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Christian (18) aus Sachsen-Anhalt

Ich glaube immer noch an die große Liebe

Christian ist 18 Jahre alt, Schüler und lebt in Sachsen-Anhalt.

Ich bin ein bisschen stolz darauf, so offen mit dem Schwulsein umzugehen

Ich lebe in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Und – nein, es ist nicht schlimm, hier zu leben. Im Gegenteil: In der Kindheit war es richtig schön so. Es ist hier ruhiger als in der Großstadt, und es gibt auch nicht so viel Kriminalität oder so was. Hier weiß eigentlich jeder, dass ich schwul bin. Ich habe so etwa mit zwölf oder dreizehn Jahren angefangen, mich zu outen. Zu der Zeit war es manchmal schon ein bisschen schlimm. Gerade die Jungs sind in dem Alter aber auch noch nicht besonders weit – das war fies. Aber jetzt auf dem Gymnasium merkt man echt, dass das eigentlich gar kein Problem ist. Weder bei den Jungs noch bei den Mädchen. Und auch die Lehrer wissen Bescheid.

Wenn man es ganz genau nimmt, war es bei mir auch gar nicht so ein klassisches Coming-out. Ich habe also nicht meine ganze Familie und meine Freunde am Tisch versammelt und denen gesagt, dass ich schwul bin. Es war eigentlich eher so, dass ich immer so gewesen bin, wie ich eben bin – und die anderen haben es dann gemerkt. Als ich etwa 14 war, hat meine Mutter mich zum Beispiel direkt gefragt: „Christian, sage mal, bist du schwul?“ Ja. Und so hat sie es erfahren, und sie hat es von Anfang an akzeptiert. Genauso wie meine beiden Geschwister, die damals noch zu Hause lebten. Die finden es eher gut, dass ich dazu stehe.

Ich habe wirklich keine Probleme damit – und wenn es auf der Straße doch mal einen Spruch gibt, dann interessiert mich das einfach nicht. Da hör ich gar nicht hin. Im Grund bin ich auch ein bisschen stolz darauf, dass ich hier in diesem kleinen Ort so offen mit meinem Schwulsein umgehe. Ich bin mir im Klaren darüber, dass ich damit auch Probleme bekommen könnte, wenn es jemandem nicht passt. Es gibt hier ja auch noch andere Schwule, die das aber wohl deswegen lieber verheimlichen. Natürlich ist es auf dem Land schwieriger, Leute kennenzulernen. Es ist eben nicht wie in der Großstadt oder so, wo man an jeder Straßenecke andere Schwule trifft. Wenn man hier also wirklich einen Partner für eine Beziehung sucht, dann ist das sehr schwer. Darum bin ich froh, dass ich in einigen großen Städten Freunde habe. So fahre ich zum Beispiel regelmäßig nach München und bin auch in Berlin und Hamburg unterwegs. Natürlich gehe ich da schwul weg. Das muss ich ja ausnutzen, denn hier in der Nähe gibt es bloß die ganz normalen Discos.

In erster Linie suche ich eine Beziehung

Schwul wegzugehen finde ich einfach schön. In der Disco mit anderen Schwulen zu feiern macht eben Spaß. Die Atmosphäre ist besser als in irgendeiner Hetero-Bar oder was weiß ich wo. Und klar: Ich will schon Leute kennenlernen. Meistens werde ich auch angesprochen, da brauche ich nicht viel zu machen. Und wenn mir mal jemand gefällt, dann versuche ich ihn anzutanzen oder ich setze mich an der Bar einfach dazu und spreche ihn an. Natürlich lerne ich auch über das Internet Männer kennen und über Freunde, wenn man wieder deren Freunde kennenlernt. In erster Linie bin ich dabei auf der Suche nach einer Beziehung und möchte sehen, wie und ob es weitergeht. Und wenn es passt, dann kann man eben auch Spaß haben.

Was mich etwas stört, ist so eine gewisse Oberflächlichkeit. Die meisten denken wirklich nur an Sex! Die wollen nicht den Menschen kennenlernen. Eher so: Du siehst gut aus, lass uns einen Quickie machen – und dann war’s das. Trotzdem hoffe ich, dass ich meinen Traummann dort irgendwo finde. Ich glaube einfach an diese Sache mit der großen Liebe. Das ist auch ein bisschen ein Wunschtraum, so wie man das aus Hollywood-Filmen kennt. Natürlich habe ich schon mitbekommen, dass es so nicht ist – aber ich wünsche mir eben eine leidenschaftliche Beziehung, in der man füreinander da ist und in der nicht immer nur Alltag ist. Am besten sollte sie ewig dauern, auch wenn das sicher schwierig ist. Das schaffen einfach nur sehr wenige, ist halt leider so. Und da ich ein sehr eifersüchtiger Mensch bin, kann ich mir auch keine offene Beziehung vorstellen. In einer Beziehung, da bin ich eben treu. Und wenn ich Single bin, dann bin ich fast ein „kleines Luder“. Denn ich habe viel und gerne Sex.

Aber jetzt, wo ich gerade Single bin, da fehlt mir schon total dieses Zusammensein, Kuscheln oder Romantischsein. Ein paar Beziehungen hatte ich schon. Meinen ersten Freund hatte ich mit 14. Meistens kamen die Typen von weiter weg, und es ist dann wegen der Entfernung auseinander gegangen. Es ist ja auch eine Zeitfrage und kostet viel Geld, wenn man sich sehen will. Einmal hatte ich aber auch eine Beziehung zu jemandem hier am Ort. Wir haben uns getrennt, weil er sich nicht outen wollte. Damit hatte ich echt ein Problem. Ich meine, hier weiß eben fast jeder über mich Bescheid, und er hatte schon Angst, mit mir auf die Straße zu gehen. Er fürchtete, dass man denken könnte, er sei auch schwul. Das war natürlich blöd!

Aids war schon immer für mich ein Thema

Mein erstes Mal hatte ich schon mit zwölf Jahren. Den ersten Sex hatte ich mir richtig toll vorgestellt. Ich meine, alle reden darüber, und es muss dann doch bestimmt absolut megaoberaffengeil sein. Na ja, und dann – es war jedenfalls nicht schlimm. Auch nicht schlecht, es tat nicht weh oder so. Aber ich hatte es mir einfach toller vorgestellt. Inzwischen würde ich mich schon als recht erfahren bezeichnen. Vielleicht nicht in allen Sachen – also SM oder Dirty, das kommt für mich nicht infrage. Ich stehe einfach nicht auf solche Sachen. Klar habe ich mich auch schon über das Internet für Sex verabredet. Wenn man sich mit „Sex“ einloggt, dann bekommt man schon einige Nachrichten: „Hast du Lust, irgendwann irgendwas mit mir zu machen?“ Dass ich es „safer“ mache, spreche ich bei Sexdates auch immer an. Wobei das eigentlich auch schon in meinem Profil drin steht – aber wer liest sich da die Texte schon durch?! Sex mit Internetbekanntschaften ist auch meistens sehr spontan und sehr schnell, was bei einem normalen Treffen nicht so ist.

Nicht nur im Internet sondern auch im echten Leben trifft man immer mal wieder Typen, die ganz offen damit umgehen, dass sie keine Kondome benutzen. Ich denke, denen macht es so einfach mehr Spaß. Vielleicht hoffen sie auch, dass gerade der, mit dem sie es machen, keine Geschlechtskrankheit hat. Vielleicht geilt es sie auf, Sperma irgendwo zu haben. Ich habe es bislang noch nie ohne Gummi gemacht. Dabei will ich gar nicht von vornherein ausschließen, dass das mal passiert. Wenn ich mit jemandem schon sehr lange zusammen bin und definitiv weiß, dass er gesund ist, dann kann ich mir das schon irgendwie vorstellen. Aber sonst, wenn’s dazu kommt, dann ist der erste Handgriff in mein Portemonnaie oder sonst wohin, wo ich gerade ein Kondom habe. Sonst würde ich beim Sex immer denken: Oh Gott, was ist, wenn er jetzt was hat? Und nee, das ist dann echt nicht mehr aufregend. Einmal hatte ich es, da wollte es einer unbedingt ohne machen. Es ist dann aber gar nichts mehr passiert – da kann man nichts machen, da hat er eben Pech!

Natürlich habe ich schon ohne Gummi geblasen. Aber ich finde Sperma im Mund eklig, und von daher passe ich sowieso auf, dass da nix passiert. Wenn da mal ein paar Lusttropfen kommen, dann ist das jetzt nicht so das Risiko für eine Geschlechtskrankheit. Wenn ich jemanden kennenlerne und es zum Sex kommt, dann frage ich auch schon mal direkt nach, ob er nicht HIV-infiziert ist. Da wird dann aber nicht lange drüber gesprochen. Die Frage wird beantwortet, und dann ist gut – bisher bei mir auch immer mit Nein. Und ich hoffe natürlich, dass das dann der Wahrheit entspricht. Ich war natürlich auch schon mal beim HIV-Test. Zusammen mit meinem damaligen Freund bin ich ins Gesundheitsamt gegangen, denn da ist er kostenlos und anonym. Irgendwie so den dritten Buchstaben von deinem Namen und ein paar Zahlen waren das. Und obwohl ich mir eigentlich sicher war, dass da nichts sein konnte, war ich doch aufgeregt. Und das Ergebnis gab es ja auch erst später.

Inzwischen habe ich das auch schon drei Mal gemacht. Ich hatte ja auch immer mal neue Freunde, und die wollten sich auch sicher sein, dass ich nicht positiv bin. Ich selber kenne auch niemanden, der HIV-infiziert ist. Oder jedenfalls niemanden, der offen damit umgeht. Ich meine, die schreiben es sich ja auch nicht auf das T-Shirt, „Hallo! Ich bin HIV-positiv", und man sieht es ihnen ja nicht gleich an. Ich habe mir auch schon mal überlegt, wie es wäre, wenn mein Partner positiv wäre. Ich weiß nicht, ob das gehen würde - wahrscheinlich hätte ich viel zu viel Angst davor, dass da etwas passieren kann. Selbst wenn ich ein Kondom benutzen würde. In der Szene redet man eigentlich nicht so viel über HIV und Aids. Eigentlich weiß doch jeder um das Risiko. Man hat es so im Kopf, auch wenn man nicht darüber spricht. Ich denke aber, jeder stellt sich vor dem Sex doch irgendwie die Frage: Riskiere ich's oder nicht?

 


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