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Georg (58) aus Köln

Ich liebe mein schwules Leben!

Georg ist 58 Jahre alt, wohnt in Köln und ist Schauspieler.

Durch meine erste große Liebe ist mir alles klarer geworden

Geboren und aufgewachsen bin ich in Leverkusen. Eine Welt für sich. Mit Köln hat das wenig zu tun. Nach der Schule habe ich dort eine Ausbildung zum Stadtinspektor gemacht. Zur Bundeswehr wollte ich nicht, also habe ich den Wehrdienst verweigert und meinen Zivildienst auf der Inneren Station eines Krankenhauses angetreten. Das war eine sehr bewegende Erfahrung. Denn viele Patienten hatten Leukämie oder andere lebensbedrohliche Erkrankungen. Viele sind auch gestorben. Damals habe ich mich zum ersten Mal mit dem Thema Tod und Sterben auseinandergesetzt. Überhaupt, das war ganz anders als im Büro. Ich hatte direkt mit Menschen zu tun, die auch ganz direkt ihre Bedürfnisse formulierten: „Packen Sie mich nicht so hart an!“ oder „Das Wasser ist viel zu kalt!“ Ich fand diesen ganzen pflegerischen und medizinischen Bereich total spannend. Von da an hatte ich jedenfalls keine Lust mehr auf Verwaltung. Also habe ich mein Abitur nachgeholt und dann in Bielefeld Soziologie studiert. Mein Coming-out fiel auch in diese Zeit.

Und es ist schließlich noch etwas sehr Wichtiges passiert: Ich habe meine erste große Liebe kennengelernt. Mir war zwar schon lange vorher bewusst, dass ich nichts mit Frauen anfangen kann, aber durch ihn ist mir alles erst ganz klar geworden. Ich habe früher schon mit Gleichaltrigen aus der Nachbarschaft rumgemacht, aber mit ihm war Sexualität nicht mehr etwas, das man möglichst heimlich im Dunkeln machte. Wir waren richtig verliebt und haben gemeinsam die Freuden des schwulen Sex entdeckt. Wir haben vieles ausprobiert – und was wir nicht mochten, das haben wir eben wieder gelassen. Das war einfach eine total verrückte Zeit! Wir sind sogar in eine gemeinsame Wohnung gezogen, obwohl es damals noch gar nicht so einfach war, als Männerpaar eine gemeinsame Wohnung zu finden. Wir hatten aber eine Vermieterin, die sehr nett war und das irgendwie auch interessant fand, zwei Schwule bei sich wohnen zu haben. Der Vater meines Freundes hat außerdem für uns gebürgt, das war sicher auch hilfreich. Mit meinen Eltern habe ich übrigens nie über mein Schwulsein gesprochen. Sexualität war bei uns zu Hause einfach kein Thema.

Ich wollte als schwuler Mann akzeptiert werden

Die erste stürmische Liebe ging irgendwann vorbei, und wir fingen beide an, die Fühler auch nach anderen Männern auszustrecken. Ich habe mir auch Gedanken um die schwule Emanzipation gemacht. Es kann ja nicht nur um das private Glück gehen; mein persönliches Glück hängt eben auch von unserem Stand in der Gesellschaft ab. Wir schwulen Männer sind da und wir erwarten, dass man uns akzeptiert. Wir wollen unsere Rechte. Das war ja auch eine Aufbruchzeit, damals in den 70ern. Und ich habe mir gedacht, dass ich die Power dafür habe, die gesellschaftlichen Verhältnisse mit zu verändern. Es war ja allgemein so eine Stimmung von Veränderung und Selbstbestimmung. Die breiteren Schichten waren natürlich mit allem sehr skeptisch.

Mir ist es ja selbst noch passiert: Wenn du mit deinem Freund im Arm durch die Straßen gegangen bist, dann kam es schon vor, dass du angepöbelt wurdest: „Bei Adolf hätte es so etwas nicht gegeben!“ – solche Meinungen waren durchaus noch da. Ich bin dann in die Schwulenszene gegangen und habe mich dort engagiert. Das war einfach ein tolles Netzwerk, das sich für die Schwulenpolitik starkgemacht hat. Es war damals auch noch alles sehr persönlich organisiert. Ein relativ kleiner Kreis von Leuten, und wenn du einmal bei einem dieser bundesweiten Treffen warst, dann kanntest du quasi alle. In der Zeit habe ich mit anderen schwulen Männern aus Köln auch den „1. schwulen Männerchor Köln“ gegründet, die „Triviatas“. Die gibt es heute noch.

Aids hat alles verändert

So 1982 oder 1983 kamen die ersten Berichte über Aids auf. Und das hat einfach alles verändert. Damals haben wir uns hier in den Schwulengruppen zusammengesetzt und haben überlegt, was man tun kann. Es gab in der Szene ja sogar auch Leute, die meinten, dass wir selber schuld daran sind, da wir so viel rumgefickt haben. Aber ich bin da eher naturwissenschaftlich rangegangen: Das muss bestimmte Ursachen haben, die man beeinflussen kann. Wir brauchen also so viele Infos wie möglich. Es gab auch schon die ersten konkreten Aidsfälle hier in Köln, und nach und nach wusste man auch mehr darüber, wie sich die Krankheit überträgt. Da von Anfang an besonders Schwule von der Krankheit betroffen waren, hatten wir plötzlich auch Angst, dass es mit unserer errungenen Freiheit vorbei sein könnte und wir wieder in die Löcher zurückmüssten, uns also wieder verstecken müssten. Dadurch gab es aber auch eine unheimliche Power in der Szene, und es gab einen riesigen Zusammenhalt.

Als sich die Krankheit dann weiter ausbreitete, gab es irgendwie zwei Arten von Schwulen, könnte man sagen: Nämlich die mit Aids und die ohne. Ich war wirklich sehr oft auf Beerdigungen, und auch mein erster Freund ist schließlich daran gestorben. Das war schon eine sehr dramatische Zeit. Und darum bin ich auch so froh, dass es inzwischen die Medikamente gibt. Wenn es heute jemand hat, dann kann ich mit der Person wahrscheinlich noch viele gemeinsame Jahre erleben. Das war am Anfang ganz anders. Auch mit dem schwulen Männerchor haben wir das Thema Aids schnell aufgegriffen. Wir haben ein Programm dazu gemacht, ein Krankenhausprogramm, in dem wir alle als Krankenschwestern aufgetreten sind. Ich war „Sister George“, und seitdem, also seit 1987, da gibt es diese Rolle; sie wird von mir immer mal wieder reaktiviert, zum CSD zum Beispiel oder auch, wenn ich bestimmte schwule Events moderiere. Zum Beispiel die Verleihung der Kompassnadel vom Schwulen Netzwerk NRW e.V. --Homepage Irgendwie ist die Schwester dadurch auch recht bekannt. Als Krankenschwester verkörpert man ja so ein bisschen Alltagsweisheit und eine gewisse Strenge. Aber eben auch dieses ganz große Herz.

Der Anfang von „Safer Sex“

Dass es mit dem Bewusstsein für das Kondom bei den Schwulen so schnell ging, das ist im Nachhinein ein bisschen so, als wenn man gesagt hätte: „Hey, wir haben hier einen neuen Dildo!“ – das wird ja auch alles gleich ausprobiert. Und so war es eben mit dem Kondom auch. Wie eine neue Spielart eben. Und natürlich hat es immer Leute gegeben, denen das mit dem Schutz ziemlich egal ist. Am wichtigsten ist, dass sie die Informationen haben und wissen, auf was sie sich einlassen. Man kann ja nicht die Hand dazwischenhalten, wenn zwei Leute Sex machen. Für mich stand immer fest, dass die Leute alle wichtigen Informationen brauchen. Denn nur dann können sie eine bewusste Entscheidung treffen. Und darum geht es ja bei der Aufklärung.

Es gibt für jeden Pott mindestens einen Deckel

Bei mir gab es Gott sei Dank noch keine Sexunfälle. Ich bin auch eher so der romantische Typ. Gut, ich habe zwar viele Kontakte gehabt, aber viel Analverkehr habe ich in meinem Leben nicht gemacht. Ich bin der Typ, der sagt, ohne Analverkehr bin ich nicht unglücklich. Das war für mich nicht so wichtig. Wir haben immer eine Sexualität gefunden, mit der wir glücklich waren. Ich glaube auch, dass das, was man an sexuellen Erfahrungen braucht, jeweils ganz unterschiedlich ist. Das ist genauso, wie der eine halt immer Sahnekuchen braucht und der andere nur Obst will. Und mir hat nie jemand so viel bedeutet, dass ich gedacht hätte, dafür gebe ich das alles auf und mache etwas, was mir nicht wirklich auch gefällt. Und wenn mal einer beim Sex dann enttäuscht war, dann war mir das egal. Es ist ja auch nicht so gewesen, dass die dann wutschnaubend abgezogen sind und gar nichts mehr gelaufen ist. Beim Sex sind wir nicht alle gleich; jeder hat andere Bedürfnisse und Wünsche. Und dazu kann man auch stehen; man braucht sich da nicht zu verbiegen. Und meine Erfahrung ist: Es gibt für jeden Pott mindestens einen Deckel!

Ein HIV-Test kam für mich bisher noch nicht infrage

Vor einigen Jahren habe ich meinen heutigen Freund kennengelernt. Im Buschwindröschen in Köln. Blindi und Blondi machten schwules Theater. Er saß da im Matrosenhemd. Ich habe zwar schon immer gern geflirtet, aber damals haben alle irgendwie an ihm rumgebaggert, und ich hab´ mich erst zurückhaltend gegeben. Das hat funktioniert! Entstanden ist daraus eine ganz große Liebe. Wir sind jetzt schon seit über 14 Jahren zusammen. Auch in dieser Beziehung haben wir unsere Form der Sexualität gefunden, mit der wir sehr glücklich sind. Wir verzichten auf Kondome. Ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass natürlich auch nach so vielen Jahren noch etwas passieren kann. Wir müssen uns da nichts versprechen, und ich erwarte es auch nicht von meinem Partner, dass wir uns treu sind. Wir sind so bezogen aufeinander, und ich denke auch, dass genau das unserer Beziehung sehr viel Stabilität gibt. Nach so langer Zeit weiß ich, dass ich meinem Freund vertrauen kann und mich darauf verlassen kann, dass wir offen über alles reden können.

Wäre das anders, dann müsste man natürlich diese Kondomfrage noch einmal überdenken. Bis heute war ich allerdings noch nie bei einem HIV-Test. Irgendwie habe ich mich darum nie gekümmert – auch deshalb nicht, weil ich niemals einen Hinweis darauf hatte, dass ich positiv sein könnte. Mein Partner wird schon aus beruflichen Gründen regelmäßig getestet. Und es gibt da eben keinen Grund zur Annahme, dass da etwas sein könnte. Außerdem bin ich bei einem sehr guten Arzt, der kennt mich, und da ist nie was gewesen, wo auch nur der Verdacht einer HIV- Infektion aufgekommen ist.


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