - Selbstbewusst in die Jahre kommen
  3. Mit HIV in die Jahre kommen
  4. Mit BISS in die Jahre kommen

1. Die erste offen schwule Generation kommt in die Jahre

Die heutigen schwulen Männer jenseits der 50 waren die ersten, die in die Öffentlichkeit gingen, um für die Gleichstellung zu demonstrieren. Diese schwulenbewegte Generation wird nun im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar älter. Damit zeigen sich auch deren Bedürfnisse und Herausforderungen. „Alte Hasen“ zeigen uns, wie sie heute leben und welche Themen sie bewegen. Gleichzeitig wollen wir den „jungen Hüpfern“ vermitteln, was sie den Älteren zu verdanken haben, und wovon sie heute profitieren.

2. "Steh zu dir!" - Selbstbewusst in die Jahre kommen
Die letzte durchtanzte Partynacht liegt vielleicht schon etwas zurück. Dafür war der letzte Arztbesuch erst vergangene Woche? Machen wir uns nichts vor: Nicht alles ist einfach, wenn man älter wird. Schon Bette Davis stellte fest „Altern ist nichts für Feiglinge“. Dennoch gibt es gute Gründe, sich offen und mit einem selbstbewussten „Ich steh zu mir!“ den Herausforderungen des Altwerdens zu stellen.

3. Mit HIV in die Jahre kommen
Mit HIV kann man heute alt werden. Für die heutige Generation 50plus ist das noch nicht so lange eine Selbstverständlichkeit. Sie haben das Aufkommen der AIDS-Krise in den 1980er-Jahren erleben müssen: Viele Freunde starben und erfolgreiche Therapiemöglichkeiten gab es noch nicht. Wie es ist, als schwuler HIV-positiver Mann alt alt zu werden, zeigt unser Rollenmodell Guido.

Mit HIV kann man aber nicht nur alt werden. Man kann sich auch erst im Alter mit dem Virus infizieren. Denn es ist falsch anzunehmen, dass man mit 50plus keinen Sex mehr hat und es zu keiner Risikosituation kommen kann.

4. Mit BISS in die Jahre kommen
Vieles kann man selbst angehen: zum Beispiel Freunde treffen oder „Gay & Grey“-Freizeitgruppen besuchen. Bei manchen Themen ist es aber gut, Unterstützung zu haben, das gilt unter anderem für die Bereiche Wohnen, Pflege und Teilhabe. Das bietet die neu gegründete Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS). Der Verband will Politik, Verwaltung und Gesellschaft für die Belange älterer schwuler Männer sensibilisieren und die Lebenslage schwuler Senioren in den genannten Bereichen verbessern. Mehr Infos gibt es unter www.schwuleundalter.de

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Guido: "Ich wurde 1998 HIV-positiv getestet"

Was das Testergebnis für Guido bedeutete, wie sein Partner reagierte und wie es ihm heute mit der Infektion geht, erzählt er in diesem Clip. Und noch mehr: Guido hat gute Tipps zum Älterwerden als schwuler Mann – unabhängig davon, ob man HIV-positiv ist oder nicht.

Erfahrt mehr über Guido im ausführlichen Interview:

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Sex im Alter - 4 Erfahrungsberichte

  1. Mit dem Partner
  2. Als Single
  3. Gegen Geld
  4. Kaum noch Sex

Kurt (62) aus Zeitz:

Ich lebe seit acht Jahren mit meinem Partner zusammen. Vor vier Jahren haben wir geheiratet. Viele Paare schlafen nach einer solchen Zeit nur noch im gleichen Bett, aber es passiert nichts mehr. Bei uns dagegen schon. Wir haben regelmäßig Sex miteinander, aber auch mit anderen Männern - manchmal gemeinsam, manchmal jeder für sich. Das gibt unserem Sexleben die nötige Würze. Ob das Männer sind, die wir im Netz, im Park, im Sexkino oder mal auf der Klappe treffen, das ist egal.

Wenn wir jemanden zu uns einladen, erwarten wir aber mehr, als einfach hinzulegen und das Loch hinzuhalten. Zum Sex gehört für uns Küssen, Zärtlichkeit, Lecken und Rimmen sowie geiles Blasen.

Julio (66) aus Köln:

Warum so viele Schwule ein Problem damit haben, älter zu werden, ist mir ein Rätsel. Vielleicht liegt es daran, dass sie so schwanzgesteuert sind und glauben, irgendwann keine Typen mehr abzukriegen. Ich habe nach wie vor Sex und empfinde ihn als viel intensiver als in meiner Jugend. Ein Grund dafür ist, dass bei mir die Sympathie entscheidet. Ein weiterer ist, dass ich auf Männer mit Erfahrung stehe. Manchmal suche ich aber auch den Kick: Ich fliege regelmäßig zum FKK nach Gran Canaria. In den Dünen von Maspalomas fühle ich mich frei und genieße es, dass es anderen genauso geht. Das Alter spielt dort keine so große Rolle.

In Bars gehe ich schon lange nicht mehr. Da stehen nur Giraffen: erst langen Hals machen, und schaut man hin, stecken sie den Kopf in den Sand. Die Szene ist leider an dem ganzen Jugendwahn kaputt gegangen. Einfach mal in den Spiegel schauen, Jungs! Und ehrlich zu sich selbst sein! Jeder wird mal alt. Zumindest wenn er Glück hat! 

Jean-Claude (66) aus Karlsruhe:

Als ich so jung war wie die Männer, die ich schön und anziehend finde, galt Homosexualität noch als krank und widerwärtig. Ich musste mit extremen Einschränkungen leben. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass ich mich so nach Jüngeren sehne. Ich empfinde es als wunderbar, wenn ein junger Mann neben mir liegt und ich ihm die Liebe geben kann, die mir damals gefehlt hat. Außerdem erfrischt es mich, von Jüngeren umgeben zu sein, und ich werde sexuell gefordert. Mit Männern meines Alters habe ich keinen Sex. Meine Sexpartner sind maximal 40 Jahre alt.

Es ist für mich selbstverständlich, dass ich ihnen für ihre Zärtlichkeit und die Zeit, die sie mit mir verbringen, etwas zustecke. Einen professionellen Callboy habe ich aber noch nie bestellt. Das wäre mir viel zu geschäftsmäßig. Ich brauche das Gefühl, gemocht zu werden.

Karl (60) aus Dillenburg:

Jeder hat bestimmte Vorstellungen von einem potenziellen Sexpartner. Ich selbst stehe optisch auf jüngere, sportliche Männer. Aber auch zwischenmenschlich muss es passen. Das macht es mir nahezu unmöglich, sexuell aktiv zu bleiben. Denn für meine Zielgruppe bin ich ein alter Sack, und ich lebe in einem echten Kaff. Käuflicher Sex kommt für mich nicht infrage, weil mir die schnelle gefühllose Nummer nicht liegt. Und meine Erwartungen zurückschrauben? Lieber habe ich dann gar keinen Sex. Ich habe mein Leben lang Sport getrieben, und das sieht man auch. Ich habe als Fitnesstrainer gearbeitet, fahre Mountainbike, habe den Himalaya überquert.

Der Verzicht auf Sex bedeutet aber nicht, dass ich frustriert wäre. Ich habe vor allem jüngere Freunde. Außerdem ist mir ein bisschen Erotik durchaus geblieben: Ich bin leidenschaftlicher Ringer und treffe mich häufig mit Männern zum Zweikampf. 

Rund 1/3

der älteren Schwulen gehen cruisen. *

75 %

der Älteren nutzen schwule Datingportale.*

(*Schwule Männer und HIV/AIDS 2013 - Drewes/Kruspe)

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Vorsorgen fürs Alter: Das sagt die Expertin

Was tun, wenn man im Alter auf Hilfe angewiesen ist? Kann man auch im Heim noch offen schwul leben? Wie kann man vorsorgen, was lässt sich planen? Diese Fragen und viele weitere beschäftigen schwule Männer, die alt werden – und zwar unabhängig vom HIV-Status. Silke Eggers von der Deutschen AIDS-Hilfe informiert und gibt Tipps.

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Ü50 in der Szene: Bitte Altersgrenzen missachten

Die „Generation Schwulenbewegung“ kommt in die Jahre. Selbstbewusst nutzen die über 60-Jährigen die Angebote der Homo-Szene – solange die Gesundheit mitspielt. Ein Stimmungsbericht aus Hamburg

„Die Szene tue ich mir mit 70 nicht mehr an“, stellt Karl-Heinz klar. Er will nicht mehr in einer Bar auf seinen Traumprinzen warten. „Man muss sich einfach klarmachen: Für die Szene ist man alt, auch wenn man selbst einen ganz anderen Eindruck hat“, erklärt der pensionierte Berufsschullehrer. „Wenn man sich jeden Tag im Spiegel sieht, merkt man nicht, wie man altert.“

Der Verzicht auf Bars fällt dem Single leicht. Sex sucht er eher im Freien, zum Beispiel im Stadtpark. „Mir macht das Jagen Spaß“, sagt Karl-Heinz und lacht. „Die Typen, die ich da abbekomme, würden mich in einer Bar mit dem Arsch nicht anschauen.“

Cruising kann auch sehr gesellig sein. Bei einem Streifzug durch die Dünen von Ibiza hat Karl-Heinz vor bald 20 Jahren einen fast 20 Jahre jüngeren Mann kennengelernt. Sex hatten sie nicht, aber beim Wiedersehen im Strand-Supermarkt haben sie sich zum Essen verabredet. So lernte Karl-Heinz eine schwule Trekking-Gruppe kennen. Mit ihnen wandert er seitdem jedes Jahr mindestens einmal durch die Mittelgebirge, den Harz kennt er fast auswendig.

In Homo-Bars geht Karl-Heinz nicht mehr – und ist trotzdem gut vernetzt mit anderen Schwulen. Derzeit organisiert er mit einem Ehrenamtskollegen vom schwulen Infoladen Hein & Fiete eine „Gay History Tour“ durch St. Pauli. So wie Karl-Heinz sind viele ältere Männer in der Community präsent – sie sind es so gewohnt. „Es gibt ein hohes Interesse an spezifischen Beratungs- und Freizeitangeboten für schwule und bisexuelle Männer über 50“, sagt Heiko Gerlach. Der Diplom-Pflegewirt hat gemeinsam mit Christian Szillat schwule Hamburger befragt und die Antworten im Auftrag der AIDS-Hilfe Hamburg ausgewertet. „Männerliebende Männer 50 plus in Hamburg“ heißt ihre Studie, die sie unter anderem auf Radio Pink Channel vorgestellt haben. Eine besondere Generation, finden die beiden Fachleute: Sie seien die Ersten, die ihre Homosexualität relativ offen gelebt hätten. Es sei nicht verwunderlich, wenn diese nun offensiv die Berücksichtigung ihrer Lebenslagen im Alter einforderten.

Solange der Körper mitmacht, geht das schwule Leben jenseits der Fünfzig also fröhlich weiter. Auch Eckhard ist vor ein paar Jahren noch regelmäßig in die Sauna gegangen. Er weiß noch, welche Angebote es gibt: Partner-Rabatt am Freitag, Wellness am Sonntag und mittwochs „40up“ mit Preisnachlass für über 40-Jährige. „Für mich könnte sie schon einen ,70up‘-Tag machen“, sagt Eckhard und lächelt. Die letzten Jahre hat der gelernte Elektriker mehr Zeit im Krankenhaus als in der Sauna verbracht. Nach einer Herz-Operation ist Eckhard 2013 in ein Altenheim in St. Georg gezogen, Abteilung „Regenbogen“. „Das hat nichts zu bedeuten“, sagt Eckhard, „ich bin hier der einzige Schwule weit und breit.“

Dass er mal Hilfe bräuchte, konnte sich Eckhard lange nicht vorstellen. Sogar seine HIV-Infektion hat er weggesteckt. 1990 bekam Eckhard die Diagnose und hat durchgehalten, bis die ersten Kombinationstherapien verfügbar waren. „Jetzt bin ich seit über zwölf Jahren unter der Nachweisgrenze“, erzählt er stolz. „HIV macht mir keine Probleme – die kamen erst durchs Älterwerden.“ Inzwischen sind einige zusammengekommen. Auf Eckhards Tisch in dem 20 Quadratmeter großen Zimmer liegen akkurat aufgereiht: ein Armband zum Blutdruckmessen, ein Gerät zur Blutzuckerbestimmung, eine Insulinspritze. Des Weiteren ein Asthmaspray und eine Pappschachtel mit Hustenbonbons. „Diese Vielfalt der Beschwerden macht mich kaputt“, sagt Karl-Heinz. „Da habe ich immer im Hinterkopf: Was kommt als nächstes?“

Auch Jibben macht sich manchmal Sorgen, „dass die Knochen nicht mehr so mitmachen“. Aber davon lässt er sich nicht runterziehen. Sein Gegenmittel: viel machen. Der 68-Jährige betreut drei Websites, darunter das schwul-lesbische Portal hamburg.gay-web.info. „Ich hoffe, dass das ein Grund ist, warum ich oben noch fit bin“, sagt der breitschultrige Mann mit dem weißen Kinnbart und tippt sich dabei an den Kopf. „Philipp ist natürlich auch ein Grund“, fügt Jibben sanft hinzu, „als junger Ehemann, der einen manchmal schon auf Trab hält.“ Seit 15 Jahren ist Jibben mit Philipp (41; gemeinsam auf dem Foto zu sehen) zusammen, 2006 haben die beiden geheiratet. Beim Straßenfest zum Hamburg Pride sitzen die beiden jedes Jahr im Orga-Container, nehmen Fundsachen an und sorgen per Funkgerät dafür, dass jeder Stand Strom und Wasser bekommt. Von der Szene hat Jibben noch nicht genug. „Das liegt auch daran, dass ich mit 50 zum ersten Mal in eine schwule Bar gegangen bin“, vermutet Jibben. „Im Nachhinein hätte ich gerne früher damit angefangen“, sagt Jibben, „weil ich bestimmt einiges verpasst habe.“

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Hier bleibst du nicht allein: "Gay & Grey"-Freizeitgruppen

Triff Freunde oder erweitere deinen Bekanntenkreis, in dem du zum Beispiel eine Freizeitgruppe besuchst. Hier findest du eine Übersicht speziell für ältere Schwule: