Ich bleib derselbe, auch wenn ich mit Männern ins Bett gehe.
Bali ist 40 Jahre alt, wohnt in Berlin und ist Sozialarbeiter und Student
Ich bin mit zehn Jahren nach Deutschland gekommen
Ich bin in der Türkei geboren und mit zehn Jahren nach Deutschland gekommen. Damals gab es in der Türkei Unruhen, und meine Mutter wurde politisch verfolgt. Wir sind deshalb zu meinem Vater geflohen, der bereits in einer kleinen Kreisstadt in Bayern lebte und arbeitete. Als Kind fand ich das natürlich toll, mal etwas Neues zu erleben.
Über die Sprache hatte ich mir da natürlich gar keine Gedanken gemacht. Ich habe angenommen, dass man hier auch Türkisch spricht. In der Türkei war ich ein guter Schüler, doch hier kam ich dann nicht mit. Ich hatte so eine Wut, war aggressiv auch gegen Mitschüler. Immer wenn sie lachten, dachte ich automatisch, dass es um mich geht. So nach und nach habe ich dann mit einer Nachhilfe richtig Deutsch gelernt.
Nach der Schule wollte ich unbedingt eine Lehre machen. Ich wollte kein ungelernter Arbeiter sein wie mein Vater. Da wäre ich lieber zurück in die Türkei gegangen und hätte dort von vorn angefangen. Aber da ich keinen Schulabschluss hatte, bin ich erst einmal in ein Berufsgrundjahr gegangen. Danach fand ich einen Ausbildungsplatz zum Elektriker in München. Meine Eltern waren zuerst nicht damit einverstanden, dass ich in eine andere Stadt ziehe, ich konnte aber mit viel Überzeugungsarbeit erreichen, dass ich in München bei der deutschstämmigen Freundin meines Cousins leben konnte. So war ich ja immer noch unter Aufsicht. Als Lehrling war ich auch ein bisschen so etwas wie der Kinderersatz für meinen damaligen Meister und seine Frau. Ich war zum Beispiel am Wochenende immer bei denen zum Essen.
Mein privater Freundeskreis wuchs recht schnell in München; wichtig war auch eine Initiativgruppe, eine Gruppe von Türken, der ich mich anschloss. Als die Beziehung meines Cousins auseinanderging, musste ich dann bei seiner Freundin ausziehen. Da ich nicht im Wohnheim für Lehrlinge wohnen wollte, bin ich schließlich bei einem anderen Türken als Mitbewohner eingezogen. Ich stand also das erste Mal richtig auf eigenen Beinen.
Zunächst führte ich ein Doppelleben
Ich hatte zu dieser Zeit noch eine türkischstämmige Freundin in Berlin, die ich in München kennengelernt habe. Sex vor der Ehe, das gab es bei uns offiziell natürlich nicht. Aber wir haben es trotzdem gemacht und hatten auch Spaß dabei.
Andererseits hat mir der junge Mann, bei dem ich gewohnt habe, auch als Typ gefallen. Das war schon manchmal komisch, wenn wir uns zum Beispiel im Bad begegnet sind. Irgendwie total verklemmt.
In der Initiativgruppe habe ich gemeinsam mit einigen anderen eine Schülerzeitung gemacht, und so kam ich dazu, zu diesem Thema zu recherchieren. In der Bibliothek habe ich mir dann ein Buch geholt und heimlich darin gelesen. Und irgendwann habe ich dann mit meiner besten Freundin, auch eine Türkin, darüber gesprochen. Sie war mir so vertraut, dass sie alle für meine richtige Freundin hielten. Ihre Reaktion war dann ganz kurz und knapp: „Probier´s doch einfach mal aus. Dann wirst du wissen, was gut für dich ist.“
Ich bin dann auch tatsächlich zum ersten Mal in eine schwule Kneipe gegangen und habe meine ersten Kontakte geknüpft. Ich hatte auch schnell eine schwule Clique. Das war aber noch kein Coming-out – es war eher Neugier. Ich bin zwar mit den Jungs ausgegangen, aber Sex mit Männern hatte ich zunächst noch nicht.
Bis es dann mal mit einem Nachbarn dazu kam. Er wohnte im gleichen Appartementhaus wie ich. In der Waschküche hatte ich ihn nach Wechselgeld gefragt, weil man da Münzen für die Maschinen brauchte. Dafür musste ich ihn dann zu seiner Wohnung begleiten. Als er mir das Geld gab, da streichelte er meine Hände und schaute mir tief in die Augen. Ich war wie elektrisiert. Er lud mich schließlich für einen Abend auf ein Bier zu sich ein. Das Bier haben wir aber erst gar nicht getrunken! Denn wir landeten gleich im Bett. Und ich wollte es wissen! Sich gegenseitig blasen, streicheln, ein bisschen spielen. Dieser männliche Körper – es war schön.
Einige Zeit später habe ich dann auch beim Ausgehen meinen ersten Freund kennengelernt. Doch damit fingen dann auch die Probleme an. Denn ich führte ja ein Doppelleben. Einerseits mit der Freundin in Berlin und andererseits mit den Männern hier in München. Obwohl ich mich zu dem Zeitpunkt noch nicht zu den Schwulen gezählt habe. Ich hatte ja eine Freundin – also war ich nicht schwul!
Mit meiner schon erwähnten besten Freundin in München habe ich viel darüber gesprochen, und sie riet mir dazu, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Und ich kämpfte mit mir, war einfach zu durcheinander. Dazu kam noch, dass mein erster Freund mich jeden Tag sehen wollte, was mich eingeengt hat. Und auch mein Meister, zu dem ich am Wochenende abends ja zum Essen ging, merkte bald, dass mit mir etwas nicht stimmte. Na ja, jedenfalls dauerte es noch einige Zeit, aber irgendwann bin ich zur Beratung ins Schwulenzentrum gegangen.
Dort waren sie jedoch völlig konfus: Da kommt plötzlich einer mit Migrationshintergrund, darauf waren sie nicht eingestellt. Mir ging es aber wirklich scheiße. Nach dem Sex fühlte ich mich immer irgendwie schmutzig, das war einfach so drin durch meine Sozialisation.
Im Zentrum fragte man mich schließlich, ob ich nicht eine Gruppe für Leute wie mich ins Leben rufen will. Das habe ich auch gemacht: Erst kamen auf eine Anzeige in der Stadtzeitung hin sechs Türken, und dann hat sich das nach und nach rumgesprochen, es kamen immer mehr Leute aus ganz verschiedenen Ländern.
Privat wurde mir immer klarer, dass ich die Fronten klären muss. Schließlich habe ich meiner Freundin in Berlin einen Brief geschrieben und mitgeteilt, dass ich mit Männern schlafe. Erst nach sechs Monaten hat sie darauf reagiert. Sie schrieb, dass sie das ganz schlimm findet und mit solchen Menschen nichts zu tun haben möchte. Da dachte ich gleich, ein Außenseiter zu sein, dass es schon losgeht damit. Darüber habe ich mit meiner besten Freundin gesprochen, und sie beruhigte mich: „Du bist doch immer noch derselbe, nur dass du eben mit Männern ins Bett gehst.“ Es hat sich dann auch alles irgendwie normalisiert, und ich bin schließlich mit meinem ersten Freund zusammengezogen.
In der schwulen Szene blieb ich jedoch, wie die anderen Migranten auch, ein Exot. Man wollte zwar gern mit uns ficken, aber am nächsten Tag, wenn man uns irgendwo sah, dann kannte man uns nicht mehr.
Ich habe zu dieser Zeit angefangen, mich für Lesben und Schwule mit Migrationshintergrund politisch zu engagieren und auf die Situation mit unterschiedlichen Aktivitäten in der gegründeten Gruppe aufmerksam zu machen. Später habe ich auch in der AIDS-Hilfe in München im Bereich Migration gearbeitet. Migration und Homosexualität – das ist bis heute mein Thema. Später bin ich dann nach Berlin, wo ich bis jetzt lebe. Ich habe angefangen, Orientpartys zu organisieren, die sehr erfolgreich waren, und habe mich im Lesben- und Schwulenverband engagiert. Heute leite ich hauptamtlich ein Projekt für homosexuelle Migrantinnen und Migranten und deren Eltern. Und nebenbei studiere ich soziale Arbeit.
Meine Schwester und ich outeten uns gemeinsam vor den Eltern
Natürlich musste ich irgendwann auch meinen Eltern davon erzählen, dass ich schwul bin. Als 1989 eine befreundete Filmemacherin mit mir einen Fernsehbeitrag zum Thema Homosexualität und Islam machen wollte, da nahm ich das zum Anlass. Ich wollte verhindern, dass meine Eltern es womöglich aus dem Fernsehen erfahren. Besonders war an der Sache auch noch, dass meine Schwester, die inzwischen ebenfalls in München lebte, lesbisch ist. Wir haben uns entschlossen, es unseren Eltern gemeinsam zu sagen.
Wir luden die beiden also zu uns ein. So konnten sie uns wenigstens nicht vor die Tür setzen. Erst haben wir schön gegessen, alles war ganz entspannt. Doch dann platzte es schon aus meiner Schwester heraus: „Bali ist schwul, und ich bin lesbisch.“ Unsere Eltern waren total baff! Mein Vater schrie herum und meinte zu meiner Schwester: „Wie kannst du das wissen, du hast es doch noch nie mit einem Mann gemacht?!“ Ich war außen vor. Mein Vater guckte mich nur kurz an und ist dann rausgerannt aus der Wohnung. Dabei war er zum ersten Mal in München.
Meine Mutter heulte erst nur und hatte am Anfang einfach Angst, dass ich immer ein Außenseiter bleiben könnte, und auch, dass ich mich möglicherweise mit HIV infizieren würde. Das war ja damals so drin in den Köpfen: Schwul ist gleich Aids. Aber sie hat es letztlich gut hinbekommen. Die Filmemacherin hat sie auch für ein Interview angefragt. Und sie hat tatsächlich ja gesagt. „Das ist sein Leben – und wenn er damit glücklich ist …“. Und so weiter, das hat sie gesagt. Mit meinem Vater kann ich hingegen bis heute nicht über so etwas reden.>
Andere türkische Männer, die ich kannte, haben sich auch zunächst von mir distanziert. Die konnten damit nicht umgehen. Mit einigen habe ich inzwischen aber wieder Kontakt. Vielleicht wurden sie auch an anderer Stelle damit konfrontiert oder so.
Sexualität ist für mich sehr wichtig
Anfang der 1990er hatte ich in meinem Freundeskreis jemanden, der an Aids erkrankt ist. Als ich von der Krankheit erfahren habe, da habe ich mich natürlich reichlich darüber informiert und habe auch die ganzen Forschungsgeschichten sehr verfolgt. Es war ein herber Rückschlag für den gesamten Freundeskreis, als er verstorben ist.
Als es Mitte der 1980er Jahre so richtig losging mit HIV, da wohnte ich gerade mit einem schwulen Freund von mir zusammen. Sein Chef war für uns wie eine Mutti, und eines Abends, da kam er mit einem ganzen Karton Kondome an. „Habt ihr denn nichts gehört?“ Nein – hatten wir zu dieser Zeit noch nicht. Aber trotzdem: Ab dann wurde nur noch mit Gummi gefickt.
Überhaupt: Ich bin kein Heiliger. Sexualität ist für mich sehr wichtig, und ich lebe nicht monogam. Aber mal abgesehen von meinem allerersten Analverkehr war es eigentlich immer safer. Mit meinem Partner habe ich allerdings Sex auch ohne Gummi – nachdem wir uns haben testen lassen.
Gut, es gab Situationen, da kann man einfach nichts dafür. Wenn dir jemand einen bläst und du sagst, dass es gleich kommt, und du kannst ihn nicht wegschieben und er will das Sperma unbedingt im Mund haben. Ein erwachsener Mann – der muss sich doch Gedanken machen! Bei mir findest du jedenfalls Kondome und Gleitcreme in allen Jackentaschen. Für den Fall des Falles bin ich dann immer bereit.


























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