"Positive Mitarbeiter sind echte Leistungsträger"

Karl-Heinz, in manchen Stellenanzeigen steht: „Behinderte mit gleicher Qualifikation bevorzugt“. Haben HIV-Positive einen ähnlichen Bonus bei euch?
Nein. Ich hätte überhaupt nichts dagegen, wenn ein Bewerber HIV-positiv wäre, aber im Bewerbungsgespräch erfahre ich das selten. Das ist auch gar nicht wichtig, und hat vor allem überhaupt keinen Einfluss auf eine mögliche Einstellung. Haben Positive so eine Bevorzugung überhaupt noch nötig? Ich glaube nicht. Vor 20 Jahren war das noch ein Problem, aber heute kann doch fast jeder in seinem Beruf weitermachen.

Hier zählt die Leistung und nicht der Status
Wie wählst du deine Mitarbeiter aus?
Es kommt mir auf Freundlichkeit und Teamfähigkeit an. Wenn ein Laden 24 Stunden geöffnet hat und eine Schicht in die andere übergeht, musst du dich auf deine Kollegen verlassen können. Das ist das A und O. Der Rest ist eine Sympathiegeschichte. Meist entscheide ich schon nach wenigen Sekunden, ob ich jemanden einstelle oder nicht.
 

Heißt das: Wer nicht 100 Prozent gibt, hat keine Chance?
Nein, ich habe auch meine Röschen, die gepflegt werden müssen, weil ich weiß, dass sie es auf dem Arbeitsmarkt schwerer haben. Aber das kann man nur in einem gewissen Maße machen.

Wo ist die Grenze?
Meine soziale Verantwortung als Arbeitgeber geht nicht so weit, dass ich einem Kollegen dauerhaft die Arbeit abnehmen kann. Es ist ein Geben und ein Nehmen. Ein Kollege war lange krank. Dem habe ich gesagt: Geh zum Arzt, lass dich behandeln, auch wenn es ein Dreivierteljahr dauert. Aber dann kannst du zurückkommen und bei uns weitermachen. Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann, deshalb kannst du dich auch auf mich verlassen.

Angenommen, du wüsstest von einem positiven Angestellten: Würdest du ihm zum Outing im Team ermutigen?
Nein, die Entscheidung muss man sehr gut abwägen. Ein gesundes Selbstbewusstsein ist sicherlich Voraussetzung. Besonders sensible Menschen sollten vorsichtig sein. Und HIV geht ja nicht vorbei wie eine Grippe. Das kann im Beruf immer wieder mal zu Nachteilen führen – selbst wenn ich heute noch gar nicht dran denke. Jeder muss für sich sehen: In welcher Situation bin ich? Wie wichtig ist mir das Outing im Moment? Von Seiten der Geschäftsführung haben wir im geschützten Rahmen aber immer ein offenes Ohr.

Würdest du in anderen Branchen ein Outing empfehlen?
Es macht schon einen Unterschied, ob du in einem Szenebetrieb arbeitest oder beim Dorfmetzger. Gerade in lebensmittelverarbeitenden Branchen kann die Unwissenheit der Leute ein Problem sein: Mein Bäcker ist HIV-positiv: Was passiert, wenn er sich in den Finger schneidet und ein Tropfen Blut kommt in den Teig? In der Hinsicht ist die Aufklärung in Deutschland noch am Anfang.

In der Hygiene spielt das Virus keine Rolle.
In der Sauna spielt Hygiene eine große Rolle. Gäbe es da Bedenken, wenn ein Mitarbeiter sich als positiv outet?
Ein ganz klares Nein! Unser Hygienemaßstab liegt allerdings aus Geschäftsprinzip sehr hoch. Wir haben einen strengen, systematischen Reinigungsablauf, den das Gesundheitsamt regelmäßig kontrolliert. Eine Weitergabe von HIV ist ausgeschlossen. Nur ein Beispiel: Wenn wir in der Küche Lebensmittel zubereiten, benutzen wir dabei jedes Mal spezielle Einweghandschuhe. Das Gleiche gilt, wenn wir benutzte Handtücher in die Waschmaschine packen, Mülleimer leeren oder die Dampfsauna ausspülen. Das sollte eigentlich in jedem Betrieb Standard sein.
 

Informierst du neue Mitarbeiter über HIV und andere Infektionskrankheiten?
Das ist sicherlich ein Thema. In einer schwulen Sauna arbeiten ja auch heterosexuelle Männer, die mit dem Thema nicht so vertraut sind wie schwule. Es geht darum, ein Bewusstsein für Hygiene und Infektionsrisiken zu schaffen. Dazu gehört auch, dass niemand unbegründet Angst haben muss. Dafür gibt es hier in Köln regelmäßig Thekenschulungen der Aidshilfe Köln, um das Personal über Krankheiten wie Hepatitis C zu informieren. So können unsere Leute auch Gesundheitstipps weitergeben.

Habt ihr als schwuler Arbeitgeber eine Vorbildfunktion für andere Arbeitgeber?
Ja, das könnte sein. Ich kann mir vorstellen, das viele Firmen Angst haben, wenn sie von der Infektion eines Mitarbeiters erfahren und sich denken: Wird er jetzt öfter krank? Diese Angst können wir ihnen nehmen: Positive Mitarbeiter kommen nicht öfter mit dem Krankenschein als andere. Das sind echte Leistungsträger.

Interview: Philip Eicker