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Harry (27) aus Berlin

Ich bin zu jung für Monogamie!

Harry ist 27 Jahre alt, wohnt in Berlin und studiert Politikwissenschaften

In der Schule war ich der Freak, bei den Pfadfindern der Macher

Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und bin der mittlere von drei Söhnen. Aufgewachsen bin ich in einer Stadt in Niedersachsen. Eigentlich hatte ich eine schöne Kindheit, vor allem während der Grundschulzeit. Obwohl wir nicht besonders viel Geld hatten, war unsere Familie sehr unternehmungslustig. Wir waren Dutzende Male auf dem Brocken und reisten ins Sauerland, nach Sachsen, Franken, Bayern, Schleswig-Holstein... Ich glaube, wir waren überall in Deutschland. Früher war ich außerdem bei den Pfadfindern aktiv. Da bin ich über eine Freundin hingeraten. Dort lernte ich Verantwortung tragen und wurde im Laufe der Jahre zum Kassenwart und Meutenführer gewählt. Meutenführer: das ist der Gruppenleiter für die kleinen 6-12-Jährigen. Nach der Grundschule ging ich auf eine integrierte Gesamtschule. Dort waren allerdings die meisten meiner neuen Klassenkameraden doof, neidisch und gemein. Ich wurde zum Freak abgestempelt und gehänselt. Aber ich schrieb weiterhin meine Einsen und lebte meinen Spaß bei den Pfadfindern nach der Schule aus. Dort war ich der Macher. Dort fühlte ich mich wohl. Der Ärger mit meinen Klassen- und auch Jahrgangskameraden endete mit der neunten Klasse. Von da an wurde endlich gesiebt: Zuerst gingen die ohne Abschluss, dann die mit Hauptschulabschluss, gefolgt von denen mit Realschulabschluss.

Wenn ich nicht bei den Pfadfindern war, verbrachte ich die Sommer gerne im Park. Dort waren alle sehr alternativ und lebten ihre Rauscherlebnisse unter freiem Himmel aus. Ich war voll dabei und sah dann auch so aus: Lange Haare, Jeansjacke mit tausend Buttons und Stickern, zerrissene Jeans. Mit 17 erhielt ich ein Stipendium und verbrachte mehrere Monate in den USA. Dort erlebte ich mein Coming-out, allerdings eher unfreiwillig und unter schmerzhaften Umständen. Ich hatte mich in den Sohn der Austauschfamilie verguckt... Na ja, wir kamen uns näher, haben Sachen gemacht, und Dinge sind geschehen. Allerdings haben wir beide offensichtlich nicht an das Gleiche gedacht, als wir zusammen in seinem Zimmer übernachteten. Es gab ein Riesentheater, und ich war innerhalb von 24 Stunden wieder in Deutschland. Die folgenden Monate waren sehr kompliziert für mich. Nach dem Abitur und dem Wehrdienst bin ich nach Berlin gezogen, um hier zu studieren. Mittlerweile lebe ich schon seit einigen Jahren hier. Bis zum Ende des Studiums ist es jetzt nicht mehr so lang. Und ich möchte das langsam auch fertig haben.

Coming Out in der Schule

Schon in der siebten oder achten Klasse hatte ich sexuelle Fantasien, die mit einem Mitschüler zu tun hatten. Da habe ich mir vorgestellt, was ich mit dem so alles machen könnte. Bei den Pfadfindern gab es ein paar Techtelmechtel mit anderen Jungs. Aber man war sich da natürlich sicher, dass man nicht schwul ist, und hat das einfach nur so gemacht. Mit 18 Jahren erlebte ich mein Coming-out. Am Ende des Sommers bin ich zu der schwullesbischen Jugendgruppe in unserer Stadt gegangen. Aber natürlich wollte ich nur sehen, wie Schwule so aussehen. Von selbstbewusstem schwulem Leben war da noch keine Spur. Mit der Jugendgruppe ging ich tags darauf in eine neue schwule Bar und wurde auch sogleich abgeschleppt. Es war mein erster Freund, und mit ihm hatte ich auch meinen ersten Sex.

In der Schule lief es dann mit dem Outing recht einfach. Ich war ohnehin der Freak vom älteren Jahrgang, der aus den USA zurückkam. Ich durfte scheinbar alles. Von Anfang an habe ich es aber nicht herausposaunt, dass ich schwul bin. Aber wenn mich jemand gefragt hat, dann habe ich gesagt, dass ich einen Freund habe. Und wenn dann jemand doof geguckt hat, dann habe ich hinzugefügt, dass ich schwul bin und mein Freund ebenfalls. Bei meinen Eltern hat es etwas länger gedauert. Bei denen hatte ich sozusagen ein zweites Coming-out. Für mich war es schwierig. Für sie wahrscheinlich auch. Aber das ist jetzt schon sieben Jahre her. Inzwischen bin ich seit 3 ½ Jahren mit meinem Freund zusammen, und meine Mutter zählt ihn bereits zu den Familienmitgliedern. Meine ganze Familie hat es insgesamt recht positiv aufgefasst. Manchmal hätte ich mir aber gewünscht zu hören: „Das ist ja toll, dass du einen festen Freund hast!“ und nicht dieses „aber das ist doch gar nicht schlimm, SO zu sein...“. Zum Glück hatte ich nie richtig Ärger mit meinem Schwulsein und dem Outing. Es gab immer wieder Probleme und Problemchen... Aber fertiggemacht wurde ich deswegen nicht.

Allein unter Schwulen – Heteros, gibt es das?

2002 war ich zum ersten Mal (allein) in Berlin. Das war zum CSD, und ich wollte ein bisschen was erleben. Es hat mich schließlich von den Socken gehauen, als ich zum ersten Mal zu der schwulen Rockparty „SubworxX“ im SchwuZ in Kreuzberg ging: Schwule! Hardrock! Geil! Es war wie im Paradies! Ich habe viele Leute getroffen und auch meinen heutigen Freund kennen gelernt. Irgendwie kamen wir ins Gespräch, das Übliche: Zigaretten und Feuer. Damals haben wir ja beide noch geraucht. Wir haben die Telefonnummern getauscht und uns dann später recht regelmäßig einmal im Monat gesehen: immer zur Rockparty. Diese Wochenenden bestanden dann eigentlich aus Feiern, Saufen, Ficken. Zwei Jahre haben wir das gemacht – und ich hatte während dieser Zeit auch noch eine andere Fernbeziehungsaffäre. Zusammengekommen sind wir erst später. Als ich mir hier in Berlin eine Wohnung gesucht habe, kurz vor Beginn meines Studiums, da habe ich mich für ein paar Tage bei ihm einquartiert. Und da ist der Funken übergesprungen.

Inzwischen führen wir wieder eine Wochenendbeziehung: Ich lebe während der Woche alleine in unserer gemeinsamen Wohnung, er arbeitet in einer anderen Stadt. Aber unser Ziel ist es ist, irgendwann wieder zusammen in Berlin und in einem riesigen Kreuzberger Loft zu wohnen. Mit Dachterrasse. Und Gewächshaus! Das Schwulsein an sich beschäftigt mich persönlich heute nicht mehr so sehr. Es ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Ich bin eher durch meine Frisur anders und werde deshalb angesprochen. Oder in der Uni auch wegen irgendwelcher Hausaufgaben. Ich bin, wie ich bin, und verstell mich auch nicht – ich weiß auch nicht, ob es irgendwem direkt auffällt. Meine Homosexualität kommt zur Sprache, wenn ich vom Wochenende erzähle oder davon, was ich mit meinem Freund gemacht habe. Das mache ich dann in meinem Nebenjob auch mal quer durchs Büro, das ist gar kein Problem. Ansonsten lebe ich eher „Allein unter Schwulen“ – Heteros, gibt es das? Die schwule alternative Szene von Kreuzberg spielt schon eine sehr zentrale Rolle in meinem Leben. Ich habe fast nur schwule Freunde und engagiere mich auch in einem schwul-lesbischen Verein. An anderen Orten, in Berlin und in anderen Städten, ist das anders. Dort ist diese berüchtigte „Szene“ tatsächlich immer die gleiche Veranstaltung für junge wasserstoffblondierte Menschen, die viel zu viel Geld für Parfüm und Klamotten ausgeben und bei billigem Discounter-Techno vollkommen ausflippen. Bei solchen Partys kann ich mich nicht wirklich amüsieren. Da ist mir Kreuzberg mit SchwuZ viel lieber.

Mein erster Sex war völlig unsafe

Mit meinem ersten Freund hatte ich auch direkt nach dem Kennenlernen meinen ersten Sex. Kennengelernt hatten wir uns in meiner Geburtsstadt bei meinem allerersten Ausflug in die schwule Welt. Dieser erste Sex war völlig ungeschützt und risikoreich. Er hat mich zu sich mitgenommen, und weder er noch ich hatten Kondome dabei. Ich wollte damals ja eigentlich nur Schwule gucken gehen. Wir haben das gar nicht diskutiert, sondern einfach so weitergemacht, zwei oder drei Monate lang. Kurz danach ist mir klar geworden, welche Problematik da dranhängt. Und dass man sich schützen muss, wenn noch nichts abgeklärt ist. Also habe ich angefangen, Kondome mit mir rumzuschleppen. Und wenn ich mit anderen Sex hatte, dann haben wir die auch benutzt – wenn es so weit kam, dass wir uns gefickt haben. Ich war dann auch nach der Sache mit meinem ersten Freund recht konsequent. Ich habe mich dann auch genauer informiert, überall immer Broschüren mitgenommen und mir das ganz stark ins Gedächtnis gerufen, wie, wann und warum man sich schützen muss.

Sex spielt in meinem Leben eine sehr wichtige Rolle

Mein Freund und ich gehen sehr offen mit Sex um. Irgendwann, noch bevor wir wirklich zusammen waren und ich ja nebenbei noch eine andere Fernaffäre hatte, bin ich mal auf eine Postkarte gestoßen. Auf der stand „Ich bin zu jung für Monogamie“. Von der habe ich dann meinem Freund erzählt – und so haben wir das auch konsequent fortgeführt. Für uns funktioniert das so am besten. Wir lieben uns – und das bestätigen wir uns auch immer sehr stark. Am Wochenende haben wir meistens zusammen Sex, aber wenn sich während der Woche etwas ergibt, dann schlagen wir das auch nicht aus. In unserer Beziehung haben wir es inzwischen so geregelt, dass wir gemeinsam Sex ohne Kondom haben und bei allem, was außerhalb läuft, die Safer-Sex-Regeln einhalten. In der Vergangenheit war es für mich manchmal schwierig, diese einzuhalten. Besonders, wenn ich frisch verliebt war. Dann hat’s mich umgehauen, und es passierte auch ohne Gummi.

Aber auch der Alkohol spielte immer wieder eine Rolle. Ich habe auch schon betrunken die letzten Spermatropfen abgeleckt, die aus dem Schwanz kamen. Auch mit einem One-Night-Stand ist mir das schon passiert – mit einem Typen, den ich überhaupt nicht kannte. Ich hatte dann wirklich viel Angst. Aber die ist, Gott sei Dank, verflogen, nachdem ich das Testergebnis hatte. Aber der Weg dorthin war furchtbar! Beim Blutabnehmen ging es ja noch, aber als die gesagt haben, „in drei Tagen sehen wir uns wieder“, da war ich sehr beunruhigt. Frisch verliebt und Alkohol fällt mir am ehesten ein, wenn ich an Situationen denke, wo ich meine Vorsätze mal nach hinten geschoben habe. Wenn ich gekifft habe, war es hingegen kein Problem. Die zwei oder drei Mal, die ich Ecstasy genommen habe, war es auch safer. Ich bin schon öfters zum HIV-Test gegangen. Zusammengezählt könnte ich da auf ein Dutzend Mal kommen. Manchmal sogar dreimonatlich – auch wenn das eigentlich nicht nötig war. „Safer Sex“ heißt ja nicht, dass nichts passieren kann. Aber eine HIV-Infektion ist dann sehr, sehr unwahrscheinlich.


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