LGBT-Flüchtlinge in Deutschland: Der lange Weg, bist sie wirklich angekommen sind

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Ein Kind hlt die Hand hoch, auf der
Die deutschen Behörden machen es LGBT-Flüchtlingen schwer, hier anzukommen.

In ihrer Heimat werden sie aufgrund ihrer Homosexualität verfolgt und diskriminiert, nun hoffen sie, in Deutschland Schutz zu finden. Doch die Behörden machen es vielen LGBT-Flüchtlingen nicht leicht. 

Jouanna Haussoun hat alle in Frage kommenden Kanzleien durchtelefoniert, aber nichts erreicht. Keiner der auf LGBT-Flüchltinge spezialisierten Anwälte nimmt derzeit neue Mandate an. Einer immerhin vertröstet die Sozialmanagerin des LSDV Berlin-Brandenburg auf Dezember. Doch für den schwulen Pakistani, den Jouanna bei seinen Asylverfahren unterstützt, kommt dieser Termin zu spät. Er hat bereits seinen Abschiebungsbescheid erhalten. Die letzte Chance für den jungen Mann ist nun eine Klage. Dazu braucht es einen kompetenten Anwalt, doch die wenigen die es gibt, sind heillos überlastet.

Rund 30 queere Flüchtlinge im Raum Berlin betreut Jouanna über viele Monate hinweg, unterstützt sie bei ihren Asylanträgen, versucht Sprachkurse und Unterkunft für sie zu organisieren, ihnen bei sozialen Problemen zu helfen und sie durch den Bürokratiedschungel zu lotsen. Allein mit diesen Aufgaben ist Jouanna in ihrer Halbtagsstelle ausgelastet. Aber längst suchen auch queere Flüchtlinge aus anderen Teilen der Republik bei ihr Hilfe. Es sind vor allem arabischsprachige Lesben, Schwule und Trans*-Personen, die sich bei ihr rechtlich zum Asylverfahren beraten lassen. Rund 300 solcher Gespräche hat sie in diesem Jahr bereits geführt. „Ich komme mir inzwischen schon vor, wie eine Behörde.“, sagt Jouanna, „Ich schaffe es gerade mal, die wirklich existentiellen Fälle und Probleme anzugehen.“

„Im Moment sprechen alle über Syrien und kaum noch jemand über Russland“
Auch Sergiu Grimalschi , Referent für Migrationsarbeit der Berliner Aidshilfe, ist seit Langem an den Grenzen seiner Möglichkeiten angekommen. Durch seine gute Vernetzung, insbesondere nach Osteuropa hoffen vor allem LGBTs aus diesen Ländern bei ihm auf Unterstützung. Eigentlich besteht seine Aufgabe darin, sich um HIV-positive Flüchtlinge zu kümmern, aber es melden sich auch viele andere bei ihm. „Im Moment sprechen alle über Syrien und kaum noch jemand über Russland“, sagt Sergiu. „Die Situation für Schwule und Lesben hat sich dort allerdings nicht geändert“. Viele Aktivsten aus dem LGBT- und HIV-Bereich in Osteuropa, mit denen er in den zurückliegenden Jahren zusammengearbeitet hat, sind mittlerweile ins Ausland gegangen. Manche haben ihre Wohnungen in Moskau vermietet und finanzieren so ihr Exil in Ländern mit niedrigen Lebenshaltungskosten wie Thailand oder Indien. Andere suchen Asyl in den USA oder eben auch in Deutschland.

Aktuell versucht Sergiu zusammen mit Kollegen anderer Organisationen ein russisch-ukrainisches Aktivistenpaar nach Deutschland zu bringen. In keinem ihrer beiden Heimatländern haben sie derzeit die Chance, in Frieden zu leben, sondern werden drangsaliert und sogar mit dem Tod bedroht. Ihre Chancen, in Deutschland Asyl zu erhalten, sind gut. Doch die Behörden sind derzeit völlig überlastet. Anträge wie die des Aktivistenpaares und anderer queerer Flüchtlinge bleiben derzeit unbearbeitet. Stattdessen konzentriert man sich vorrangig auf die zumeist aussichtslosen Anträge von Asylbewerbern aus dem Balkan und die Erstaufnahme syrischer Flüchtlinge.

Für manche Asylbewerber kann diese möglicherweise Jahre dauernde Zeit der Ungewissheit lebensgefährlich sein. So etwa bei einem weiteren der rund 50 Menschen, die Sergiu derzeit betreut: Halim*, Anfang 30, Collegeabschluss in den USA mit Bestnoten, Elitestudium an einer deutschen Uni und schließlich Mitarbeiter in der Moskauer Dependance eines deutschen Konzerns. Sergiu beschreibt Halim zurecht als Weltbürger, dem Pass nach ist er aber weiterhin Usbeke und muss als solcher, wie alle anderen in Russland arbeitenden Migranten sich einer regelmäßigen medizinischen Kontrolle unterziehen. Als man bei ihm zu seiner großen Überraschung Aids diagnostiziert, wurde er umgehend des Landes verwiesen. Halim lebt nun in Berlin. Er war zeitweilig schwer erkrankt und konnte auf einer HIV-Schwerpunktstation des Auguste-Viktoria-Krankenhauses behandelt werden. Nun aber droht dem Asylsuchenden die Verlegung in die Mecklenburgische Provinz. So will es der Verteilschlüssel des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Wann Halims Antrag, wegen der besseren medizinischen Versorgung in Berlin bleiben zu können, bearbeitet wird, ist ungewiss.  Aufgrund seiner Erkrankung wird Halims Asylantrag mit großer wahrscheinlich stattgegeben werden. Eine Abschiebung nach Usbekistan, wo homosexuelle Handlungen mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden, wird ihm deshalb erspart bleiben.

„So eine attraktive und höfliche Frau“ kann doch nie und nimmer lesbisch sein
Doch keineswegs alle Menschen, die in ihrer Heimat aufgrund ihrer Homosexualität Repressionen ausgesetzt sind, wird deshalb automatisch Asyl gewährt. Alles hängt an den sogenannten Entscheidern. Nicht immer ist gewährleistet, dass diese auch tatsächlich Kenntnis über die Lebenssituation von Schwulen, Lesben und Trans*-Menschen in deren Herkunftsländern haben. Sie müssen zudem oft erst noch überzeugt werden, dass die Asylsuchenden tatsächlich auch lesbisch, schwul oder trans* sind. Feminine Schwule hätten es da vergleichsweise leicht, sagt Sergiu aus seiner Erfahrung. Hilfreich ist auch, wenn die Betreffenden in ihrer Heimat als LGBT-Aktivisten hervorgetreten sind und vielleicht sogar – wie beispielsweise in Uganda geschehen – auf Outinglisten öffentlich bloßgestellt wurden. Aber bärtige, kerlige Männer, die nicht leicht als schwul auszumachen sind? Und solche, die ihr Schwulsein nur heimlich ausleben konnten und die es nicht gewohnt sind, offen über ihre Sexualität sprechen?

„Manche der Entscheider haben absolut keine Ahnung wie lesbisches oder schwules Leben heute aussieht“, sagt auch Sascha Hübner. Der Psychologe im Beraterteam des Münchner Schwulen Kultur- und Kommunikationszentrum (SUB) setzt sich dort insbesondere für schwule Migranten ein. Er berichtet vom Fall einer iranischen Lesbe, die in ihre Heimat zurückgeschickt werden sollte, wo ihr die Auspeitschung und sogar die Todesstrafe droht. Für den Entscheider konnte eine „so attraktive und höfliche Frau“ nie und nimmer lesbisch sein.

Für syrische Kriegsflüchtige, für die mittlerweile ein vereinfachtes Asylverfahren gilt, sei es daher sehr hilfreich und auch entlastend, dass sie ihr Schwulsein nicht zum Asylgrund machen müssen, erzählt Sascha. Doch ganz gleich, aus welchen Ländern die Asylsuchenden kommen – es bleiben noch jede Menge Hindernisse zu überwinden, bis sie in Deutschland auch wirklich angekommen sind.
 

Wie das Leben für LGBT-Flüchtlinge in Deutschland – auch in der Community selbst – sein kann, erfahrt ihr in den kommenden Tagen.

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