Vom Leben eines jungen arabischen Schwulen – Der Roman „Guapa“

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In seinem Debütroman „Guapa“ erzählt Saleem Haddad vom Leben eines jungen arabischen Schwulen zwischen Revolution und Resignation, Scham und Selbstbehauptung.

Aus einer anderen, selektiven Perspektive betrachtet, müsste Rasa ein glücklicher Mensch sein.

Er hat sich mit Studienkollegen beruflich selbstständig gemacht und dolmetscht für amerikanische Auslandsreporter_innen; er hat einen verlässlichen Freundeskreis, mit dem er nicht nur feiern und trinken kann, sondern in dem man auch in Notzeiten füreinander da ist. Und er hat einen Mann in seinem Leben, mit dem er die Nächte, die Liebe und Sehnsüchte teilt.

Doch aus der Warte des jungen Ich-Erzählers Rasa gerät das Leben zunehmend zur Hölle. Das, was als Arabischer Frühling begann, die Auf- und Umbruchstimmung, die Hoffnung auf ein freieres Leben, hat sich längst wieder ins Gegenteil verkehrt.

Das – nie namentlich genannte ­– Land im Nahen Osten versinkt in Chaos und Gewalt. Und schlimm genug, dass die Beziehung zu seinem Geliebten Taymour geheim gehalten werden muss, es scheint für sie keine Zukunft mehr zu geben.

„Guapa“ bietet ein komplexes Panorama der arabischen Welt
„Der Morgen beginnt mit Scham.“ Saleem Haddad hat gleich im ersten Satz das wohl wichtigste Wort seines Debütromans untergebracht. Die deutschen Begriffe Scham, Schmach und Schande umreißen nur dürftig, was das arabische Wort „eib“ an komplexen und deshalb auch so dehnbaren gesellschaftlichen Regeln, Verboten und Erwartungen umfasst.

Dass ein Mann bei einem anderen Mann liegt, ist für Rasas traditionell eingestellte Großmutter Teta eindeutig eib. Und an diesem Morgen hat sie ihren Enkel durchs Schlüsselloch in flagranti mit seinem Geliebten erwischt und lauthals schreiend gegen die Tür gehämmert.

Auf den nachfolgenden knapp 400 Seiten schildert Haddad nun den darauffolgenden Tag in seiner Heimatstadt, die gleichermaßen Amman, Algier oder auch Damaskus sein könnte. 24 Stunden, in denen sich nicht nur die Ereignisse in seinem eigenen Leben, sondern auch im Leben seiner Freunde und nicht zuletzt die Situation in seinem Land zuspitzen.

Saleem Haddad, 1983 in Kuwait-Stadt geboren und in Jordanien und auf Zypern aufgewachsen, studierte in Kanada und lebt heute mit seinem Lebensgefährten in London. In seinem Erstlingsroman „Guapa“ verarbeitet er nicht nur seine eigenen Coming-out-Erfahrungen und den Umgang der Familie sowie der Gesellschaft mit Homosexualität. Er entwirft vielmehr ein komplexes Panorama der arabischen Welt, die durch die Revolte und Freiheitsbewegungen, aber auch durch den wachsenden religiösen Fanatismus erschüttert wird.

Selbsthass, Selbstzweifel und der Wunsch nach einem freieren Leben
In gekonnt einmontierten Rückblenden enthüllt Haddad nicht nur einige, wie sich zeigt, aus Scham verschwiegene Geheimnisse in Rasas Familie, er entfaltet auch die von Selbsthass, Selbstzweifeln und dem Wunsch nach einem anderen, freieren Leben getriebene Suche nach einer eigenen Identität.

Ein Poster von George Michael, Popmusik und amerikanische TV-Soaps werden so zu Chiffren für ein solches Leben außerhalb dieses inneren Gefängnisses, in dem sich Rasa befindet.

Doch der Beginn seines Auslandstudiums in den USA fällt zusammen mit den Anschlägen des 11. September. Mit einem Male war es „nicht mein Schwulsein, sondern meine arabische Herkunft, die verächtlich erschien”, und Rasa fühlt sich „einer anonymen Masse zugeordnet: Araber. Muslim“.

Er war nun wieder einer von „denen“ und per se verdächtig. „Ich wollte mir die Haut abschaben, meinen Namen, meinen Akzent, alles, nur um diese argwöhnischen Blicke abzuwenden.“ Welche Folgen solche Pauschalisierungen wie auch das Festhalten an den eigenen Wurzeln haben können – bis hin zur Radikalisierung –, Saleem Haddad gelingt es, diesen Zwiespalt plausibel und eindrücklich zu schildern.

Als Sohn einer deutsch-irakischen Mutter und eines libanesisch-palästinensischen Vaters verknüpft Haddad in seinem Roman so viele Perspektiven und Konfliktthemen, dass er manchmal an seine erzählerischen Grenzen zu geraten droht. Die Fülle aber ist auch das große Plus dieses Buchs: Sie ermöglicht einer ebenso breiten Leserschaft den Zugang zu diesen Lebenswelten.

„Guapa“ ist Coming-out-Story, Liebesgeschichte und Familienroman und hinterfragt zudem mit gleichermaßen kritischem wie feinfühligem Blick die arabischen sowie westlichen (amerikanischen) Gesellschaftsstrukturen. Es sind freilich ernüchternde, desillusionierende Aussichten, die Haddad für seine Hauptfigur und deren Heimatland bieten kann.

Bedrohte Freiräume der LGBT-Community
Und dennoch ist „Guapa“ kein deprimierender oder gar entmutigender Roman. Die Freiräume, die sich die LGBT-Community geschaffen hat – im Roman steht dafür die titelgebende Bar Guapa – mögen zwar bedroht sein, dennoch herrscht das Prinzip Hoffnung. Und der Wille, sich nicht mehr unterkriegen zu lassen. Wenn man ihr die Bar zumacht, sagt die lesbische Besitzern Nora, dann eröffnet sie eben woanders wieder neu.

Maj, die toughe Hobby-Dragqueen (mit Niqab im Marylin-Monroe-Design), wurde von der Polizei zusammen mit anderen beim Cruisen in einem Kino festgenommen, zusammengeschlagen und erniedrigt.

Die Prügel haben Maj zwar blaue Flecken beschert, aber nicht brechen können, im Gegenteil. Am Ende ist Maj so selbstbewusst queer – die blauen Veilchen mit Kajal verdeckt, die Lippen rot geschminkt – wie es ein junger schwuler Araber nur sein kann.

 

Aus dem Englischen von Andreas Diesel. Albino Verlag, 392 Seiten, 16,99 Euro

Website des Autors: www.saleemhaddad.com

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