Beim Sex nehme ich kein Blatt vor den Mund!
Andreas ist 42 Jahre alt, wohnt in Wilhelmshaven und arbeitet als Berufssoldat.
Dass ich schwul bin, habe ich weggedrückt
Ich bin in einem kleinen Dorf in der DDR zur Welt gekommen, nah an der polnischen Grenze. Da ist nichts, tote Hose! Meine familiären Bedingungen waren auch nicht wirklich günstig. Mein Vater konnte mit Konflikten nicht umgehen, das waren körperliche und seelische Gewalterfahrungen, mit denen ich groß geworden bin. Ich habe mich deshalb mit 18 Jahren davongemacht und bin zum Studieren zur Nationalen Volksarmee gegangen. Die Offiziershochschule war in Stralsund, also eigentlich am anderen Ende der DDR. Das war damals eine der wenigen Möglichkeiten, der Situation zu Hause zu entkommen. Weg, vor allem weit weg! Das war sicher auch gut so. Ich bin ausgebrochen aus dem System und habe es deshalb auch geschafft, dass etwas aus mir wird. Meine Geschwister leiden bis heute unter diesen Erlebnissen. Nachdem ich mein Studium beendet habe, bin ich auch erst einmal bei der Armee geblieben. Und nach der Wende wurde ich durch die Bundeswehr übernommen. Meine ganze Ausbildung musste ich allerdings noch einmal machen, das hat man nicht anerkannt. Aber ich bin dann Berufssoldat geworden. Seit etwa zehn Jahren bin ich jetzt schon hier in Wilhelmshaven stationiert.
Dass ich schwul bin, das habe ich schon immer geahnt. Aber sowohl der familiäre Hintergrund als auch die DDR-bedingte Historie haben mich davon abgehalten, mir darüber wirklich Gedanken zu machen. Es gab immer mal wieder Episoden, wo ich mich in einen Mann verguckt habe und ich anfing durchzudrehen und ich nicht einmal wirklich wusste, warum. Als ich so etwa 20 Jahre alt war, da war ich einmal sogar richtig in einen Typen verknallt. Aber ich habe das alles weggedrückt. In den 90er-Jahren habe ich es dann auch mal mit einer heterosexuellen Beziehung probiert. Das ist natürlich mir Pauken und Trompeten danebengegangen. In der ganzen Zeit habe ich nie etwas mit Männern gehabt. In den letzten Jahren vor meinem Outing bin ich sogar manchmal heimlich ins Sexkino gefahren, nur um ein paar Gay-Filme zu gucken. Aber selber etwas gemacht, das habe ich nie.
Ein Unglück öffnete mir die Augen
2001 war ich dienstlich in Hamburg. Ich bin alleine die Reeperbahn langgelaufen, und da gab es einen Laden, der mich magisch angezogen hat. Das Ende vom Lied war dann, dass ich eine halbe Stunde später im Sling lag. Und da konnte ich es plötzlich nicht mehr wegdrücken. Das, was ich mir jahrelang gewünscht hatte, aber vor dem ich auch immer Angst hatte, ist einfach passiert. Meine erste Erfahrung mit einem Mann – mit 35 Jahren. Allerdings mündete diese Geschichte dann in einen totalen Zusammenbruch. Als ich aus dem Laden raus bin, war ich schon wie in Trance. Ich stand total neben mir. Das ging die ganze Nacht noch so, und als ich dann am nächsten Tag zurück in Wilhelmshaven war, war bei mir Showdown. Ich hatte Schwindelanfälle, einen riesigen Flash, wollte mich auf der anderen Seite aber auch umbringen.
Irgendwie habe ich es aber noch geschafft, meine Ex anzurufen, die mir dann auch zur Hilfe gekommen ist. Sie hat dafür gesorgt, dass ich in ein Krankenhaus komme. Und dort hat man mir auch geholfen. Die Ärztin hat meinen Vorgesetzten informiert. Der konnte Gott sei Dank etwas mit dem Stichwort „Homosexualität“ anfangen und damit umgehen – er hat mich dann erst einmal für drei Wochen beurlaubt. In dieser Zeit konnte ich mich wieder sammeln. Es war aber alles noch sehr in der Schwebe. Etwas sehr Entscheidendes passierte dann im Jahr darauf. Ich war zu dieser Zeit noch Privatpilot und bin Ostern mit einem kleinen Flugzeug abgestürzt. Ich hatte einen Fluggast an Bord, mit dem ich einen Rundflug machen wollte. Wir sind über Kopf gegangen, und die Maschine hatte einen Totalschaden. Ich und mein Gast hatten nicht einmal Schrammen, was für ein Glück! Aber als ich vor den Trümmern der Maschine stand, fragte ich mich, was ich hier eigentlich treibe auf dieser Welt – und seit diesem Tag lebe ich offen schwul.
Ich habe mich für den einzigen Schwulen bei der Bundeswehr gehalten
Man muss sich das so vorstellen: Das Leben fängt noch einmal völlig neu an. Das ist wie eine Neugeburt. Aber ich wusste natürlich gar nichts und hielt mich für die einzige Schwester im Verein. Das war ja auch ein Grund dafür, nicht offen damit umzugehen. Durch eine glückliche Fügung habe ich dann aber jemanden an meinem Stützpunkt kennengelernt, der eine schwul-lesbische Gruppe leitet. Ein Zivilbeschäftigter aus der Verwaltung. Ich war total schüchtern, als ich auf den zugegangen bin. Er hat mich unter seine Fittiche genommen, und heute sind wir die besten Freunde. Durch ihn bin ich auch zur AIDS-Hilfe gekommen, wo ich mich ehrenamtlich engagiere. Das war für mich natürlich auch gut, denn ich habe da Anschluss gefunden und war so schnell in der Szene drin. Schließlich habe ich da viel von den anderen erfahren, zum Beispiel, wo ich so hingehen kann.
Bei der Bundeswehr lief es für mich dann auch eigentlich ziemlich gut mit dem Outing. Und da war dieser Kontakt einfach sehr wichtig. Früher wurden Schwule bei der Bundeswehr wirklich kaltgestellt, da gibt es einige ganz heftige Geschichten. Seit 2000 oder 2001 ist es ja ganz offiziell so, dass dem Dienstherrn das egal zu sein hat, ob man schwul, bi oder hetero ist. Genau in diese Zeit der Liberalisierung bin ich auch mit meinem Coming-out reingerutscht. Sicher gibt es noch viele Bereiche in der Bundeswehr, in denen es Schwule schwer haben. Da ist noch viel Murks in den Köpfen! Aber mein Umfeld hat einfach super reagiert, und meine Kollegen haben keinerlei Probleme mit mir. Wir sind als Schwule bei der Bundeswehr übrigens gut vernetzt über den „Arbeitskreis Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr“, und man kennt sich. Aber natürlich ist es nicht so, dass alle Schwulen bei der Bundeswehr offen damit umgehen. Die Gründe dafür, sich nicht zu outen, spielen sich dabei aber manchmal auch nur im Kopf ab.
Die Sexualität zu entdecken, war einfach genial
Für mich ging nach dem Outing alles total schlagartig. Die ersten Treffen auf Parkplätzen, ich war viel unterwegs – auch im Kölner Raum. Ich habe alles ausprobiert und erforscht. Es war einfach genial. Die Sexualität so zu entdecken, das war, als wäre ein Knoten geplatzt. Das habe ich auch so lange gemacht, bis ich umgefallen bin. Irgendwann kam ich dann auch auf GayRomeo und habe auch dort mal die Fühler augestreckt. Es war sicher gut, dass ich gleich nach meinem Coming-out zur AIDSHilfe gefunden habe. So wusste ich gleich zu Beginn das Wesentliche und konnte das eine oder andere Risiko wahrscheinlich gut umschiffen. Ich hatte ja so ein Bild im Kopf: Schwule – HIV – Aids. Diese Zusammenhänge kannte ich so aus der Presse. Darum hatte ich schon ein bisschen Angst. In der AIDS-Hilfe habe ich viel mitbekommen und bekam schnell mit, was man tun und ich wie ich aufpassen kann. Das war echt ein Glücksfall – ich bin so nie in die Situation gekommen, extreme Risiken einzugehen. Als ich das erste Mal bei der AIDS-Hilfe war, bin ich gleich mit ein paar Gummis da wieder rausgegangen.
Und da bin ich mir bis heute treu geblieben. Ich habe immer Gummis dabei, in einer kleinen Box. Da können die in der Sauna auch gern mal komisch gucken – ich stehe dazu! Ich bin auch nicht so der Typ für den Darkroom, da ich schon gerne sehen möchte, mit wem ich es zu tun habe, aber auch sehen möchte, was passiert. Nicht dass mal einer den Gummi wieder runter macht. In der Sauna lerne ich die meisten Männer für Sex kennen. Manchmal geht auch was über GayRomeo, aber das ist recht selten. Wenn ich in Berlin bin, was häufiger mal vorkommt, dann gehe ich da auch gerne in einen bestimmten Club. Das Gute daran ist, dass da überall Kondome in großen Schalen bereitstehen. Da braucht man sich nicht groß Gedanken machen, sondern einfach nur nach rechts oder links greifen. Außerdem stehe ich auch aufs Fisten – aber nur aktiv. Da habe ich immer ein Paket mit, denn Handschuhe und Gleitgel sind Pflicht. Und natürlich rede ich auch mit meinem Gegenüber. Mit Gewalt ist da nichts, das muss ganz langsam gehen.
Wenn ich so in der Szene unterwegs bin, dann kriege ich schon mit, dass es auch einige ohne Gummi machen. Dabei denke ich eigentlich, dass die meisten gut Bescheid wissen über HIV und Aids. Ich denke manchmal, in der Situation rutscht bei vielen wirklich das Hirn nach hinten. Bei mir ist das so: Ich habe irgendwie so einen kleinen Wächter im Kopf, der immer aufpasst. Für fünf Minuten Spaß riskiere ich nicht meine Gesundheit. In meiner Anfangsphase hatte ich mal Sex mit einem guten Bekannten. Wir haben zwar immer einen Gummi genommen, aber als ich dann erfahren habe, dass er HIV-positiv ist, habe ich mir schon die Frage gestellt, ob ich alles richtig gemacht habe. Vielleicht bin ich auch hypochondrisch veranlagt – aber ich hatte da schon ein bisschen Angst. Also habe ich mich testen lassen – aber es war Gott sei Dank nichts.
Über Sex zu sprechen, ist total wichtig
Meine erste Beziehung lernte ich schon ziemlich bald nach meinem Coming-out kennen. Das war die ganz große Liebe, und wir haben uns schnell verpartnert. Besonders war noch, dass wir damals zu dritt gelebt haben. Er, sein Sohn und ich. Ich habe mich gefühlt wie eine Mama ohne Brust. Zwei schwule Väter – das gibt es ja nicht so häufig. Mit seinem Sohn habe ich mich aber sehr gut verstanden. Und als wir uns getrennt haben – wir waren eben doch sehr unterschiedlich –, ist er sogar bei mir geblieben. Sein Sohn lebt also immer noch hier bei mir. Inzwischen habe ich wieder einen neuen Partner. Wir führen eine offene Beziehung, und es gilt auch hier, dass es natürlich nur mit Gummi geht. Auch in meiner ersten Beziehung war das schon so. Irgendwann haben wir uns dann aber testen lassen und haben es dann in der Beziehung eben auch ohne Gummi gemacht. An monogamen Beziehungen habe ich so meine Zweifel. Da verspricht man sich etwas – und dann trifft man sich plötzlich auf dem nächsten Parkplatz.
In einer offenen Beziehung braucht man sich nichts vorzumachen, wenn man wirklich offen miteinander umgeht und miteinander über die Dinge spricht. Wenn in Beziehungen nicht ehrlich miteinander umgegangen wird und wenn Scham und Eifersüchteleien da eine Rolle spielen, dann wird es eben gefährlich. Man braucht sich beim Cruisen nur mal umzuschauen, was da alles so rumläuft. Hinten noch der Kindersitz im Auto – und die Partnerin weiß sicher nichts davon. Das ist eben dieses Problem, das ich habe. Diese Tabus. Für mich ist wirklich wichtig, über Sex sprechen zu können. Da nehm ich kein Blatt vor den Mund. Wenn ich heute alles mal Revue passieren lasse, diese ganze Entwicklung, die ich so gemacht habe, dann stelle ich fest, dass ich viel offener geworden bin. Früher war ich mehr das graue Mäuschen, bin immer mitgeschwommen – bloß nicht auffallen, war meine Devise. Und damit ist es einfach vorbei.



























