100 % Sicherheit gibt es im Leben nicht
Axel ist 40 Jahre alt, wohnt in Köln und arbeitet als Florist.
Bis ich 25 Jahre alt war, lebte ich völlig asexuell
Ich bin gebürtiger Ostwestfale, bin dort in einer Kleinstadt aufgewachsen. Meine Mutter war Hausfrau, mein Vater Konditormeister, und ich habe einen Bruder, der heute Banker ist. Auch mein Werdegang war ganz klassisch: Realschule, Ausbildung, Zivildienst, später noch das Fachabitur und ein Studium in Bielefeld. Die Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, ist ja etwas dörflich. Und die Zeiten waren damals auch noch andere. Da war also nichts mit Coming-out. Ich hatte kein Auto, konnte also auch nicht weg aus dem ländlichen Rahmen. Die ganze Sache mit HIV und Aids war damals sehr akut, ging durch alle Medien. Ich dachte einfach nur: Oh Gott, das will ich alles nicht, davor habe ich Angst! Auch ein Grund, warum ich, bis ich 25 Jahre war, völlig asexuell gelebt habe – erst dann habe ich mich geoutet. Ich hatte bis dahin weder Sex mit Männern noch mit Frauen. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade auf dem Sprung nach Bielefeld, also weg von zu Hause. Da war es auch kaum mehr auszuhalten für mich. Ich meine, wenn man 25 ist und noch immer keinen Sex hatte, dann hat man irgendwann auch den Punkt erreicht, an dem man auf dem Zahnfleisch geht.
Ich bin dann nach Bielefeld in eine WG gezogen, habe angefangen, habe mich in einem schwulen Sportclub angemeldet. So habe ich schnell Männer kennengelernt und auch sexuelle Erfahrungen gesammelt. Ich habe das Coming-out wirklich stürmisch ausgelebt. Auch zu Hause musste ich endlich damit raus, angesichts der vielen Lügen. Mir stand das Wasser schon bis zum Hals – ich hab das kaum ausgehalten, wurde schon verbal aggressiv. Das Outing habe ich da mit einem T-Shirt des schwulen Sportvereins eingeleitet. Das habe ich einfach in die Wäsche getan, sodass meine Mutter es entdecken musste. Ich erinnere mich noch sehr genau, dass das emotional sehr heftig war. Bei meiner Mutter war es die klassische Reaktion: „Was habe ich falsch gemacht?“; sie hat es meinem Vater, der nun schon einige Jahre nicht mehr lebt, auch nie erzählt. Ich weiß aber, dass es mir nach dieser Aktion besser ging. Im weiteren Familienkreis ist es bis jetzt nicht so sonderlich bekannt. Klar, mein Bruder mit seiner Familie weiß natürlich auch Bescheid. Aber ich tauche eben auch nicht mit meinem Partner zu irgendwelchen Familienfeiern auf oder so. Meine Mutter ist jetzt auch 75 Jahre alt, und ich erwarte da auch nicht unbedingt grenzenlose Toleranz.

Der erste Mann war total vorsichtig
Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich den ersten Mann kennengelernt habe, mit dem ich Sex hatte. Ich glaube, das war über eine Zeitungsanzeige. Wo der erste Sex stattfand, das weiß ich allerdings noch ganz genau: In einem weißen Mercedes, schwarze Lederausstattung, irgendwo in einem Moor. Mir war dabei gar nicht klar, was mich beim schwulen Sex so erwartet. Damals war es ja nicht ganz so einfach, an all die Informationen zu kommen. Heute ist das dank Internet viel leichter. Ich hatte also nur so vage Vorstellungen. Mit dem ersten Mann hatte ich aber wirklich Glück, denn er war sehr vorsichtig und hat die Situation nicht ausgenutzt. Ich habe mich mit ihm auch ein paar Mal getroffen, aber immer mit großen Abständen.
Analverkehr gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht. Es ging eben wirklich sehr vorsichtig vonstatten. Da ich durch den schwulen Sport deutschlandweit unterwegs war, war es später auch nicht schwer, Männer kennenzulernen. Beim gemeinsamen Sport gibt es manchmal eben auch einen wirklich hohen Flirtfaktor. Außerdem war ich auch bei Seminaren im Waldschlösschen (Homepage) und so. Da hat sich dann auch mal zufällig was ergeben.
In Köln ist das schwule Angebot einfach riesig
Die schwule Szene in Bielefeld war sehr überschaubar, was auch Vorteile hatte, man konnte gut Kontakte knüpfen. Ich war auch in der AIDS-Hilfe. Da habe ich tolle Leute kennengelernt; die haben mich auch in der ganzen Zeit des Coming-outs unterstützt und begleitet. Wenn ich das mal vergleiche, dann ist es hier in Köln viel schwieriger, Menschen kennenzulernen. Mich hat es 1999 nach Köln verschlagen. Nach dem Studium wollte ich Ostwestfalen entfliehen. Ich hatte durch den Sport auch schon einige Bekannte hier, das war hilfreich am Anfang. Und hier in Köln gibt es einfach ein großes schwules Angebot. Köln mag ja eine tolerante Stadt sein, aber es kommt auch sehr auf den Stadtteil an. Ich würde zum Beispiel nicht mit meinem Freund Händchen haltend über die Ringe gehen, nur um mir dann blöde Sprüche anzuhören oder einen auf die Mütze zu kriegen.
Von der Szene nutze ich heute nicht mehr so viel. Der Nachteil ist auch, dass das Angebot so groß ist, dass es dann schon wieder sehr spezifiziert ist. Das Eine ist dann nur für die Ledertypen, in andere Läden gehen nur die Anabolika-Monster und so weiter. Ich selber beschränke mich da gerade auf ein paar Cafés und Kneipen, und mit meinem Partner gehe ich auch gern in die schwulen Saunen. Was ich sehr schätze, ist das kulturelle Angebot in der Szene. Comedy, Theater und Kleinkunst – da ist es schon ein Unterschied, ob man nun in einer heterosexuellen Veranstaltung sitzt oder in einer schwul-lesbischen. Das Publikum ist einfach ein anderes.
Ich führe eine offene Beziehung
Kurz nachdem ich nach Köln kam, habe ich auch meinen Freund kennengelernt. Ich hatte vorher eine Fernbeziehung, die frisch beendet war, und wollte eigentlich gar keinen Mann mehr haben. Mit dieser Einstellung habe ich ihn auf einer Geburtstagsfeier getroffen. Ich glaube, ihm ging es genauso: Er hatte sich auch gerade getrennt und hatte von Männern die Schnauze voll. Wir haben uns dann an dem Abend aber total verquatscht und hatten dann in der ersten Nacht hier in meiner Wohnung auch gleich Sex. Inzwischen sind wir neun Jahre zusammen und nach wie vor sehr glücklich. Wir haben aber immer noch zwei Wohnungen. Ich muss mich auch mal zurückziehen, da ist eine gemeinsame Wohnung nicht das Richtige. Am Anfang wohnten wir hier in Köln noch weiter auseinander. Seit einiger Zeit ist er aber in die Nähe gezogen, gleicher Stadtteil. In der Woche sehen wir uns so zwei Mal und dann eben am Wochenende. Das hat sich so eingependelt. Von der Definition her führen wir eine offene Beziehung. Den Sex mit anderen Partnern haben wir dann in aller Regel eben in der Sauna. Dieses ganze Hin- und Hergeticker über das Internet, das ist nichts für mich. Zwar bin ich auch auf den berühmten „Blauen Seiten“ vertreten, aber ich pflege darüber eher meine Sozialkontakte, indem ich Freunden mal kurz ein paar Sätze schreibe.
In der Sauna ist es mit dem Sex einfacher. Man sieht den anderen eben. Einmal im Jahr fahren wir außerdem nach Ibiza. Und da findet auch schon mal was statt – jeder für sich oder zu dritt oder in welcher Form auch immer. Wenn da outdoormäßig mal was läuft, dann geht halt jeder seiner Wege und sagt, man ist jetzt eben mal ein bisschen cruisen. So kann jeder sein eigenes Ding machen – die Geschmäcker beim Sex sind ja auch verschieden. Dass wir das heute so handhaben, hat sich so ergeben. Wir haben das nicht verabredet, es ist etwas Gewachsenes. Ich denke, man kann Dinge auch zerreden. Wenn wir jetzt „fremd“ Sex hatten, dann wird da auch nicht viel drüber gesprochen. Wir wissen, dass da bei dem anderen keine Sachen parallel laufen und dass man den Sexpartner von neulich höchstens noch ein zweites Mal in der Sauna trifft. Normalerweise finden da keine weiteren Dinge mehr statt. Mein Partner und ich ticken in dieser Hinsicht ganz ähnlich, vielleicht, weil wir beide Sternzeichen Jungfrau sind.
Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht
Mit meinem Partner habe ich meistens Safer Sex. Das heißt, beim Ficken nehmen wir ein Kondom. Aber es gibt beim Sex in der Beziehung durchaus Sachen, die nicht unbedingt immer hundertprozentig safe laufen. Meiner Verantwortung gegenüber meinem Partner bin ich mir aber bewusst. Wir machen deshalb auch regelmäßig einen HIV-Test und lassen auch andere sexuell übertragbare Krankheiten testen. Wir haben einen schwulen Hausarzt, und da geht das total problemlos vonstatten. Alles, was mit anderen läuft, ist aber immer safe. Darauf verlasse ich mich natürlich auch bei meinem Partner. Ich glaube nicht, dass ich gut damit leben könnte, wenn ich die Gesundheit von meinem Partner leichtsinnig aufs Spiel setze. Trotzdem drücke ich das alles so aus, weil ich natürlich weiß, dass da immer ein Restrisiko bleibt. Hundertprozentige Sicherheit gibt’s im Leben nicht. Also: Entweder wird man Mönch, oder man lebt damit.
In der Sauna frage ich einen Sexpartner nicht danach, ob er vielleicht positiv ist. Ich gehe vielmehr so damit um, dass ich mein Gegenüber potenziell für HIV-infiziert halte und dann Safer Sex praktiziere. Damit schütze ich mich – und natürlich auch den anderen. Ich bin ein echter Kopfmensch und nicht so schwanzgesteuert. Und ich achte sehr darauf, ob der nun einen Gummi benutzt oder nicht. Den Kopf kann ich da einfach nicht voll abschalten. Aber das ist auch okay so – schließlich möchte ich noch länger fit und gesund bleiben. In den Kölner Saunen gibt es ja auch Kondome und Gleitgel for free. Das finde ich richtig gut – und darum ist Safer Sex dort wohl auch ziemlich normal. Es ist halt schön einfach. Wenn man mit jemandem in der Kabine ist, dann hat man keine langen Wege, um eben noch ein Gummi zu besorgen. Da muss man nicht erst am Automaten eines ziehen oder vielleicht vorn am Tresen fragen. Wirklich fortschrittlich!
Manchmal kriege ich auch mit, dass unsafe rumgevögelt wird, dann frage ich mich schon, warum die sich das antun. Es geht ja nicht nur um HIV, sondern es gibt da eine ganze Reihe weiterer Geschlechtskrankheiten. Aber was soll ich da machen? Ich kann ja schlecht bei so einem Rudelbums in irgendeinem Laden einschreiten und sagen: „Hey Leute, wisst ihr eigentlich, was ihr da macht?“ Problematisch dabei finde ich auch den ganzen Drogenkonsum. Was sich die Leute da so reinpfeifen, das ist mir echt fremd, damit kann ich gar nichts anfangen. Viele Partys werden ja gerade von diesen Leuten besucht – und da habe ich keinen Bock drauf. Die sehen dann nicht nur total verstrahlt aus, die sind mir auch etwas zu cool. Und ich habe das Gefühl, dass die, wenn sie dann auf Drogen sind, kein Gehirn mehr für Safer Sex übrig haben.



























