Wir alle werden irgendwann älter. Bis heute hat die Forschung noch keine Möglichkeit gefunden, diesen Prozess zu stoppen. Allerdings steigt die Lebenserwartung der Menschen in den Industrieländern immer weiter an – in Deutschland hat sie sich in den letzten 100 Jahren fast verdoppelt.
Das Leben bekommt mehr Jahre – geben wir den Jahren mehr Leben, indem wir uns rechtzeitig aufs Alter vorbereiten! Die wichtigsten Empfehlungen: Vorsorgeuntersuchungen nutzen, die Gesundheit schützen, tragfähige Netzwerke aufbauen und pflegen und sich (auch finanziell) auf das Thema Krankheit und Pflegebedürftigkeit vorbereite
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Mit dem Älterwerden steigt das Risiko von „Alterserkrankungen“ wie Arterienverkalkung (Arteriosklerose), Gelenkschmerzen (Arthrose), Zuckerkrankheit (Diabetes) oder Nachlassen der geistigen Fähigkeiten (Demenz). Durch gesunde Ernährung, Sport und Bewegung sowie das Trainieren der grauen Zellen kann man aber vielen Erkrankungen vorbeugen – und die Lebensqualität im Hier und Jetzt verbessern.
Wichtig sind auch Früherkennungsuntersuchungen (auch Vorsorgeuntersuchungen genannt). Mit dem Alter steigt nämlich das Risiko, an bestimmten Krebsarten zu erkranken, zum Beispiel Prostatakrebs oder Darmkrebs. Wenn diese Krebsarten früh erkannt werden, bestehen aber gute Heilungschancen. Männern wird daher empfohlen, ab dem 45. Lebensjahr einmal jährlich zur Prostatauntersuchung und ab dem 50. Lebensjahr zusätzlich einmal jährlich zur Dickdarm- und Rektumuntersuchung zu gehen. Die Kosten für diese und einige weitere „Vorsorgeuntersuchungen“ werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Weitere Informationen zum Thema „Vorsorgeuntersuchungen“ findest du ➔ Hier oder frage deinen Arzt oder deine Krankenkasse.
Insbesondere Prostatakrebs ist weit verbreitet und wird oft viel zu spät erkannt. Es lohnt sich also, sich einen Ruck zu geben und zur „Vorsorgeuntersuchung“ zu gehen (auch wenn viele Männer – egal ob homo oder hetero – sich nur ungern an Arsch und Schwanz untersuchen lassen).
Auch in der schwulen Szene gibt es viele Vorurteile zum Thema Sex und Alter, zum Beispiel, dass ältere Männer nur auf kleine Jungs stehen oder Sex nur noch gegen Bezahlung bekommen. Das Sexleben älterer schwuler Männer ist aber genauso vielfältig wie das von Schwulen aus anderen Altersgruppen – ob innerhalb oder außerhalb von Beziehungen. Selbstverständlich gibt es ältere schwule Männer, die auf Jüngere stehen, doch genauso gibt es viele junge Männer, die sich ausschließlich zu reiferen Männern hingezogen fühlen. In allen Altersgruppen gibt es aber auch solche, die sich nur für Gleichaltrige interessieren. Und manchen ist das Alter eher egal – vielleicht ist ein gemeinsamer Fetisch wichtiger.
Trotz aller Gemeinsamkeiten zwischen Jung und Alt gibt es aber auch Unterschiede: Ältere Männer verfügen in der Regel über mehr sexuelle Erfahrungen und wissen oft genauer, welche Spielarten ihnen am meisten Spaß machen. Das bedeutet aber nicht, dass es für ältere schwule Männer beim Sex nichts mehr zu entdecken gibt. Auch im Alter kann man immer noch viele neue Dinge beim Sex ausprobieren. Und wenn die Chemie stimmt, dann kann der Sex noch genauso aufregend sein wie beim ersten Mal. Ältere schwule Männer berichten, dass auch nach vielen Jahren Sexleben keine Routine aufkommt und die Geilheit zuweilen sogar stärker sein kann als in jungen Jahren.
Mit zunehmendem Alter steigt allerdings die Wahrscheinlichkeit von Erektionsstörungen, von denen aber auch junge Männer betroffen sein können. Mögliche Ursachen sind beispielsweise regelmäßiger und starker Alkoholkonsum, übermäßiger Stress oder die Einnahme bestimmter Medikamente. Spätestens wenn die Erektionsstörungen das sexuelle Wohlbefinden beeinträchtigen oder die Partnerschaft belasten, empfiehlt sich ein Arztbesuch, um die Ursache abzuklären und nach Lösungen zu suchen. Auf keinen Fall sollte man auf eigene Faust „Potenzpillen“ anwenden, die man sich schwarz beschafft hat: Zum einen werden häufig Fälschungen angeboten, die im besten Fall nicht wirken, im schlechtesten Fall aber gesundheitsschädlich sind. Und zum anderen kann es zum Beispiel bei einer bisher nicht entdeckten Herz-Kreislauf-Erkrankung oder bei Einnahme bestimmter Medikamente gefährlich werden. Kombiniert man zum Beispiel Viagra oder andere Potenzpillen mit Poppers, kann das lebensgefährlich sein. Ähnliches gilt für die Kombination von Potenzpilllen mit bestimmten HIV-Medikamenten oder nitrathaltigen Mitteln. Mehr Informationen zu diesem Thema findest du ➔ Hier
In den Medien wird oft der Eindruck erweckt, nur junge Menschen seien vom Risiko einer HIV-Infektion betroffen. Das stimmt aber nicht – ein großer Teil der HIV-Diagnosen entfällt auf die Gruppe der 40- bis 60-Jährigen. Außerdem: Je älter man wird und je mehr sexuelle Kontakte man hat(te), desto stärker häufen sich die vielen einzelnen Risiken an. Man spricht hier auch vom „kumulativen Risiko“.
Eine HIV-Infektion ist für die meisten Menschen ein einschneidendes Ereignis – und zwar unabhängig davon, ob sie sich mit Mitte 20 oder mit Anfang 50 angesteckt haben. Die Fähigkeit, mit der neuen Situation umzugehen, ist von Person zu Person unterschiedlich. Fast alle Betroffenen aber haben Angst vor Diskriminierung, Ausgrenzung oder Zurückweisung. Wenn du mit jemandem darüber sprechen möchtest, kannst du dich an die Online-Beratung der Aidshilfen unter www.aidshilfe-beratung.de, an den Health Support auf www.gayromeo.com oder an eine Aidshilfe werden – und zwar unabhängig von deinem Alter. In vielen Städten gibt es auch Selbsthilfegruppen für Menschen mit HIV.
Übrigens: Menschen mit HIV haben heute eine fast normale Lebenserwartung, wenn sie rechtzeitig eine Behandlung mit HIV-Medikamenten beginnen und sie konsequent fortsetzen. Entsprechend gibt es auch immer mehr ältere Menschen, die mit HIV leben. Studien zeigen, dass die Medikamente bei älteren Positiven genauso wirksam sind wie bei jüngeren – und dass die „Compliance“ („Therapietreue“, also die Befolgung der notwendigen Maßnahmen durch den Patienten) bei älteren Positiven oft besser ist.
Unabhängig davon, ob man HIV-positiv oder HIV-negativ ist, steigt mit dem Alter auch das Risiko, zum Pflegefall zu werden. Außerdem sind ältere Menschen zunehmend von Armut bedroht. Man sollte sich daher also schon möglichst früh darüber Gedanken machen, wie man für das Alter und für den Fall der eigenen Pflegebedürftigkeit vorsorgen möchte.
Dabei spielt die finanzielle Absicherung eine große Rolle. Versicherungsexperten machen seit Jahren darauf aufmerksam, dass die Leistungen der Renten- und Pflegeversicherung für die meisten heute arbeitenden Menschen nicht mehr ausreichen werden, um im Alter oder bei Pflegebedürftigkeit finanziell über die Runden zu kommen. Viele Arbeitnehmer haben deshalb zusätzliche Versicherungen abgeschlossen oder sorgen auf andere Weise vor, um später nicht von Altersarmut betroffen zu sein. Die verschiedenen Möglichkeiten mit ihren Chancen und Risiken kannst du am besten mit einem Finanzexperten besprechen. Auch das Gespräch mit Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten kann dir wertvolle Anregungen und Ideen geben. Übrigens: Zur Vorsorge gehört auch die Entscheidung, was mit meinem Erbe passieren soll, wenn ich nicht mehr da bin. Beratung dazu bieten zum Beispiel Notare oder Rechtsanwälte, die auf Erbschaftsrecht spezialisiert sind.
„Und was passiert, wenn ich so krank werde, dass ich auf permanente Hilfe angewiesen bin oder keine eigenen Entscheidungen mehr treffen kann?“ Auch über diesen Fall solltest du nachdenken. Vorsorgen kann man hier mit Vollmachten und Patientenverfügungen. Mit diesen Schriftstücken kannst du deinen Partner oder Familienangehörige bevollmächtigen, an deiner Stelle gegenüber Behörden oder Ärzten aufzutreten, um deine Wünsche mitzuteilen und durchzusetzen. Ausführlichere Informationen zum Thema Vollmachten und Patientenverfügung findest du zum Beispiel im Internet.
Viele schwule Männer wollen auch im Alter oder bei Pflegebedürftigkeit offen schwul leben. Seit geraumer Zeit wird deshalb über alternative Wohnformen für ältere schwule Männer diskutiert. Die Ideen reichen von privaten Wohnprojekten oder generationsübergreifenden Wohngemeinschaften bis hin zu professionell organisierten Altenpflegeeinrichtungen. Erste Schritte in diese Richtungen gehen beispielsweise die „Regenbogenvilla“ Berlin oder die „Villa anders“ in Köln.
Um im Alter nicht allein zu sein, sind auch Freundeskreise und Netzwerke wichtig. Bei vielen schwulen Männern ist der Freundeskreis die eigentliche „Familie“, die in schwierigen Situationen Halt geben kann. Am besten beginnst du so früh wie möglich mit dem Aufbau und der Pflege deines Freundeskreises und deiner Netzwerke – Vertrauen braucht Zeit. Um neue Menschen kennenlernen, gibt es viele Wege, vom Internet über Kontaktanzeigen bis zu schwulen Sport- oder Freizeit-Gruppen oder auch einer ehrenamtlichen Tätigkeit, zum Beispiel in einem Schwulenzentrum oder einer Aidshilfe.
Wir altern nicht allein – unsere Familie und unser soziales Umfeld altern mit uns. Und mit zunehmendem Alter müssen wir uns immer häufiger von lieben Menschen verabschieden. Jede Kultur hat dafür ihre eigenen Rituale entwickelt. Auch wenn die meisten das Thema lieber verdrängen, sollte man möglichst doch einmal mit dem Partner oder mit Freunden darüber sprechen, welche Form von Abschied man für sich selbst am passendsten findet. Diese Wünsche kann man auch schriftlich festhalten, und bei vielen Bestattungsunternehmen kann man die eigene Beerdigung schon zu Lebzeiten planen – bis hin zur Auswahl des Sarges.
Viele schwule Männer, die den Beginn der Aids-Epidemie Anfang der 80er Jahre miterlebt haben, mussten zahlreiche und leidvolle Erfahrungen mit dem Thema Sterben und Tod machen – erst Mitte der 90er Jahre wurden die wirksamen Medikamente gegen HIV eingeführt.
Zitat Rollenmodell Georg (58 Jahre)
„Ich war wirklich sehr oft auf Beerdigungen, und auch mein erster Freund ist schließlich daran gestorben. Das war schon eine sehr dramatische Zeit.“
Wundere dich also nicht, wenn du in der Szene Männern begegnest, die auf das Thema „Sterben und Tod“ sensibel reagieren. Das ist ja alles noch gar nicht so lange her, und viele haben auch heute noch mit den Verlusten zu kämpfen und möchten vielleicht nicht daran erinnert werden.
Für viele junge Männer ist es heute ganz selbstverständlich, zu ihrer Homosexualität zu stehen oder ihre Lebenspartnerschaft eintragen zu lassen. Das war aber nicht immer so. Vor noch nicht einmal 70 Jahren wurden schwule Männer von den Nationalsozialisten verfolgt und umgebracht. Wer sich genauer über diese Zeit informieren will, dem sei der Dokumentarfilm „Paragraph 175“ von Rob Epstein und Jeffrey Friedman empfohlen. Der Paragraph 175 des deutschen Strafgesetzbuches stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe und blieb auch nach dem Ende der Nazi-Herrschaft noch lange in Kraft – bis 1994. Viele schwule Männer können sich noch gut an die Zeiten erinnern, in denen man seine Homosexualität verheimlichen musste.
Zitat Rollenmodell Butz (64 Jahre)
„Schon etwas früher habe ich bemerkt, dass ich der Männerwelt zugetan bin. Aber das konnte man damals natürlich überhaupt nicht sagen. Es war ja eine ganz andere Zeit (...) Wichtig war dabei immer, dass man sich nicht erwischen lassen durfte – und das war auch immer meine allergrößte Sorge bei allem. Man würde ins Gefängnis kommen (...).“
Erst Ende der 60er Jahre begann sich die Situation für Schwule und Lesben langsam zu verändern. Als Auslöser gilt der „Stonewall-Aufstand“ vom Juni 1969 in New York, der zur Gründung einer Schwulenbewegung in den USA führte. Als Auslöser für die deutsche Schwulenbewegung gilt Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, der 1970 uraufgeführt wurde und für viel Diskussionen sorgte. Zeitnah bildeten sich in Berlin und Frankfurt erste Gruppen, die öffentlich für die Rechte von Schwulen und Lesben eintraten und in denen sich viele schwule Männer engagierten.
Zitat Rollenmodell Georg (58 Jahre)
„Das war ja auch eine Aufbruchzeit, damals in den 70ern. Und ich habe mir gedacht, dass ich die Power dafür habe, die gesellschaftlichen Verhältnisse mit zu verändern. Es war ja allgemein so eine Stimmung von Veränderung und Selbstbestimmung. Die breiteren Schichten waren natürlich mit allem sehr skeptisch. Mir ist es ja selbst noch passiert: Wenn du mit deinem Freund im Arm durch die Straßen gegangen bist, dann kam es schon vor, dass du angepöbelt wurdest: „Bei Adolf hätte es so etwas nicht gegeben!“ – solche Meinungen waren durchaus noch da. Ich bin dann in die Schwulenszene gegangen und habe mich dort engagiert. Das war einfach ein tolles Netzwerk, das sich für die Schwulenpolitik starkgemacht hat. Es war damals auch noch alles sehr persönlich organisiert. Ein relativ kleiner Kreis von Leuten, und wenn du einmal bei einem dieser bundesweiten Treffen warst, dann kanntest du quasi alle.“
Anfang der 80er Jahre änderte sich die Situation schlagartig, als die Immunschwächekrankheit Aids vor allem schwule Männer betraf. Manche Politiker forderten damals öffentlich, HIV-Infizierte in Lagern zu internieren, um eine Epidemie zu verhindern. Glücklicherweise konnten sich diese Bestrebungen auf politischer Ebene nicht durchsetzen.
Zitat Rollenmodell Georg (58 Jahre)
„So 1982 oder 1983 kamen die ersten Berichte über Aids auf. Und das hat einfach alles verändert. Damals haben wir uns hier in den Schwulengruppen zusammengesetzt und haben überlegt, was man tun kann. Es gab in der Szene ja sogar auch Leute, die meinten, dass wir selber daran Schuld sind, da wir so viel rumgefickt haben. (...) Da von Anfang an besonders Schwule von der Krankheit betroffen waren, hatten wir plötzlich auch Angst, dass es mit unserer errungenen Freiheit vorbei sein könnte und wir wieder in die Löcher zurückmüssten, uns also wieder verstecken müssten.“
Aids verstärkte die Notwendigkeit, auf politischer Ebene für die Rechte schwuler Männer und HIV-Infizierter zu kämpfen. Die Deutsche AIDS-Hilfe entwickelte sich zum größten Interessenverband für Menschen mit HIV und Aids in Deutschland. In den 90er Jahren wurde der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD, ürsprünglich als Schwulenverband in der DDR gegründet) zur heute größten Bürgerrechts- und Selbsthilfeorganisation von Lesben und Schwulen in Deutschland. Große Erfolge auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung waren die Abschaffung des Paragrafen 175 im Jahr 1994, das Lebenspartnerschaftgesetz von 2001 oder auch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz von 2006 (auch als Antidiskriminierungsgesetz bekannt).
Es gibt Männer in unserer Szene, die diese junge Geschichte der schwulen Emanzipation live miterlebt und mitgestaltet haben. Und es gibt junge Männer in unserer Szene, die heute ihr Coming-out haben und denen diese Geschichte(n) wie Ereignisse von vor 200 Jahren vorkommen. Vor diesem Hintergrund darf man also wohl behaupten: Es gibt vieles, was die schwulen Generationen voneinander lernen können – die Jungen von den Alten, aber auch andersherum.
Zitat Rollenmodell Butz (64 Jahre)
„Für mich war es schon immer wichtig, alle Menschen an einen Tisch zu bringen: Lesben und Schwule, Alte und Junge – warum ist das eigentlich immer so schwierig und wieso sind sich manche Gruppen nicht grün? Das muss doch funktionieren! (...) Ich will keine Beweihräucherung – aber trotzdem sollten sie ruhig wissen, wer den Weg dafür geebnet hat, dass sie heute so offen mit ihrem Schwulsein umgehen können.“
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