Endlich Vater: Sascha erfüllt sich seinen Traum

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Saschas Erfahrungen als schwuler Vater: Die einen freuen sich, den anderen gehen Kinder am Arsch vorbei und einer gestand, dass er neidisch ist. (Foto: Symbolbild)

Sascha ist 42, Single, schwul und seit einem halben Jahr Vater eines Mädchens, das bei zwei lesbischen Müttern aufwächst. Im Interview erzählt der kaufmännische Angestellte, wie er seine perfekte Regenbogenfamilie gefunden hat – und mit welchen Vorurteilen manche Schwule diesem Modell begegnen.

Sascha, wann ist dir klar geworden, dass du ein Kind möchtest?
Ich bin mit zwei großen Schwestern aufgewachsen und von jeher ein Familientyp. Bewusst an ein eigenes Kind gedacht habe ich mit Anfang 20. Damals bedeutete das für mich automatisch, dass ich eine feste Beziehung mit einer Frau eingehen muss.

Du hast wegen des Kinderwunschs eine Hetero-Beziehung geführt?
Ja, fünf Jahre lang. Das hat sich eine Weile gut angefühlt, denn ich habe meine Freundin auf eine besondere Weise geliebt und mich auf ein gemeinsames Kind gefreut. Doch die inneren Widersprüche nahmen zu, und 2001 habe ich mich von ihr getrennt. 2002 folgte das Coming-out. Das Schwerste daran war, dass ich damit meinen Kinderwunsch aufgab. Die Möglichkeit, als Schwuler ein Kind großzuziehen, kam mir nicht in den Sinn.

Was hat zu einem Umdenken geführt?
Da kommt Einiges zusammen: die Freundschaft zur biologischen Mutter meiner Tochter und später auch zu ihrer Partnerin, die einsetzenden Berichte über Homosexuelle mit Kindern, schwule Bekannte, die Vater wurden, und nicht zuletzt ein paar Workshops zum Thema Regenbogenfamilien, an denen ich teilnahm.

Erzähl bitte von deiner Freundschaft zu den beiden Frauen.
Johanna kenne ich schon sehr lange. Sie war in den 90ern selbst in einer heterosexuellen Beziehung und war Teil des gemeinsamen Bekanntenkreises von mir und meiner Freundin. Nach meiner Trennung verloren wir uns aus den Augen. Umso größer war das Hallo, als wir uns unvermittelt bei einem CSD wiedersahen. Von da an ist der Kontakt immer enger geworden. Ich war sogar an dem Abend zugegen, als Johanna* ihre Partnerin Leonie* kennenlernte. Auch zu ihr entwickelte sich eine Freundschaft.

Wie kam es zu der Idee, ein Kind zu zeugen?
An einem gemütlichen Abend vor fünf Jahren kamen die beiden auf Regenbogenfamilien zu sprechen. Sie wussten, dass ich mich im Vorfeld einer Veranstaltung intensiv mit dem Thema befasst hatte. Sie erzählten von ihrem Wunsch, als zwei Mütter ein Kind großzuziehen, und stellten eine Menge Sachfragen. Beinahe beiläufig erwähnten sie, dass sie sich bereits über Samenbanken informiert hatten. Ich ergriff sofort die Initiative und bot an, mich als Vater einzubringen. Leonie und Johanna waren zunächst überrascht. Aber das Gespräch zeigte, dass ihre Vorstellungen von Elternschaft prima zu meinen passen. Und so wurde ich Teil der Familienplanung.

Kannst du diese Vorstellungen kurz umreißen?
Das Kind soll in dem Wissen aufwachsen, dass ich sein Vater bin und nicht irgendein Freund des Hauses. Ich halte nichts davon, Kindern so etwas Wichtiges erst zu sagen, wenn sie fast erwachsen sind. Außerdem war für mich klar, dass ich alle Rechte und Pflichten eines leiblichen Elternteils abgeben will. Mein Kind soll bei Johanna und Leonie aufwachsen, und ich führe mein Leben in Berlin weiter. Den beiden Frauen war das sehr recht so. Auch deshalb haben die beiden Mütter mein ganzes Vertrauen, dass unsere Tochter gut bei ihnen aufwächst.

Wie seid Ihr’s angegangen?
Wir waren uns einig, dass natürliche Befruchtung nicht infrage kommt. Wir sind Freunde. Schon der Gedanke an Sex wäre eher verstörend. Plan A lautete: Wir probieren ein Jahr lang die Becher-Methode. Plan B war eine künstliche Befruchtung.

Hat Plan A geklappt?
Hat er – und zwar kurz vor Ablauf der selbstgesetzten Frist. Wir trafen uns 2015 und 2016 regelmäßig, meistens in Berlin. Wir verbrachten einen schönen Tag miteinander und am Abend ging ich mit ins Hotel. Dort setzten sich die beiden Frauen an die Bar und ich blieb in ihrem Zimmer. Eine halbe Stunde später meldete ich Vollzug und ließ Johanna und Leonie mit dem Becher allein. Im März 2016 wurde Leonie schwanger, nach unserem siebten Versuch. Damit liegen wir exakt im Durchschnitt. Das weiß ich aus den Workshops über Regenbogenfamilien. Die Planungen, die gemeinsamen Wochenenden und das anschließende Warten auf das Ergebnis haben uns übrigens noch enger zusammengebracht.

Warst du bei der Geburt dabei?
Ich saß bis kurz vor der Geburt mit im Kreissaal. Den intimen Moment selbst überließ ich aber den beiden Frauen. Als ich unsere Tochter Greta* zwölf Stunden nach der Geburt das erste Mal auf dem Arm hatte, war das ein unglaublicher Moment. Etwas Schöneres kann man sich nicht vorstellen. Und ich bin Johanna und Leonie unglaublich dankbar, dass ich Teil der Familie sein kann.

Wie regelt ihr das Sorgerecht?
Johanna adoptiert meine Tochter. Das bedeutet für sie und Leonie einen immensen Papierkrieg mit den Behörden, obwohl die beiden verpartnert sind. Denn in einer eingetragenen Partnerschaft werden die leiblichen Kinder der einen nicht automatisch auch zu Kindern der anderen Frau. Das unterscheidet dieses Konstrukt von der Ehe, in der die Adoption sehr viel einfacher funktioniert. Bloß gut, dass in Deutschland in dieser Hinsicht bald mehr Gerechtigkeit herrscht. Man muss allerdings noch abwarten, wie der Gesetzgeber die Stellung von Ehepartnerin und leiblichem Vater regelt.

Habt Ihr noch etwas Wesentliches festgeschrieben?
Auch wenn ich als Vater in unserer Familie eine kleinere Rolle spiele, betrachten wir uns als drei Elternteile. Daher haben wir notariell vereinbart, dass Greta bei mir leben soll, falls den Müttern etwas zustößt. Das brauchen wir schriftlich, denn für die Ämter bin ich mit der Adoption ein Fremder. Das so zu regeln, war ein Vorschlag der Mütter. Er fühlte sich sofort richtig an.

Worin siehst du deine Rolle als Vater?
Momentan besuche ich meine drei Mädchen alle ein, zwei Monate. Letztens habe ich erstmals alleine auf meine Tochter aufgepasst, als Johanna und Leonie ihren Kennenlerntag feierten. Ich bin von Anfang an ein sichtbarer Teil der Familie, auch wenn ein paar Hundert Kilometer zwischen uns liegen. Ich werde als Freund für die Mütter und als Spielkamerad für Greta zur Verfügung stehen, mich aber nicht in die Erziehung einmischen. Und wenn meine Tochter alt genug ist, wird sie sicher auch mal alleine zu Papa nach Berlin fahren.

Wirst du dich nicht manchmal als drittes Rad am Wagen fühlen?
Ich fühle mich wegen der Adoption nicht benachteiligt. Im Gegenteil: Sie verschafft mir ein Privileg, weil meine Zeit mit Greta für uns alle etwas Besonderes im Alltag darstellt. Der Zukunft unserer Regenbogenfamilie sehe ich mit viel Neugier und Freude entgegen.

Du hast deine Schwestern erwähnt. Wie denkt deine Familie über den Zuwachs?
Meiner Familie habe ich ein paar Monate vor der Geburt erzählt, dass ich Vater werde. Meine großen Schwestern waren gleich begeistert. Eine von ihnen war sogar mit in der Klinik, als Greta geboren wurde. Was meine Mutter anbelangt, drücke ich mich mal vornehm aus: Sie muss ihre Rolle als Oma noch finden. Aber sie ist auf einem guten Weg.

Wie reagiert dein sonstiges Umfeld?
Meine Arbeitskollegen waren baff. Aber alle haben mir gratuliert. Unter meinen Freunden ist die Resonanz unterschiedlich. Die einen freuen sich mit mir, den anderen gehen Kinder am Arsch vorbei und einer gestand mir, dass er neidisch ist. Er will auch Vater sein, findet aber keine passende Lösung. Ein paar niederträchtige Kommentare gab es auch.

Nennst du bitte ein paar Beispiele für solche Kommentare?
Was ich teilweise von anderen Schwulen zu hören bekomme, macht einen im Jahr 2017 ratlos. Einfach nur dämlich fand ich den Spruch: „Zur Befruchtung muss der Schwanz auch reingesteckt werden.“ Ins Grübeln sollte die Community allerdings kommen, wenn Homosexuelle die Plattitüden erzkonservativer Homo-Feinde nachbeten: „Ein Kind braucht einen Vater und eine Mutter.“ Dahinter steckt die Ansicht, dass andere Konstellationen minderwertig seien. Ein Affront gegen Alleinerziehende und gegen Regenbogenfamilien.

Welche Botschaft hast du an Schwule, die gegen Regenbogenfamilien wettern?
Meiner Meinung nach ist ein Coming-out erst dann erfolgreich, wenn ein schwuler Mann seine Sexualität nicht nur entdeckt und auslebt, sondern sie als Teil der eigenen Persönlichkeit wertschätzt. Wer das tut, kann auch als Schwuler ein guter Vater sein. Dazu möchte ich ermutigen. Denn Kinder können in Konstellationen wie der von Johanna, Leonie und mir nachweislich genauso behütet aufwachsen wie in einer traditionellen Familie. Umgekehrt gibt es wahrlich genug Töchter und Söhne aus Hetero-Ehen, die beispielsweise unter einem prügelnden Vater oder einer eiskalten Mutter gelitten haben. Insofern ist meine Botschaft klar: Augen auf, Realität wahrnehmen und nachdenken.

 

Anmerkung der Redaktion: Sascha heißt wirklich Sascha. Johanna, Leonie und Greta heißen nur in unserem Interview so.

 

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