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Achim (42) aus Berlin

Ich bin positiv. Ich hab noch viel vor!

Achim ist 42 Jahre alt und arbeitet als selbständiger Grafiker in Berlin

Als mein Vater erfuhr, dass ich schwul bin, schmiss er mich raus

Ich lebe jetzt seit 20 Jahren in Berlin. Geboren bin ich in Baden-Württemberg. Meine Eltern trennten sich schon sehr früh und bis ich so sieben oder acht war, lebte ich bei meinen Großeltern. Als ich dann zur Schule ging, bin ich weiter bei meiner Mutter aufgewachsen. Mit 16 Jahren schließlich bekam ich eine kleine Dachgeschosswohnung im Haus meines Vaters für mich alleine angeboten. Das wollte und konnte ich als Jugendlicher nicht abschlagen. Mein Vater war insgesant dreimal verheiratet und ich habe noch drei ältere Halbgeschwister aus früheren Ehen meines Vaters. Unser Verhältnis war immer sehr gut und eher kumpelhaft. Trotzdem war er bei einigen Dingen ein ziemlicher Spießer und hatte auch mit Schwulen ein echtes Problem. Irgendwie hat er es geahnt – aber ich bin seinen Fragen immer ausgewichen. Irgendwann war es mir dann egal und ich hatte auf das Versteckspiel einfach keinen Bock mehr. An Heiligabend hat er es erfahren. Da war ich 19. Er hat mich einfach Knall auf Fall rausgeschmissen. Ich stand wirklich von jetzt auf gleich auf der Straße und musste Unterschlupf bei meiner Großmutter und später bei meiner Mutter suchen. Ich habe dann noch zwei Jahre in Süddeutschland in einer eigenen Wohnung gelebt und meine Ausbildung beendet.

Mit 17 Jahren war ich zum ersten Mal in Berlin und schon da habe ich gespürt, dass ich irgendwann in diese Stadt gehen würde. Und Anfang 1988 bin ich schließlich hierher gezogen. Einige Jahre später war ich noch einmal für zwei Jahre beruflich in Süddeutschland. Ein gutes Jobangebot, das ich nicht ausschlagen wollte. Trotzdem behielt ich meine Wohnung in Berlin und war am Wochenende ab und zu hier. Aber bei dieser Entfernung ständig zu pendeln ist anstrengend und kostspielig, so dass ich den Kontakt zu meinen Freunden in Berlin nicht so pflegen konnte, wie ich es wollte. Vor diesem Weggang war es eine Art Hass-Liebe zwischen Berlin und mir. Ich fand die Stadt und das Leben hier schon toll – aber manches fühlte sich auch einfach blöd an. Kalt. Ruppig. In den zwei Jahren in Süddeutschland, lernte ich Berlin erst richtig lieben und der Hass trat in den Hintergrund. Heute fühle ich mich hier mehr denn je zu Hause. Lieber arm in Berlin, als reich in Süddeutschland!

Mit meiner HIV-Infektion gehe ich genauso selbstverständlich um, wie mit meinem Schwulsein

Mein Schwulsein lebe ich heute ganz selbstverständlich. Ich laufe nicht mit einem Schild rum, auf dem steht „Ich bin schwul!“ und im Job muss ich es auch nicht jedem direkt – und vor allem ungefragt – sagen; gerade, wenn ich weiß, dass er ein Problem damit hat. Aber im Großen und Ganzen geh ich sehr offen damit um. Seit jetzt zehn Jahren gehe ich auch mit meiner HIV-Infektion so um. Ich bin damit nicht sorglos und erzähle es nicht jedem. Nur die Menschen in meinem unmittelbaren Umfeld wissen davon. Eine Zeitlang ging es mir auch gesundheitlich nicht gut und ich hatte keine Lust, irgendwelche Geschichten zu erfinden. Ehe da beispielsweise im Büro wild rumspekuliert und getuschelt wird, lege ich die Fakten auf den Tisch. Und gut ist!

Neulich war ich zu einem großen Essen bei Freunden eingeladen, da saßen rund 30 Leute am Tisch, die ich nicht alle kannte. Um Mitternacht habe ich meine Pillendose rausgeholt und die Dinger am Tisch geschluckt. Und plötzlich klapperten die Pillendosen dann auch bei ein paar weiteren Gästen. Ich weiß nicht, ob ich in dem Augenblick die Initialzündung oder „Vorbild“ für die anderen war. Ich habe einfach keinen Bock, heimlich meine Tabletten zu nehmen. Mit meiner Offenheit habe ich jedenfalls bisher keine negativen Erfahrungen gemacht – und wenn es dann doch mal so war: auch egal!

Ich möchte HIV nicht verdrängen – aber mich pausenlos damit beschäftigen auch nicht

Ich bin mit HIV groß geworden. Ich kann mich noch gut an die erste SPIEGEL-Titelgeschichte zu dem Thema Anfang der 80er erinnern. Das war noch vor meinem ersten schwulen Sex. Ich habe nie eine AIDS-Hysterie entwickelt, aber ich habe immer so etwas wie ein HIV-Bewusstsein gehabt. Safer Sex war für mich selbstverständlich. Kondome haben mich früher sogar angemacht, denn das hieß „Ficken dürfen!“. Es gab auch einige Unfälle. Anfang der 90er bin ich in einer Beziehung sorgloser geworden. Da ist beim Ficken ein Gummi geplatzt. Wir waren beide sehr erschrocken, sind sofort zum Gesundheitsamt und haben uns testen lassen. Der Test war bei uns beiden negativ. Also ließen wir die Kondome weg. Das hat mich vielleicht ein bisschen verdorben, leichtsinniger gemacht. Außerhalb der Beziehung blieb der Sex aber meistens safer. Meistens! Nicht immer! Irgendwann ist dann aber „was passiert“ und Mitte der 90er-Jahre erfuhr ich von meiner HIV-Infektion. Auch wenn die Infektion einen ziemlichen Stellenwert in meinem Leben hat, ist für mich heute unwichtig, wie es dazu kam. Heraus kam das Ganze, als ich mich nach einem Sommertag in der prallen Sonne ziemlich mies fühlte. Erst dachte ich an einen Sonnenstich. Mir ging es ziemlich übel, ich habe dauernd gekotzt, konnte nicht laufen, mir war sehr schwindelig und ich hatte unglaublich starke Kopfschmerzen. Mein damaliger Mitbewohner rief dann einen Arzt, der als eine mögliche Diagnose auf eine akute HIV-Infektion tippte. Einige Leuten bekommen einen kleinen Schnupfen oder grippeähnliche Symptome und bei mir hat es eben voll reingehauen. Es wurde ein HIV-Test gemacht, der war sogar noch negativ, so frisch muss die Infektion gewesen sein.

Nach ein paar Tagen ging es mir schon wieder besser und zwei Wochen später konnte ich mit einer Freundin zum Bergwandern in die Pyrenäen fahren und direkt anschließend zu meinem Job nach Süddeutschland. Ich habe zwar kurz darüber nachgedacht, dass es doch HIV sein könnte – aber den Gedanken dann wieder beiseite geschoben. Einen Test habe ich dann nicht noch einmal gemacht. Ich wollte es nicht verdrängen – aber ich wollte mich auch nicht damit beschäftigen. Das war natürlich Selbstbetrug. Irgendwann bin ich dann doch zu einer Blutuntersuchung gegangen. Viruslast- und Helferzellenbestimmung. Da hatte ich dann meine Gewissheit. Aber zwischen der unklaren HIV-Diagnose und dieser Untersuchung lagen eben doch zwei Jahre. Mit dem positiven Ergebnis in der Tasche bin ich dann wieder zurück nach Berlin. Von da an habe ich mich gekümmert, bin regelmäßig zur Viruslastbestimmung. Mit der Therapie fing ich erst später an. Zunächst hatte ich auch keine großen gesundheitlichen Beschwerden. Anfang 2001 hatte ich jedoch meine erste Syphilis, gleichzeitig eine Lungenentzündung. Durch beide Erkrankungen verschlechterten sich meine HIV-Werte dramatisch. Und mein Arzt stellte dann auch Kaposi bei mir fest. Da habe ich schließlich mit der Therapie begonnen. Ohne die würde ich heute nicht mehr leben. Das ist mir klar. Mir ging es Dank der HIV-Therapie recht schnell wieder besser und nach wenigen Monaten sogar richtig gut. 2003 waren meine Werte so gut, dass ich eine Therapiepause machen konnte. HIV war nicht vergessen oder verdrängt – aber weniger wirklich. Es ist eben präsenter, wenn du zweimal am Tag deine Pillen schlucken musst. Dann steht das Wort AIDS in riesigen Lettern vor dir. Inzwischen habe ich ein gutes Gefühl dafür entwickelt, wie es um meine Gesundheit steht und was mir gut tut. Seit 2005 nehme ich wieder Medikamente und es ist alles im grünen Bereich.

Mit potenziellen Sexpartnern gehe ich ganz offen um

Bevor klar war, dass ich HIV-positiv bin, gab es ein paar Unfälle beim Safer Sex. So eine Situation wollte ich nun nicht mehr haben. Mit der Gewissheit, positiv zu sein, würde das bedeuten, möglicherweise jemanden infizieren zu können. Mit anderen Positiven habe ich dieses Problem nicht. Deshalb lege ich Wert darauf, dass meine Sexpartner auch positiv sind. Beim romantischen Rumkuschel-Ficken vorm Einschlafen erst mit einem Gummi rumfummeln zu müssen, das geht einfach nicht. Und ich stehe eben auch auf derberen Sex, wie zum Beispiel Fisten, da ist Fett mit im Spiel. Diese fettresistenten Kondome, die ich getestet habe, sind alles andere als gefühlsecht. Mit potenziellen Sexpartnern gehe ich offen und ehrlich um. In der Sauna gab es mal so eine Situation: Da kam ein schnuckeliger Mann zu mir in die Kabine und fragte, ob er bleiben dürfe. Da fragte ich ihn, ob er positiv sei. Er war's nicht und dann musste er eben wieder gehen.

Beim virtuellen Kennenlernen ist es noch einfacher. Da steht es in meinem Gayromeo-Profil, dass ich positiv bin. Wenn ich Sex mit Nicht-Positiven habe, dann weiß ich natürlich, wie ich mit dem Gummi umzugehen habe. Mit der HIV-Therapie liegt meine Viruslast unter der Nachweisgrenze und wenn da mal das Gummi reißen sollte, dann ist das nicht so ein Drama.

Ich wünsche mir bei den Schwulen mehr Verantwortungsgefühl gegenüber sich und anderen

Seit rund zwei Jahren gehe ich sehr viel weniger aus als früher. Weniger Sex, weniger Sozialkontakte. Auch zu langjährigen Freunden. Zum einen hat das damit zu tun, dass vor zwei Jahren eine für mich sehr wichtige und wertvolle Beziehung auseinander gegangen ist. Und ich bin jetzt einfach gern auch mal allein. Aber es hat auch viel damit zu tun, dass mir die schwule Subkultur eher auf die Nerven geht. CSD und so etwas, das ist eigentlich nichts für mich. Und wenn ich das hin und wieder mal mache, dann eher aus der Distanz eines Beobachters. Ich habe auch keinen Bock, mir nochmal irgendeine Geschlechtskrankheit zu holen. Und es gibt so viele Schuppen, wo die Leute trotz einer bekannten oder vermuteten Syphilis ficken gehen und sich einfach nicht darum kümmern. Auch ein Kondom nutzt da ja nichts. Ich hab inzwischen schon zweimal eine Syphilis gehabt und auch wenn es behandelbar ist, ist es einfach nervig, wenn du sie hast.

Und die Leute halten es nicht einmal für nötig, dich nachträglich darüber zu informieren, auch wenn sie dich kontaktieren könnten. Als ich darauf mal jemanden angesprochen habe, meinte er nur, damit müsse ich eben rechnen, wenn ich in solche Fickschuppen gehen würde. Ich habe das jetzt mehrfach erlebt und bin da mittlerweile auch ein bisschen paranoid oder panisch. Eine Syphilis oder einen Tripper kann man relativ einfach behandeln. Eine Hepatitis C eben nicht. Und so eine Interferontherapie ist echt hart. Ich stelle einfach fest, dass es da eine ziemliche Verantwortungslosigkeit herrscht, so eine richtige „Leck-mich-am-Arsch-Stimmung“. Da würde ich mir einfach mehr Verantwortungsgefühl wünschen – sich selbst und anderen gegenüber. Aber ich versuche nicht, die Welt zu bekehren und das ist auch der Grund dafür, dass ich mich zurückgezogen habe. Ich wäge da einfach den Kosten-Nutzen-Faktor ab und dann bleibe ich eben zu Hause und hole mir gepflegt einen runter. Kann auch nett sein! Ich vermisse es auch nicht wahnsinnig – aber ab und zu, da kriege ich einen totalen Rappel und dann beende ich diese sexlose Phase. Dann weiß ich aber auch wieder für lange: Jetzt ist genug.


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