Manny ist Altenpfleger in Bochum und hat sich an seinem Arbeitsplatz geoutet.

Warum wolltest du dich outen?
Ich wollte mich nicht mehr verstecken: Jeden Mittag heimlich eine Pille schlucken? Das ging nicht mehr und ich hab mich dabei auch echt schlecht gefühlt. Da es in meinem Betrieb sehr familiär zugeht, kam irgendwann der Gedanke auf, es zu sagen.
   
Hast du über deine Pläne mit jemanden gesprochen?
Natürlich! Ich habe mich 1996 als HIV-positiv geoutet. Das waren noch andere Zeiten. Ich habe vor allem mit meinem damaligen Freund darüber gesprochen. Er meinte, er würde an meiner Stelle nichts sagen.

… du hast es aber trotzdem gewagt.
Ja, weil ich einfach an das Gute im Menschen glaube. Vielleicht ist das naiv. Aber so ist das halt. (lacht)

Wie war der Tag an dem du es gesagt hast?
Noch beim Aufstehen hab ich mir gar keine Gedanken gemacht, erst als ich auf der Arbeit war, dachte ich: Jetzt muss es sein! Ich hab dann den Geschäftsführer und den Pflegedienstleiter um ein Gespräch gebeten. Mein Chef fragte danach: „Was machen wir jetzt?“ Und der Pflegedienstleiter meinte nur: „Die Infektionswege sind ja bekannt – also besteht keine Gefahr.“ Rückblickend staune ich immer noch, wie reibungslos alles gelaufen ist.

Wie war das bei den Kolleg_innen?
Ich wollte nicht, dass irgendwann getratscht wird. Um dem vorzubeugen, hab ich es dann vereinzelt erzählt. Das war auch eher spontan und die Reaktionen waren gut. Meistens haben sie über meine Offenheit gestaunt und im selben Atemzug gesagt, dass sie sich wahrscheinlich nicht getraut hätten. Auf jeden Fall hat meine Offenheit zu mehr Vertrauen untereinander geführt.

Du hast überhaupt keine schlechten Erfahrungen gemacht?
Nein, wirklich nicht. Ich weiß aber auch: Negative Kommentare werden einem selten direkt ins Gesicht gesagt …

Was immer mal wieder vorkommt, sind gedankenlose Reaktionen: Wir hatten mal einen Bewohner, der HIV-positiv war. Eine Kollegin meinte daher, dass wir sein Geschirr desinfizieren müssten. Darauf eine andere Kollegin: „Wäschst du auch Mannis Tasse ab?“ Da wurde erst deutlich, dass mit zweierlei Maß gemessen wurde. Das finde ich total blöde, und ich werde dann auch laut.

Wissen eure Bewohner auch Bescheid?
Einige wissen es. Eine schöne Geschichte gab es im Rahmen des Welt-Aids-Tages 2012, bei dem ich mich engagiert hatte. Für einen Videodreh fragte ich einen Bewohner, ob er mit mir gefilmt werden möchte. Er sagte zu. Kurz vorher fragte er mich dann, ob ich denn positiv sei. Das war ein sehr emotionaler Moment für mich. Mit ein paar Tränen im Auge habe ich ja gesagt. Die Reaktion des Bewohners, der zum damaligen Zeitpunkt 85 Jahre alt war, war toll. „Dann weiß ich ja Bescheid!“ war alles, was er sagte.

Welchen Tipp würdest du jemanden geben, der sich als HIV-positiv am Arbeitsplatz outen möchte?
Das ist schwierig. Es hängt ja individuell von der Firma, dem Team und dem gesamten Umfeld ab. Auf jeden Fall sollte man sich klar darüber sein, dass man es nicht mehr zurücknehmen lässt, wenn man es einmal gesagt hat.

Fest steht, dass die Leute heute informierter sind als noch in den 90er Jahren Das macht es grundsätzlich einfacher. Dennoch ist es auch wichtig, Rückhalt von Freunden und der Familie zu haben, wenn es vielleicht nicht so rund läuft.

Zusammengefasst: Wie hat das Outing dein Leben verändert?
Für mich war es auf jeden Fall gut. Denn mein Outing hat vieles verbessert und einfacher gemacht. Und ich habe ganz viel Selbstbewusstsein hinzugewonnen. Heute lauf ich mit einem T-Shirt durch die Straßen auf dem steht „HIV Positive“ und manchmal heben Passanten den Daumen und sagen mir „Find ich gut, dass du so offen damit umgehst!“ Und ich find das auch gut.