Wer ist dein Typ?
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Daniel (20) aus Dortmund

Alkohol und Sex? Da kann schnell mal was schiefgehen.

Daniel ist 20 Jahre alt, er wohnt in Dortmund und arbeitet als Servicemitarbeiter.

Es ist schwierig, mit meinen Eltern über Gefühle zu sprechen

Ich habe vor kurzem meine Ausbildung abgeschlossen und dann direkt einen festen Job bekommen. Da habe ich mir eine eigene Wohnung in Dortmund gesucht. Raus bei meinen Eltern! Bis dahin habe ich gemeinsam mit ihnen in einer eher kleineren Stadt im Ruhrgebiet gelebt. Dort bin ich auch aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ich habe noch zwei Brüder, die aber einige Jahre älter sind als ich und schon zu Hause ausgezogen sind, als ich noch ein Kind war. Bis heute habe ich mich bei meinen Eltern noch nicht geoutet. Obwohl ich ansonsten super mit denen klarkomme. Es ist aber sehr schwierig, mit ihnen über Gefühle zu sprechen. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass sie eigentlich wissen, dass ich schwul bin. Meine Mutter hat schon mal Andeutungen gemacht, wegen Enkelkindern und so. Und sie haben auch mitbekommen, dass ich in Köln auf dem CSD war. Aber darüber sprechen? Nein! Wenn ich meinem Vater mit Gefühlen komme, dann blockt er sofort ab. Und meine Mutter würde sich sicher Vorwürfe machen.

Bei meinen Brüdern habe ich mich aber geoutet. Die haben es auch super aufgefasst. Sie sind aber auch der Meinung, dass es mit unseren Eltern eher schwierig wäre. Für die nahe Zukunft wünsche ich mir aber, dass ich endlich mit denen über mein Schwulsein reden kann. So nach dem Motto: „Jetzt lasst uns endlich darüber sprechen, Ihr wisst es doch sowieso!“ Letztens habe ich auch wieder versucht, sie irgendwie darauf anzusprechen. Da habe ich erzählt, dass ich in Berlin beim Bundespräsidenten war. Ich habe einen Freund von der AIDS-Hilfe Unna begleitet, der hat nämlich das Bundesverdienstkreuz bekommen. Ich hatte so gehofft, dass da mal Nachfragen kommen. Wieso ich mich zum Beispiel überhaupt dort engagiere. Aber nichts! An der Reaktion merke ich aber, dass sie eigentlich doch etwas wissen. Sie werden dann so ruhig. Ich könnte mir selber in den Arsch treten, dass ich nicht einfach was gesagt habe, und ihnen dafür, dass sie nicht nachfragen. Mir geht es ja schon seit Jahren so, dass ich das ihnen gegenüber nicht rausbekomme.

Am Anfang habe ich mich noch fünfmal umgedreht, bevor ich in ein schwules Café gegangen bin

Ich habe mich bereits sehr früh irgendwie anders gefühlt, wusste das aber noch nicht zu deuten. So mit etwa 16 oder 17 Jahren, da war es mir dann eigentlich klar. Am Anfang habe ich noch überlegt, dass das wohl wieder weggeht. Ich war halt selber noch so sehr mit Vorurteilen belastet, was Schwule angeht. Weil ich auch selber keinen kannte. Außer einen schwulen Lehrer, der darüber einmal eine Unterrichtsstunde gemacht hat. Bis zur 10. Klasse war ich auf einer Gesamtschule. Ich kam mit den Mitschülern nicht so gut klar. Da war ich gern mal das Mobbing-Opfer. Ich hatte wirklich wenige Freunde in der Schule – vielleicht so eine Handvoll, mit denen ich auch so mal etwas unternommen habe. Dort habe ich mich aber noch nicht geoutet. Nach der 10. Klasse bin ich erst einmal in eine einjährige Berufsfachschule gewechselt und hatte zu dieser Zeit auch meinen Einstieg in die schwule Szene. Wir haben zu Hause gerade Internet bekommen, und ich habe mich dann über diesen Weg damit beschäftigt. Natürlich habe ich mich vorher zunächst einmal kundig gemacht, wie man den Internetverlauf löscht, damit ich da keine Spuren hinterlasse. Über ein schwules Jugendmagazin, dbna.de, im Netz hatte ich dann auch bald Kontakt zu ein paar anderen Leuten, und mit denen habe ich schließlich gechattet. Natürlich habe ich mich bei denen auch umgehört, was man so machen kann und wo man andere Schwule trifft. Da habe ich vom „Blue“ gehört, einem Café, das es damals in Dortmund gab. Ich bin dann mal losgefahren und habe von außen vorsichtig reingeschaut. Es war nicht viel los. Einige Ältere waren da, und ich habe mich nicht reingetraut. Ein paar Wochen später gab es aber einen neuen Anlauf: Ich habe mich im Internet mit jemandem verabredet, der so in meinem Alter war. Wir haben uns getroffen und sind dann zusammen rein. Es war an einem Mittwoch, dem schwulen Ausgehtag. Es war rappelvoll, und ich habe auch gleich die ersten Leute kennen gelernt. Ich war dann regelmäßig mittwochs hier, das war eine richtige Clique.

Irgendwann hat mich dann jemand angequatscht, ob ich nicht einmal zur schwulen Jugendgruppe im Lesben- und Schwulenzentrum in Dortmund mitkommen will. Ich habe mich dann mit einigen Leuten am Bahnhof getroffen. Und die haben sich alle mit Umarmung und Küsschen begrüßt. Ich dachte nur: „Muss ich das jetzt etwa auch?“ Am Anfang war mir das echt noch unangenehm. Aber ich habe mich auch fünfmal umgedreht, ehe ich in ein Szene-Café gegangen bin – aus heutiger Sicht echt Schwachsinn. Mein Freundeskreis besteht heute vor allem aus Schwulen, die ich hier in Dortmund kennengelernt habe. Altersmäßig ist das sehr durchmischt. Die Leute im Lesben- und Schwulenzentrum, die sind mittlerweile schon so etwas wie eine zweite Familie für mich. Ich kenne die ja jetzt schon ein paar Jahre und fühle mich da wie zu Hause.

An der Szene mag ich halt, dass man sich nicht verstellen muss. Man ist quasi frei und muss keine Angst haben, von irgendwelchen Heten angemacht zu werden. Die Atmosphäre ist entspannt, und man hat immer Spaß. Im Ruhrgebiet gibt es auch ein großes Angebot an Partys. Die Städte grenzen ja alle irgendwie aneinander. Auch bei der Arbeit gehe ich mittlerweile mit dem Schwulsein recht locker um. Klar, ich sage nicht „Guten Tag, ich in der Daniel und ich bin schwul.“ Wenn, dann schon: „Guten Tag, ich bin der Daniel, und ich bin unter anderem schwul.“ Natürlich nicht in einem Satz. Die Leute sollen mich erst einmal kennenlernen. Denn das Schwulsein bestimmt ja nicht hauptsächlich mein Leben. Bisher habe ich damit noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ich komme mit meinen Kollegen gut klar – mit einigen unternehme ich auch privat ab und zu was.

Plötzlich war das Gummi irgendwie weg

Meine ersten sexuellen Erfahrungen hatte ich mit einem Gleichaltrigen aus der Nachbarschaft. Das war so eine Jugenderfahrung – er behauptete, heterosexuell zu sein, und wir haben wirklich alles Mögliche ausprobiert. Zu dem Zeitpunkt war das natürlich alles völlig ungeschützt. Man hat sich da noch gar keinen Kopf darum gemacht, und wir wussten ja auch gar nicht, wie wir an Kondome rankommen sollten. Außerdem haben wir es ja vorher noch mit niemandem anders gemacht. Jedenfalls war das bei mir so. Als es dann so richtig angefangen hat mit schwulem Sex, da habe ich immer Kondome benutzt. Über die Risiken wusste ich vor allem aus Anzeigen in den Zeitschriften Bescheid und natürlich auch durch die Schule. Bei der schwulen Jugendgruppe gab es auch einmal eine Veranstaltung – das nannte sich Dr. Sex. Es war schon interessant so zu hören, was bei Schwulen alles so läuft und was auch alles so passieren kann. Das hat sehr geholfen. Zum Ende dieser Veranstaltung hat der Typ dann noch gesagt, dass er seit vielen Jahren HIV-positiv ist. Das hat mich getroffen wie ein Schlag: Der sah nämlich topfit aus! Nicht so, wie man das aus irgendwelchen Bildern kennt. Und man denkt auch, das ist so weit weg. Und plötzlich war es so nah. Inzwischen habe ich auch einen Bekannten, der HIV-positiv ist. Von dem habe ich auch eine ganze Menge gehört, was das so bedeutet und welche Nebenwirkungen die Medikamente haben.

Ich engagiere mich ja mittlerweile auch sehr für diese Sache. Zum einen hier im Schwulen- und Lesbenzentrum, aber auch bei der AIDS-Hilfe Unna. Die machen in Dortmund eine ganze Menge im schwulen Bereich. Da gehe ich mal ein Stündchen an den Stand, wenn die auf irgendeiner Party sind. Bisher war das eher so nebenbei, aber ich möchte versuchen, das in Zukunft auszuweiten. Bei Gesprächen in der Szene kriege ich auch mit, dass einige nicht so viel davon halten, ein Kondom zu benutzen. Sie denken einfach nicht daran, dass sie sich anstecken könnten. Auch ein Freund hat mir mal davon erzählt, wie er im besoffenen Kopf ohne Gummi Sex hatte. Danach hat der Typ ihm dann gestanden, dass er HIV-positiv ist. Er hat dann die PEP geschluckt. Das war die Hölle, meinte er. Mir selber ist ja auch schon so eine Geschichte passiert, bei einem One-Night-Stand. Ich war leicht angetrunken, und dem Typ, dem war das ziemlich egal, ob ich ein Gummi nehme oder nicht. Ich habe dann zwar eins genommen – aber es war irgendwann plötzlich weg. Abgerutscht oder was weiß ich. Er hat es wohl gemerkt, hat aber nichts gesagt. Als ich wieder ein bisschen klarer im Kopf war, da hatte ich ein sehr schlechtes Gefühl, Angst, so nach dem Motto: Was, wenn jetzt was passiert ist?

Man kann ja erst nach mehreren Wochen das Virus nachweisen. Nach drei Monaten bin ich dann also zum Gesundheitsamt und habe einen HIV-Test machen lassen. Die ganze Wartezeit von der Blutabnahme bis ich das Ergebnis bekommen habe hat mich schon verrückt gemacht. Nach einer Woche bin ich dann mit einem Freund zusammen dahin, um das Testergebnis zu erfahren. Zum Glück war der Test negativ. Klar, ich wäre auch zum Test gegangen, wenn es einfach so passiert wäre. Aber als mir klar geworden ist, dass es dem Typ total egal war, ob ich nun ein Kondom nehme oder nicht, da war ich wirklich nervös. Was weiß ich, was der schon mit anderen alles hatte? Ich meine, eigentlich weiß ich ja gut Bescheid: Beim Blasen darauf achten, dass man nicht im Mund abspritzt, dass Sperma nicht auf Wunden kommt, beim Ficken immer Kondome benutzen. Aber aus diesem Vorfall habe ich gelernt. Wenn man zu viel getrunken hat, dann kann mit dem Safer Sex schon mal was danebengehen. Ich glaube nach der Erfahrung aber nicht, dass mir so was noch mal passiert.


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