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Wer ist dein Typ?

Enrico (29) aus Erfurt

HIV GIBT'S NICHT NUR IN DER GROSSSTADT!

Enrico ist 29, wohnt in Erfurt und arbeitet in der Modebranche

Aufgewachsen in Ostthüringen

Ich bin 1981 in Rudolstadt geboren, das ist eine nette kleinere Stadt in Thüringen, die heute ungefähr 25.000 Einwohner hat. Meine Eltern haben sich scheiden lassen als ich so zwei, drei Jahre alt war. Meine Mutter hat dann irgendwann ihren neuen Lebensgefährten geheiratet, mit dem ist sie jetzt 20 Jahre zusammen. Zu meinem leiblichen Vater habe ich keinen Kontakt mehr. Ich habe noch einen Bruder, der ist drei Jahre älter als ich, verheiratet und hat ein zweijähriges Kind.

Mit 18, nach der Schule, bin ich nach Erfurt gezogen und habe dort meine Ausbildung gemacht. Seitdem lebe ich hier.

Schwul in der Kleinstadt

Dass ich schwul bin, habe ich relativ früh gemerkt. In der Schule konnte ich mich aber unmöglich outen, denn die heterosexuellen Mitschüler waren sehr dominant. Die haben gerauft, sind auf den Bolzplatz gegangen, haben heimlich geraucht und getrunken. Bei all dem hab ich mich nie so richtig integriert gefühlt. Ich habe lieber im Theaterprojekt mitgemacht und mich der Schülerzeitung gewidmet. Ab und an wurde ich als Schwuchtel bezeichnet. In diesem Umfeld habe ich mich nicht getraut, offen zu mir zu stehen.

Stattdessen habe ich Ausflüchte gesucht. Als ich etwa 15 Jahre alt war, hatte ich sogar mal eine Freundin. Wir haben uns zwar schnell wieder getrennt, aber ich habe mich dahinter versteckt, habe rumerzählt, wie unglücklich ich über die Trennung sei. Ich habe da so eine Art Doppelleben geführt und das hat mich traurig und verletzbar gemacht. Ich habe mich als Außenseiter gefühlt.

Schwule Medien gab‘s damals nicht

Die Phase, in der ich mein Schwulsein entdeckt habe, war superschwierig. Ich lebte in der Kleinstadt, hatte keinen Zugang zum Internet und schwule Zeitschriften gab es nicht. Nur in der Bravo kam das Thema ab und an mal vor. Es war gut zu erfahren, dass ich mit meinem Problem nicht allein auf der Welt war. Irgendwann bin ich dann auch mal mit hochrotem Kopf in einen Bahnhofszeitungsladen in der Nachbarstadt gegangen und habe mir die „DU&ICH“ gekauft.

Die einzige Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu treten, war der VIVA-Videotext. Da konnte man Anzeigen aufgeben, also habe ich da einfach mal inseriert, und ich wurde auch von ein paar Leuten angeschrieben. Ich hatte dann längere Zeit Briefkontakt mit einem Typen aus Hof, der 33 Jahre alt war. Den wollte ich gerne mal besuchen, aber das ging nicht, ohne meiner Mutter zu sagen, wohin ich fahre.

Coming-out auf der Autobahn

Die Gelegenheit ergab sich, als mich meine Mutter zu einem Vorstellungsgespräch bei einem Radiosender gefahren hat. Wir sind lustig mit 130 auf der Autobahn unterwegs gewesen und ich dachte: Jetzt kann sie gar nicht anders als dir zuhören. Erst habe ich so ein bisschen rumgestammelt: „Naja, also, ich habe da jemanden kennen gelernt …“ Und meine Mutter antwortete rotzcool: „Okay, und wie heißt er?“ Sie wusste also schon Bescheid und kam mir ein ganzes Stück entgegen. Mir sind tausend Steine vom Herzen gefallen! Am nächsten Tag hat sie mir ein Zugticket gekauft. Wenn sie gewusst hätte, dass der Typ so viel älter war als ich, hätte sie das allerdings bestimmt nicht gemacht. Die Geschichte war dann auch so eine Katastrophe für sich, aber das waren halt die ersten schwulen Schritte. Ich war wirklich noch naiv.

Foto von Enrico

Steckbrief

29
Model
Erfurt

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