Wer ist dein Typ?
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Christian (37) aus Hamburg

Viele wissen gar nicht, dass Gehörlose oft schlecht lesen können.

Christian ist 37 Jahre alt, wohnt in Hamburg und ist Gebärdenkursleiter.

Schon in der Schule nannte man mich „Schwuchtel“

Ich bin gehörlos, schon von Geburt an. Meine Eltern können beide hören, wie eigentlich meine ganze Familie. Ich habe allerdings eine ältere Schwester, die ebenfalls gehörlos ist. Aufgewachsen bin ich in Würzburg, wo ich auch zur Schule gegangen bin. Ich bin dann ein bisschen rumgekommen, war für meine Ausbildung in München, habe in Rendsburg eine Erzieherausbildung gemacht und bin dann 1997 schließlich nach Hamburg gekommen, wo ich bis heute lebe.

Schon in der Schule wurde ich als „Schwuchtel“ betitelt, und man hat mich viel gehänselt. Ich nehme einfach an, dass das an meinen Gesten und meinem Auftreten gelegen hat. Ich hatte mich ja noch gar nicht geoutet; zu dieser Zeit war das noch kein Thema für mich. Als es dann in meiner Ausbildung weiterging mit den Hänseleien, habe ich auch noch nichts gesagt. Ich war auch dort die „Tucke“ oder die „Schwuchtel“. Dass ich nie eine Freundin hatte, hat das natürlich noch verschlimmert. Meine Ausbildung war in so einer Art Internat, und ich weiß, dass da auch noch andere Schwule waren, die ebenfalls nicht offen damit umgegangen sind. Und es gab da auch eine ganz klare Regel: Wer irgendwie bei irgendwelchen sexuellen Experimenten erwischt wird, der fliegt raus!

Natürlich wusste ich zu der Zeit schon, dass ich auf Männer stehe. Geoutet habe ich mich aber sehr viel später, so mit 22 Jahren etwa. Meinen Eltern habe ich vorher auch nichts gesagt. Die können aber auch keine Gebärdensprache, und so war es leicht, ihnen auszuweichen, wenn sie mal wieder wissen wollten, ob ich eine Freundin hätte. Irgendwann haben sich dann aber meine Tante und meine Mutter wohl über mich unterhalten und sich wohl gefragt, ob ich vielleicht schwul bin. Das habe ich gar nicht so mitbekommen – aber zu Weihnachten bekam ich dann einen Männerkalender, was mich irgendwie peinlich berührt hat. Aber das war dann der Weg, das auch öffentlich zu machen. Es ist dann auch nichts weiter gewesen. Es gab da keine Diskussionen.

Manchmal werde ich schon angegafft

Schon früher hatte ich hörende und gehörlose Freunde, das war immer ganz gemischt. Man kann sich ja auch irgendwie verständigen, notfalls mit Zettel und Stift. Am Anfang ist das auch ganz witzig, aber es wird irgendwann mühsam. Es ist sehr schwierig, wenn der andere keine Gebärdensprache kann, da ist der Austausch einfach begrenzt. Aber ich kenne viel Hörende, die Gebärden können. Ich gehe gern mit Freunden aus, treffe mich mit ihnen in Kneipen oder Cafés, wo man gemütlich sitzen kann. Am liebsten ist es mir, wenn das Publikum nicht rein schwul, sondern gemischt ist. Da gibt es hier in Hamburg aber auch ein paar Läden. Früher war ich noch gern und viel tanzen, das ist allerdings ein bisschen weniger geworden in letzter Zeit. Im Moment bin ich solo – und das finde ich auch schön so. Ich hatte auch schon zwei Beziehungen, von denen eine wirklich über eine lange Zeit ging. In der ersten Beziehung war ich noch an vielen anderen Baustellen beschäftigt. Da war ich also nicht treu. Das war ja auch meine erste Beziehung, und ich habe immer gedacht, dass die anderen viel interessanter sind.

Ich genieße in der Großstadt heute auch, dass es in der Szene verschiedene Gruppen gibt. Das Ganze ist so differenziert, ob für Typen, die auf Leder stehen oder eher so auf die sportlichen Typen – da ist wirklich für jeden was dabei. Als Gehörloser habe ich auch kein Problem in der Szene. Klar wird manchmal gegafft, wenn ich gestikuliere. Ich gucke dann zurück und mache klar: Wir unterhalten uns hier. Vielleicht ist das Gaffen auch ganz normal – dass jemand negativ oder abfällig reagiert, kommt eigentlich nicht vor. Gehörlose haben in der schwulen Szene auch wohl eher Freunde. Vielleicht auch, weil die Gebärden gut ankommen – man kann da alles schon recht deutlich machen.

Ich hatte manchmal ohne Gummi Sex

So im Alter zwischen 14 und 16 war mir selber eigentlich klar, dass ich auf Typen stehe. Und ich habe dann auch schon bewusst danach geguckt. Auch in der Stadt oder so habe ich immer geschaut – aber ich hatte keine Ahnung, wie ich da was anstellen sollte. Einmal war ich im Kaufhaus auf einer Toilette, und mir ist da so ein hübscher Typ aufgefallen. Wir haben nebeneinander am Urinal gestanden und haben uns angeguckt. Aber ich wusste gar nicht, was ich jetzt machen sollte. Also bin ich erst einmal wieder gegangen. Allerdings bin ich am nächsten Tag wieder hin und bin dann in eine Kabine auf dieser Toilette gegangen. Da war ein Loch, und so langsam habe ich das alles verstanden. Ich bekam dann auch aus der Nachbarkabine einen Zettel zugesteckt, auf dem stand: „Willst Du mir einen blasen?“ Nachdem ich dann „Ja“ auf den Zettel geschrieben habe und ihn zurückgegeben habe, sollte ich in die andere Kabine kommen. Ich hab meinen Mut zusammengenommen und bin einfach rüber. Das war dann auch ganz gut – aber danach hatte ich erst einmal so einen Fluchtimpuls und bin gleich wieder weg. So kam das mit dem Sex dann langsam ins Laufen. Das war allerdings noch die Zeit ganz ohne Analverkehr, das hat deutlich später eingesetzt.

Am Anfang war ich halt noch total unbedarft. Ich hatte den „Spartacus“ und habe einfach ausprobiert. Für Würzburg stand da zum Beispiel eine schwule Kneipe drin – und da bin ich natürlich hin. Da stand auch etwas von Cruising und wo es das gibt. Zuerst habe ich mich gefragt, was das wohl bedeutet und was da passiert. Aber ich bin einfach in den Park gegangen und habe mir das angesehen. Wie das so abläuft, habe ich schnell verstanden. Das war nicht so schwierig. Als ich dann selber so weit war und es ausprobieren wollte, fiel der erste Versuch buchstäblich ins Wasser – es regnete. Aber irgendwann habe ich auch hier Sex gehabt. Später in München war das Angebot insgesamt viel größer, und ich bin überall hingegangen, egal ob Disko oder Sauna. Das war wirklich ein riesiges Angebot – durch den „Spartacus“ hatte ich ja die ganzen Adressen. So habe ich einen ganz guten Anschluss gefunden an die schwule Szene. Männer kennenzulernen war eigentlich auch nie ein Problem. Ich musste dafür nicht viel tun. In der Disko habe ich sie über Blickkontakt klargemacht. Dann ist man eben zu ihm oder zu mir oder hat es auch gleich dort gemacht. Heute ist da eher das Internet der Ort, an dem ich Männer kennenlerne. Ich denke schon, dass ich früher manchmal ohne Gummi Sex hatte. Ich schätze mal, dass ich so in 80 Prozent der Fälle ein Gummi benutzt habe. Dabei wusste ich auch da schon gut über Safer Sex Bescheid. Manchmal war ich wohl aber einfach zu alkoholisiert oder habe es schlicht vergessen. Und manchmal hat mich das Kondom auch einfach gestört.

Nach dem Test war ich relativ gefasst

Vor zwei Jahren habe ich dann von einem Sexpartner, den ich über das Internet kennengelernt hatte, erfahren, dass er ein positives Testergebnis bekommen hat. Ich wusste aber auch von anderen, mit denen ich mal etwas hatte, dass sie HIV- infiziert sind. Also habe ich mich dann auch testen lassen – zum ersten Mal. Als das Ergebnis dann da war, war es erst einmal nicht eindeutig. Es hätte sein können – oder aber auch eben nicht. Aber nach dem Bestätigungstest war es schließlich klar: Ich bin positiv. Das war aber gar nicht so ein richtiger Schock für mich. Ich meine, seit 14 oder 15 Jahren ist mir das Thema Aids bewusst, und ich war irgendwie relativ gefasst. Klar habe ich auch geheult – aber ich hatte gute Unterstützung. Als ich davon erfahren habe, hatte ich zum Beispiel Besuch von einem guten Freund aus Schweden, der ebenfalls infiziert ist. Das war eine große Hilfe für mich.

Seit ich weiß, dass ich HIV-positiv bin, lebe ich gesünder. Ich achte auf meine Ernährung und treibe Sport, ich gehe viel raus, fahre Fahrrad und passe mit dem Alkohol auf. Seit ein paar Monaten nehme ich jetzt auch Medikamente, und das klappt bisher wirklich super. Wenn ich heute Männer kennenlerne, dann sage ich denen nicht sofort, dass ich HIV-positiv bin. Ich schreibe das auch nicht in mein Profil im Internet. Nach meiner Wahrnehmung machen das auch nicht viele – wenn ich das mal mit der Realität vergleiche, also überlege, wer wirklich so alles positiv ist, dann denke ich wirklich, dass nur wenige das da angeben. Klar ist aber, dass ich darüber rede, wenn es ums Ficken geht. Wenn es dazu nicht kommt, dann sage ich’s auch nicht. Fest steht aber: Wenn ich ficke, dann nur mit Gummi. Ich möchte niemanden anstecken. Nach dem Test hatte ich dann auch die Frage, wie es damit ist, wenn beide positiv sind. Ich habe dann aber verstanden, dass ich auch dann nicht darauf verzichten sollte, da es verschiedene Virenstämme gibt. Einmal habe ich einen anderen Positiven kennengelernt, der wollte es unbedingt ohne Gummi tun. Ich habe ihm erklärt, wie das ist, und er wollte es dann trotzdem immer noch – für mich war aber klar: Wenn er mich bumst, dann nur mit Kondom!

Mit Broschüren und Flugblättern ist es nicht getan

Schon so etwa 1988 habe ich eine erste Broschüre zum Thema HIV und Aids für Gehörlose bekommen. Die habe ich heute noch. Viele andere haben die aber auch gleich weggeworfen, so nach dem Motto „So was brauche ich nicht, was hat das denn mit mir zu tun?!“ Das war einfach noch nicht so gut gemacht. Im Berufsbildungswerk war es dann auch Thema – also es gab schon eine gewisse Aufklärung. Das waren aber auch immer ganz einfache Formulierungen, fast schon kindgerecht. Inzwischen sind auch die Materialien besser – aber es gibt eben leider auch nur sehr wenig für Gehörlose zu dem Thema. Die Aids-Hilfe hier in Hamburg und die in Leipzig und Nürnberg, die machen auch was dazu und haben auch Gruppen und Leute, die Gebärdensprache sprechen. In anderen Städten sind diese Sachen leider schon gestorben. Wenn jetzt zum Beispiel in Köln ein Gehörloser Informationen braucht, und er will die nicht nur lesen, dann muss er schon echt weit fahren. Das Problem ist eben immer ein kommunikatives. Viele wissen nicht, dass Gehörlose ein großes Problem mit dem Lesen haben. Mit einem Flugblatt kann man das da nicht erklären, und mit einer Broschüre ist es noch nicht getan. Rein textliche Informationen für Gehörlose sind einfach schwierig zu verstehen. Filme oder gedolmetschte Sachen sind da besser. Im Internet gibt es inzwischen auch Infofilme mit Gebärdensprache. Und wenn sich die Gelegenheit gibt, mein Wissen weiterzugeben und andere zu informieren, dann mache ich das natürlich sehr gerne.


Foto von Christian

Steckbrief

37
Gebärdenkursleiter
Hamburg

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