Was mit meinem Körper passiert entscheide ich selber – das überlasse ich keinem anderen!
Jan ist 26 Jahre alt und arbeitet als DJ und als Pornodarsteller
Zu meinen Jobs kam ich eher zufällig
Ich bin ein gebürtiger Berliner, habe meine Kindheit im Ostteil der Stadt verbracht. Ich bin als Einzelkind bei meiner Mutter aufgewachsen, meine Kindheit würde ich als ‚wohlbehütet‘ aber mit vielen Freiheiten beschreiben. Nach der Wende sind wir dann in einen Außenbezirk gezogen. In die gute alte Platte. Da hatte man eben fließend warm Wasser, alles war isoliert und neu.
Nach der Schule wollte ich direkt ins Arbeitsleben, nicht erst studieren. Ich habe also Hotelfachmann gelernt. In der Ausbildung habe ich aber recht bald gemerkt, dass die Gastronomie langfristig nichts für mich ist. Ich habe dann mehr auf Veranstaltungen gearbeitet, die auch mit organisiert, stand hin und wieder hinter der Bar. So war es abwechslungsreicher.
Vor vier Jahren hörte ich zufällig von Bekannten, dass Leute im Pornogeschäft gesucht würden. Ich hatte vorher nie was mit der Branche zu tun. Aber ich wurde gleich nach Amerika eingeladen und damit ging’s los. Klar musste ich mir die Frage stellen, ob mir das irgendwie später bei dem was ich vorhabe im Weg stehen kann und ob es zu meinen Einstellungen passt. Aber ich stehe eigentlich immer zu den Dingen die ich tue. Meine Entscheidung war dann auch relativ einfach: Probieren wir es einfach, gucken wir halt. Mir wurde ein Exklusiv-Deal angeboten. Und so arbeite ich eben nur für eine Firma. Und da ist man dann auch relativ gut behütet, das ist keine Abfertigung. Das ist eher so eine familiäre Situation.
Von Anfang an habe ich mich da sehr wohl gefühlt und habe es auch genossen. Aber du drehst ja nicht ständig irgendeinen Film. Auch wenn mich dieser Job gut finanziert hat, wollte ich auch mal einfach etwas Kreatives machen. Und ja – auch über einen blöden Zufall – habe ich dann mit dem Musik auflegen angefangen. Bekannte von mir haben sich hier in Berlin niedergelassen und wollten einen Club eröffnen. Das habe ich verfolgt und es war auch die Frage, ob ich nicht mit einer Partyreihe einsteige. Dazu ist es dann nicht gekommen. Doch dann fragte man mich, ob ich nicht einen Teil des Ladens mit Musik beschallen möchte. Musik war sowieso ein Hobby von mir. Ja, und so ging das eigentlich Stück für Stück los mit dem Musizieren. Zur Zeit arbeite ich also als DJ und im Pornogeschäft.
Szene ist toll – aber ich lebe trotzdem möglichst integriert
Schon mit 13/14 habe ich meine ersten Spielversuche mit Männern gehabt. Sicher konnte man damals noch nicht absehen, in welche Richtung sich das entwickeln würde und viele, die damals daran beteiligt waren, sind heute auch nicht schwul. Das war so ein Ausprobieren. Die anderen würden das heute wahrscheinlich nicht mal mehr zugeben.
Geoutet habe ich mich dann mit 15. Für mich war in dem Alter einfach sehr schnell klar, was ich wollte. Ich meine, bei „Baywatch“ habe ich eben nicht den Frauen auf den Badeanzug geschaut, sondern eher auf den Kerl in der Badehose.
Einfacher war es mit meinem Outing vielleicht auch, weil ich keine große Familie habe. Da hatte ich nicht so einen sozialen Druck. Ich konnte die Dinge einfach laufen lassen und musste mich nicht so sehr damit beschäftigen.
Als ich dann eben in dem Alter zum ersten Mal auf der Loveparade war, hatte ich viel Spaß mit einem Mann. Am Morgen danach bin ich dann aus meinem Zimmer und meinte dann zu meiner Mutter: „Ich bin schwul!“ Erst einmal ist sie in Tränen ausgebrochen – aber nicht, weil das so schlimm ist, sondern weil sie dann eben sofort daran dachte, keine Enkelkinder zu bekommen. Sie hat sich aber schnell wieder gefangen.
Von meinem Vater habe ich ja nur ein grobes Bild. Der weiß auch bis heute nichts davon. Wie der das aufnehmen würde? Keine Ahnung. Da kann ich nur spekulieren.
Ich bin immer recht offen damit umgegangen. Vielleicht war ich auch naiv, aber ich habe mir einfach keine Gedanken darüber gemacht, was andere darüber denken könnten. In der Schule hatte es schnell die Runde gemacht. Und da konnte ich zum ersten Mal spüren, dass die anderen Jungs das vielleicht nicht so gut finden. In der Umkleidekabine beim Sport hatten sie wohl Angst, dass mir da was gefallen könnte.
Aber später gab es dann keine Probleme mehr. Auch nicht in der Ausbildung. Da war alles schick.
Szene ist bis zu einem gewissen Grad toll. Und ich war dann auch von Beginn an viel unterwegs. Dabei hat mich immer die Musik getrieben. Ich war schon immer ein Tanzhase. Das Ausgehen war irgendwie so etwas wie mein Zuhause. Man lernt dann ja auch nach und nach Leute kennen.
Allerdings hat sich das mit dem Nightlife später auch ein bisschen verändert. Heute bin ich nicht mehr nur die Privatperson und darum gehe ich jetzt einfach ein bisschen anders aus. Die Szene ist einfach klein und anscheinend bin ich doch so bekannt, dass mich manche Leute erkennen. Ich schotte mich mehr ab. Ich will mein Privatleben auch ein bisschen schützen. Liebesbeziehung, Familie und Freunde, das ist mir alles viel bewusster geworden und ich bin nicht mehr so locker und so frei wie früher. Schwul zu sein außerhalb des Nachtlebens hat nie eine allzu große Bedeutung gehabt. Ich gehe nicht extra zu einem schwulen Friseur oder einem schwulen Arzt. Ganz bewusst führe ich ein möglichst integriertes Leben. Nur weil ich schwul bin, bin ich ja nichts Besonderes und ich habe einfach Angst davor, mich zu isolieren.
Ich habe allerdings auch schon eine sehr unangenehme Erfahrung mit Gewalt gemacht. Gemeinsam mit meinem Freund der gleichzeitig meine erste große Liebe ist, bin ich nach der Kino-Spätvorstellung Hand in Hand über die Straße gegangen. Und da haben wir wohl die Aufmerksamkeit einer Gruppe von Leuten erregt, die man wohl zu den Rechtsnationalen zählen würde. Für die war das natürlich ein gefundenes Fressen. Das waren so etwa zehn Leute. Die haben uns verfolgt, sind dann irgendwann auf uns drauf gesprungen Es gab eine große Keilerei. Irgendwann konnten wir uns befreien und wir haben die Polizei gerufen. Die haben sich aber ganz schön Zeit gelassen, bis sie dann da waren.
Einer wurde dann auch geschnappt. Aber das Urteil im Gerichtsprozess, das war nicht befriedigend. Er musste ein Anti-Aggressionstraining machen, das war es. Das war wirklich verletzend und traurig. Aber es gab einfach niemanden, der uns zur Seite gestanden hätte. Wir waren nur als Zeugen geladen, obwohl wir eigentlich die Opfer waren. Niemand hat uns darauf hingewiesen, dass wir eine Anzeige erstatten könnten. Im Nachhinein alles sehr absurd. Heute würde ich es sicher anders machen. Da bin ich jetzt gewitzter geworden.
Trotz dieses Erlebnisses habe ich noch immer ein sehr ungezwungenes Verhältnis, was meinen alltäglichen Umgang angeht. Ich muss mich vor niemandem verstecken!
In meiner ersten Beziehung war mir HIV noch gar nicht recht bewusst
Ich habe mich nie schnell in Beziehungen gestürzt. So viele hatte ich bisher gar nicht. Schnellschüsse waren da bisher nie so mein Ding. Zurzeit bin ich sehr verliebt.
Meine erste große Liebe habe ich schon kurz nach dem Outing beim Ausgehen getroffen – da war ich 16. Damals bin ich in die gute alte Busche gegangen, das ist damals so etwas wie die „Geburtsklinik“ für Schwule gewesen.
Zuerst bin ich da völlig verschüchtert rein, den Kopf nach unten. Stück für Stück habe ich gelernt was da abgeht und wie die Menschen dort sind. Schon beim nächsten Mal habe ich da einen Kerl gesehen, der doppelt so alt war wie ich. Der hat mich fasziniert und ich bin dann aus meiner Naivität einfach hin und der erste Satz war: „Kann ich Deine Telefonnummer haben?“
Wir haben uns dann öfters gesehen und es hat sich irgendwie entwickelt. Ich habe mich schwer verknallt und ja – das war schön. Das ging dann über zweieinhalb Jahre.
Der Sex in der Beziehung war immer ungeschützt. Für mich war das nie ein Thema. Darüber haben wir nicht gesprochen, es ist einfach passiert. Ich denke aber, dass es eine gewisse Verantwortung auf seiner Seite gegeben hätte, das anzusprechen. Ich war einfach noch zu naiv. Ich würde sogar behaupten, dass HIV mir zu dem Zeitpunkt noch gar nicht recht bewusst war. Mit ihm war halt alles so schön und toll. Das erste Jahr war einfach fantastisch. Aber dann habe ich ein paar Dinge herausgefunden, die das ganze irgendwie zerstört haben. Vielleicht war es auch ganz gut so, sonst würde ich vielleicht noch immer mit so einer rosa Brille rumrennen. Man muss einfach auch die Realität sehen, um zu wissen, was gut für einen ist. Es sind da eben so ein paar Sachen gelaufen, wo ich mir die Frage gestellt habe, ob er in Sachen Sex wirklich ein Verantwortungsgefühl mir gegenüber hat. Das Vertrauen war dann erst einmal im Keller. Aber die Liebe und die sexuelle Sucht nach diesem Menschen war einfach sehr stark. Es war alles furchtbar anstrengend, Diskussionen, Streit. Abends gab es dann Sex und es war alles wieder okay.
Irgendwann war ich an dem Punkt angelangt, an dem ich mich fragen musste, ob ich das alles so will oder ob ich lieber langfristig glücklich sein möchte. Und da konnte ich mich lösen.
Durch sein Fremdgehen hat er eigentlich auch gezeigt, dass er kein Verantwortungsbewusstsein mir gegenüber hatte. Ich meine, man fragt sich doch: Passiert das noch mal? Und da hängt ja auch die Übertragung von allen möglichen Krankheiten dran. Erst da habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen. Ich möchte gern selber entscheiden, was ich meinem Körper antue und das nicht jemand anderem überlassen.
Man muss mit den Risiken jonglieren
Was ich heute über HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten weiß, das habe ich aus Funk und Fernsehen und natürlich aus Zeitungen und so. Außerdem habe ich in meinem Bekanntenkreis auch jemanden, der HIV-positiv ist. Aber auch heute würde ich sagen, dass ich sicherlich noch sehr viel Halbwissen habe.
In der Pornobranche ist HIV das Thema Nr. 2 – gleich nach dem Geld. Wenn man allerdings sieht, was sich da in der Branche unter dem Begriff "Bareback" so aufgebaut hat oder auch schon vorher existiert hat. Im schwulen Bereich ist das ja total verschrieen – wird aber trotzdem praktiziert. Aber im Heterosektor ist das eigentlich noch viel schlimmer. Ich meine, da ist es ja Standard ohne Kondom was zu machen.
Persönlich hatte ich da echt Glück. Mir wurde die Entscheidung einfach abgenommen. Klar, ich hatte da meine Meinung und wäre sicher nicht bereit dazu gewesen, ohne Gummi was zu machen. Aber ich bin da eben in ein Netzwerk gekommen, was komplett auf Safer Sex setzt. Bei allen Produktionen der Firma wird sich geschützt. So gab es da noch nie den Punkt, darüber nachdenken zu müssen. Natürlich haben die auch Leute gesucht, die zu diesem Image passen.
Dieses Image kann und will ich heute auch gern nutzen. Es gibt ja zum Beispiel Leute, die schon auf den nächsten Film warten, die Sache so richtig verfolgen. Vielleicht nehmen die mich dann auch als eine Art Vorbild. Was man konsumiert, das hinterlässt ja vielleicht auch Spuren.
Aber klar, ich bin natürlich auch nur ein Mensch. Ich hatte auch schon schwache Momente in meinem Leben und hatte schon unsafe Sex. Dann trat eine gewisse Panik auf: „Worauf habe ich mich da eingelassen?“ Das passiert – deshalb sind wir Menschen. Auch wenn es da keine Regelmäßigkeit gibt, habe ich sicher schon mehr als zehnmal einen HIV-Test gemacht. Wenn man damit mal anfängt, dann kommt das eben ganz automatisch. Irgendwann kommt einfach der Gedanke, dass ich mal wieder hin muss. Und dann ist es eben soweit.
Ich denke, es geht doch eigentlich darum, dass man mit den Risiken jonglieren muss. Damit meine ich, dass sich jeder einfach bewusst sein muss, welche Risiken es gibt und damit irgendwie umgeht. Und trotz der Risiken soll man ja nicht den Spaß unterdrücken. Denn Sex gleicht einen ja auch aus. Das schlägt sich auf alles nieder.




























