Am 17. Mai begehen viele Institutionen weltweit den 7. Internationalen Tag gegen Homophobie. ICH WEISS WAS ICH TU setzt in diesem Jahr vor allem auf die Kraft der Bilder – und auf eine klare Ansage:
„MIR REICHT’S! – Meine Würde ist unantastbar“. – Das ist Kernaussage und der Slogan von 10 Plakat-, Postkarten- und Anzeigenmotiven, die ICH WEISS WAS ICH TU bundesweit in Umlauf bringt.
Die Fotos von Norbert Benike zeigen schwule Männer wie sie auch heute noch viel zu oft aussehen: blutig, grün und blau geschlagen, mit zerrissener Kleidung und offenen Wunden. Die Körperhaltung aber sagt: Ich bin selbstbewusst, stolz, aufrecht, fordernd. MIR REICHT’S! Mit anderen Worten: Homophobe Gewalt und Diskriminierung müssen aufhören, in Deutschland und weltweit.
Auf den Bildern sind junge und ältere Schwule zu sehen, Dragqueens genauso wie Kerle, Männer deutscher Herkunft und Migranten. Denn homophobe Gewalt – das Spektrum reicht vom Ignorieren über verächtliche Blicke und Worte bis hin zu blindem Hass und körperlicher Gewalt – kann jeden treffen, egal wie er aussieht und woher er kommt.
Die Aktion von ICH WEISS WAS ICH TU gegen Gewalt hat auch eine Menge mit dem Schutz vor HIV tun.
Dazu Dirk Sander, Schwulenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe: „Wer selbstbewusst und selbstbestimmt mit der eigenen Sexualität umgeht, kann sich auch wirksam vor HIV schützen. Diskriminierung und Angst vor Gewalt beschädigen das Selbstwertgefühl und oft auch die Fähigkeit, sich zu schützen. Wer sich aus Angst verstecken muss, wird durch Prävention nicht erreicht. Gesellschaften dagegen, die sich erfolgreich mit Homophobie auseinandersetzen, haben auch größere Präventionserfolge – das ist längst wissenschaftlich bewiesen. ICH WEISS WAS ICH TU setzt zum 17.5. ein wichtiges Signal für Akzeptanz, Selbstvertrauen und Selbstbestimmung.“
Wie immer bei ICH WEISS WAS ICH TU sind die Menschen in den Bildern keine „Models“, sondern Angehörige der Community. Alexander Freier, SPD-Mitglied, Abgeordneter im Bezirksparlament von Friedrichshain-Kreuzberg, jugendpolitischer Sprecher seiner Fraktion und Mitbegründer der Aktion „Schule ohne Rassismus/Schule mit Courage“ (SOR-SMC), begründet seine Teilnahme so: „Homophobie hat immer noch einen wichtigen Hauptgrund: Homophobe Menschen kennen keine Schwulen. Und haben ein ganz verschrobenes Bild von Homosexualität im Kopf. Das macht Angst. Und aus Angst entsteht Gewalt. Deswegen war ich sofort dabei, weil ich da ganz konkret helfen kann, einfach indem ich mein Gesicht in eine Kamera halte und sage ‚Guten Tag. Ich bin schwul. Du findest mich ganz normal? Super. Dann kannst du ja nett zu mir sein.‘“
Aber auch der Slogan ist Alexander Freier wichtig. „Es ist gut, diese Aussage zu treffen und mit einer indirekten Forderung zu verknüpfen. Wir müssen unsere seelische, geistige und körperliche Unversehrtheit von der Gesellschaft einfordern, können aber auch selbst einiges dafür tun. Wer sich wehrt und versucht, Zustände, die ihm nicht gefallen, zu verändern, ist kein Opfer, im Gegenteil.“
Wer das tun will oder nach einer Gewalterfahrung Hilfe braucht, findet Ansprechpartner im gesamten Bundesgebiet ganz einfach ➜hier. Die Liste wird ständig aktualisiert.
Am 17. Mai 1990 beschloss die Generalversammlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Homosexualität aus der Liste psychischer Krankheiten zu streichen.
Seit 2005 wird in Erinnerung daran am 17. Mai der Internationale Tag gegen Homophobie und Transphobie (engl. Ιnternational Day Against Homophobia & Transphobia, IDAHO) begangen.
Die Idee dazu hatte Louis-George Tin, der heute der französischen Sektion der International Lesbian and Gay Association (ILGA) vorsteht. Ziel des Tages ist es, auf internationaler Ebene Respekt für Lesben und Schwule einzufordern.
In Deutschland erinnern die Ziffern des Datums 17.5. zufällig auch an den ehemaligen Paragraphen 175 des Strafgesetzbuchs, der bis zu seiner endgültigen Abschaffung am 11. Juni 1994 in verschiedenen Varianten sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Schon in den 1920er Jahren sagte man „geboren am 17.5.“, wenn man Schwule meinte.
Im Mai 2011 wird Homosexualität noch in rund 70 Ländern mit Gefängnisstrafen von bis zu 20 Jahren oder schwerer Zwangsarbeit bestraft. In sieben Ländern (Iran, Sudan, Jemen, Mauretanien, Saudi-Arabien, Somalia und Nigeria) können Männer, die Sex mit Männern haben, zum Tode verurteilt werden.
Die internationale Website von IDAHO
Die Verletzungen auf unseren Fotos hat ein Visagist hervorgebracht. Aber die Narbe, die Alexander Freier täglich an seinem Kopf sieht, ist echt: Mit 15 wurde er brutal verprügelt. Zu „MIR REICHT’S!“ mussten wir ihn da nicht lange überreden
Engagiert ist Alex schon lange: Als SPD-Abgeordneter im Bezirksparlament von Berlin-Treptow/Köpenick, jugendpolitischer Sprecher seiner Fraktion und Mitbegründer der Aktion „Schule ohne Rassismus/Schule mit Courage“ (SOR-SMC). Hier erzählt er, warum er auch bei unserer Aktion zum Tag gegen Homophobie dabei ist.
Alex, warum bist du bei unserer Kampagne gegen Homophobie dabei?
Weil ich das Konzept unmittelbar verstanden habe und großartig finde! Einer der Hauptgründe für Homophobie ist mangelnde Sichtbarkeit. Homophobe Menschen kennen oft keine Schwulen. Und haben ein ganz verschrobenes Bild von Homosexualität im Kopf. Das macht ihnen Angst, und aus Angst entsteht Gewalt.
Das heißt, wir brauchen mehr Sichtbarkeit?
Ich freue mich, dass ich hier ganz konkret was tun konnte, einfach indem ich mein Gesicht in eine Kamera gehalten habe und sage: ‚Guten Tag. Ich bin schwul. Du findest mich ganz normal? Super. Dann kannst du ja nett zu mir sein.‘ Für die meisten Heterosexuellen, den Großteil der Gesellschaft, ist die Situation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans* doch normalerweise kein Thema. Das ändert sich durch die beeindruckenden Kampagnenmotive hoffentlich ein bisschen!
Wie findest du den Slogan: „MIR REICHT’S“?
Der hat ja auch noch einen zweiten Teil: „Meine Würde ist unantastbar.“ Es ist gut, diese Aussage zu treffen und mit einer Forderung zu verknüpfen. Wir müssen unsere seelische, geistige und körperliche Unversehrtheit von der Gesellschaft einfordern, können aber auch selbst einiges dafür tun. Wer sich wehrt und versucht, unhaltbare Zustände zu verändern, ist kein Opfer – im Gegenteil!
Du bist bei „Schule ohne Rassismus/Schule mit Courage“ (SOR/SMC) engagiert. Welche Erfahrungen machst du da mit Homophobie?
Es gibt inzwischen gut 800 Schulen, die unser Label bekommen haben, aber auch wenn ich an diesen Schulen unterwegs bin, werde ich oft mit homophoben Äußerungen konfrontiert. Ich mache das ganz bewusst zum Thema, einfach indem ich meine eigene Sexualität nicht verstecke. Ich höre dann oft solche Dinge wie „Du bist ja ganz normal, aber andere Schwule sind doch echt eklig.“ Auf Nachfrage stellt sich dann heraus, dass das Schwulenbild dieser Jugendlichen nur von Bildern aus den Medien bestimmt wird, die eben oft Klischees reproduzieren oder sensationslüstern berichten. Ein einziger echter Schwuler bringt da jahrelang gepflegte Vorurteile zum Einsturz. Auch hier kann die Kampagne wirken.
Was sagst du zu der These, dass mehr Sichtbarkeit mehr Homophobie erzeugt?
Meine Erfahrung ist eine andere. Wenn Sichtbarkeit Gewalt hervorruft, ist das natürlich nicht gut, aber die schwulenfeindlichen Einstellungen hatten die Leute ja schon vorher. Die negative Reaktion auf sichtbare Schwule zeigt: Die Leute haben falsche Bilder im Kopf. Und die kann man beeinflussen und ändern. Also an die Arbeit!
Hast du selbst schon Erfahrungen mit homophober Gewalt machen müssen?
Ja. Als ich klein war, so 15, war ich auch schon offen schwul und bin deswegen mal von zwei Jungs verprügelt worden, ziemlich brutal sogar. Ich habe deswegen eine Narbe am Kopf. Die ist zwar gut verheilt, aber ich sehe sie jeden Tag und werde so daran erinnert. Ein Grund mehr, etwas dafür zu tun, dass solche Erfahrungen anderen 15-Jährigen – und allen anderen – erspart bleiben.
Interview: Paul Schulz