Wer ist dein Typ?
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Jasco (28) aus Berlin

Ich will ein Maximum an Spaß bei einem Maximum an Schutz. So safe wie nötig und so viel Spaß wie möglich.

Jasco ist 28 Jahre alt, lebt in Berlin und ist Student

Sexuelle Orientierung und Entwicklung ist ein dynamischer Prozess

Ich wurde in Offenbach geboren, meine leibliche Mutter ist Sizilianerin und mein Vater ist ein unbekannter amerikanischer Soldat. Ich wurde zur Adoption freigegeben und bin zusammen mit meiner ebenfalls adoptierten Schwester aufgewachsen. Erst haben wir in Nordrhein-Westfalen gelebt, und 1993 sind wir dann in ein Dorf mit 200 Einwohnern nach Brandenburg gezogen. Ich hatte wirklich eine sehr behütete Kindheit, bin auf die Waldorfschule gegangen und habe schließlich mein Abitur gemacht. 2000, gleich nach dem Abi, bin ich zu Hause ausgezogen und nach Berlin. Danach habe ich so ein bisschen rumgehangen, habe gejobbt in Kunst und Kultur. Zwei Studiengänge habe ich probiert und abgebrochen. Inzwischen studiere ich Filmregie. Ich habe auch eine relativ lange Zeit für ein bekanntes schwules Internetportal gearbeitet.

Ich hatte mit 17 Jahren mein erstes Outing. Damals war es noch mein Outing als Lesbe. Ich hatte es ein Jahr vorher schon meiner besten Freundin und den besten Freunden erzählt. Das war total unproblematisch. Ich hatte mir vorher noch einen Riesenkopf gemacht, aber es gab von denen keine Anfeindungen, es war irgendwie gar nicht schlimm. Vor sechs Jahren dann habe ich mich ein zweites Mal geoutet. Ich hatte gerade so meinen Umwandlungsprozess begonnen, und als ich dann in den Stimmbruch kam, da musste ich ja mal mit meinen Eltern darüber sprechen. Ich habe sie eingeladen, und meine Mutter war total aufgeregt, was sie wohl erwarten würde. Und dann habe ich ihnen gesagt, dass ich nicht erkältet sei, sondern dass ich mich als Mann fühle und das eigentlich auch schon immer so war. Meine Mutter lehnte sich dann ganz erleichtert zurück. „Ich bin froh, ich dachte schon, du hättest Aids.“ Alle machten sich Sorgen, dass ich vielleicht HIV-positiv sei.
Mein Vater war auch ganz zufrieden. Er hat nur gesagt, dass er es schon immer irgendwie gewusst habe. Nun, ich habe mich eben auch nicht wirklich als Mensch so verändert. Ich war schon immer so, wie ich bin, ich war halt nie eine Frau. Und dann haben sie mich noch gefragt, wie das denn jetzt wäre, ob ich denn nun eine Freundin hätte und heiraten würde. Aber ich habe mich eben erst mal nur umorientiert. Plötzlich konnte ich auch etwas mit Männern anfangen, was als Frau gar nicht denkbar gewesen wäre. Mir ist damals klar geworden, dass die sexuelle Orientierung eher so etwas wie ein Entwicklungsprozess ist. Das kann sich schnell ändern – und nun definiere ich mich da auch nicht mehr so eindeutig. Ich vermeide es, so klare Schubladen dafür einzurichten, einfach, weil es besser ist.

Uneindeutigkeit bringt nervige Situationen mit sich

Als Transmann erlebe ich im Alltag eigentlich wenig offene Anfeindungen. Ich wurde halt oft angestarrt, das ist so eine Sache. Gerade als ich noch Brüste hatte. Ich war irgendwie der Meinung, dass das jeder akzeptieren muss. Aber ich habe schnell gemerkt, dass diese Uneindeutigkeit nur nervige Situationen mit sich bringt. Es ist dann zum Beispiel so, dass Menschen einfach den Kontakt mit dir meiden. Es setzt sich dann in der Vorlesung niemand neben dich, keiner macht irgendwelche Projekte mit dir. Es ist einerseits diese Homophobie, von der ich nicht dachte, dass sie so schlimm ist, und nun eben diese Frau-zu-Mann-Entwicklung. Das ist halt zu weit weg für die. Das können sich die anderen einfach nicht vorstellen, sie können damit nichts anfangen. Deshalb gab es viel Getuschel und viele Gerüchte über meine Person, und sie haben dann einfach Abstand gehalten – oder tun es immer noch.

Es ist auch nicht so, dass ich irgendwann ein öffentliches Statement zu meiner Situation abgegeben hätte. Das hielt ich auch nicht für nötig. Ich meine, von denen stellt sich ja auch keiner hin und sagt: „Ich bin Kind einer alleinerziehenden Mutter, bin heterosexuell und habe eine Missbrauchsgeschichte hinter mir!“, oder so. Tatsache ist: Viele finden mich irgendwie komisch. Mehr als ein bisschen Smalltalk geht da eben meistens nicht.

Als ich noch als Frau gelebt habe, war ich auch in einem Frauen-Kollektiv hier in Berlin, und dort wurde regelmäßig eine Transgender-Debatte geführt. Es war aber auch dort sehr schwierig, offen damit umzugehen. Aber nach und nach haben sie sich dann geöffnet für andersgeschlechtliche Menschen, was mich sehr gefreut hat. Die schwule Szene ist da noch ein bisschen hinterher. Da begegnen mir noch viele Anfeindungen. Es fängt schon damit an, dass die schwule Szene von weißen Männern dominiert wird. Deswegen bewege ich mich halt auch gern in der türkischen schwulen Szene. Da fühle ich mich wesentlich wohler. Die Mainstream-Szene interessiert mich nicht so. Ich habe da auch keinen Zugang zu. Das fängt bei rassistischen Äußerungen an und hört bei transphoben auf. Für mich ist die Szene da eben leider nicht offen. Es kommt schon öfter vor, dass mich ignorante Menschen „Neger“ nennen. Das muss nicht mal böse gemeint sein – aber die verstehen nicht, dass dieser Begriff einfach nicht angebracht ist.
Ich vermeide es, in solche Situationen zu kommen. Natürlich auch aus Angst, auf die Fresse zu kriegen. Also wenn ich in den Darkroom gehe, ich meine, ich will ja auch niemanden hinters Licht führen und vor den Kopf stoßen. Im Chat sehen sie zuerst mein Bild: Tätowiert und nicht weiße Hautfarbe. Für die bin ich dann natürlich gleich dominant und hab einen großen Schwanz. Diese Diskriminierungserfahrungen machen auch viele türkische Freunde von mir. Da heißt es: „Der türkische Hengst“ und so weiter. Wenn sie mein Profil aber richtig lesen, kommt es auch schon mal zu wirklich handfesten Sachen, zum Beispiel so nach dem Motto: „Du hast doch keinen Schwanz, wieso schreibst du mich an?“

SM ist ein Teil meiner Sexualität

Seit einigen Jahren bin ich Mitveranstalter von einer queeren SM-Party. SM ist ein Teil meiner Sexualität, aber es ist nicht unbedingt zwingend so. Ich meine, ich kann auch Blümchen-Sex haben – aber dann stehe ich auch eher auf die härtere Variante von Blümchen-Sex. Es ist einfach schön, dass es etwas gibt, bei dem der Schwanz nicht so eine große Rolle spielen muss. Primäre Geschlechtsmerkmale sind da eben nicht so wichtig, um eine intensive Begegnung zu haben. Es gibt so viele Möglichkeiten der sexuellen Interaktion. Letztlich spielt es nicht einmal eine Rolle, welches Geschlecht eine Person hat. Es ist ein Spiel, das zum Beispiel auf unserer Party in einem geschützten Rahmen stattfindet.

Was Beziehungen angeht, habe ich auch so meine Erfahrungen gemacht. Mir ist da Offenheit wichtig – so SM-Beziehungen, in denen die Rollenverteilung klar ist, also wo geregelt ist, wer die Hosen anhat, das geht für mich gar nicht. Zurzeit bin ich Junggeselle, würde ich sagen. Ich bin schon bindungsfähig. Aber monogame Beziehungen habe ich schon probiert. Die sind für mich einfach nicht passend. Auf meine Freiheiten und Spaß will ich einfach nicht verzichten. Für mich kommt daher nur eine offene Beziehung infrage, in der dann ausreichend über die sexuellen Bedürfnisse, aber auch über sexuelle Infektionen kommuniziert wird.

Ein Maximum an Spaß bei einem Maximum an Schutz – das will ich erreichen

Manchmal würde ich gern in den 1960er Jahren leben, als es HIV noch nicht gab. Ich meine, ich bin mit diesem Thema, das ja alles verändert hat, aufgewachsen. Für mich stellt sich eben nicht die Frage, ob ich mir keine Gedanken darüber mache. Ich weiß wohl auch deshalb recht viel über HIV und Aids und andere Krankheiten, weil ich viele Leute kenne, die entweder positiv sind oder die sonst irgendwelche Krankheiten haben. Gerade online wird man sehr viel mit dem sehr freien sexuellen Verhalten vieler Menschen konfrontiert, wo das nie eine Rolle spielt. Wenn ich ein Date mache, dann ist es in 99 Prozent der Fälle so, dass ich dieses Thema anspreche. Und es ist oft so finster, darüber zu reden, weil sich da wirklich Abgründe auftun. Oft kommt es dann auch gar nicht zu einem Treffen, weil ich zum Beispiel offen frage, was mit den Bildern da im Profil ist, wo kein Gummi benutzt wird. Man kriegt da nicht immer ehrliche Antworten. Und ich spreche das Thema wirklich immer an. Ich will wissen, was das für ein Mensch ist und welches Bewusstsein er für sich und seinen Körper hat und was das sexuelle Verhalten angeht. Ich habe auch Sex mit etwa fünf bis sechs Personen, die ich schon länger kenne. Das Gute ist da, dass mit denen alle diese Themen schon durchgesprochen sind. Das muss dann einfach nur mal upgedatet werden. Das größte Problem ist meiner Meinung nach, dass es so viel Nichtwissen gibt. Es sind viele Kleinigkeiten, wie zum Beispiel, dass Crisco Kondome durchlässig macht. Es gab da mal einen Typen, der mir erzählte, dass er nach dem Fisten den Typen gern noch fickt. Das war so ein verheirateter Bi-Typ. Und dann meinte ich: „Ja, du weißt aber schon, dass das ziemlich unsafe ist.“ Der war daraufhin wirklich erstaunt – er wusste das einfach nicht. Für mich ist auch klar, dass ich mich mindestens alle sechs Monate testen lasse. Das ist natürlich immer eine aufregende Sache. Das fängt bei HIV an, geht über Hepatitis C, und auch Syphilis, die gerade umgeht, steht immer regelmäßig auf dem Programm. Es gibt auch bestimmte Regeln, an die ich mich beim Sex halte. Zum Beispiel: Ficken nur mit Gummi. Ich habe deshalb immer welche dabei. Wie ich mich genau verhalte, das hängt eben auch von meinem Gegenüber ab. Ich kalkuliere das Risiko, könnte man sagen. Ein Maximum an Spaß bei einem Maximum an Schutz, das versuche ich zu erreichen. Klar habe ich auch schon dumme Sachen getan. Jeder tut irgendwann mal so eine dumme Sache. Sex muss irgendwie auch etwas Animalisches und Dreckiges haben. Meine Erfahrung ist, dass sich viele Leute gar nicht darum kümmern. Die haben dann Angst davor, sich testen zu lassen. Wenn ich das dann bei jemandem weiß, mit dem ich mich treffe, dann ist mir eben auch klar, wie ich mich zu verhalten habe. Man kann dem Thema eben nur gerecht werden, wenn darüber gesprochen wird.

Ich hatte auch schon Sex mit Positiven. Aber dadurch, dass ich immer vorher darüber rede, weiß ich dann eben auch, was ich tun kann und was nicht. Mich würde ein positives Testergebnis meines Gegenübers auch nicht davon abhalten, eine Beziehung mit jemandem einzugehen oder Sex mit jemandem zu haben. Man kann sich eben dementsprechend verhalten, wenn man es denn weiß.

Ich wünsche mir jedenfalls, dass den Leuten einfach klar wird, dass sie Verantwortung übernehmen, wenn sie Sex mit anderen haben. Meine Erfahrung ist aber leider, dass viele mit diesen Themen eigentlich nicht konfrontiert werden wollen. Sie verdrängen das einfach. Sexualität muss als verantwortungsvolles Handeln begriffen werden. Sich einfach ein paar Gedanken darüber machen, das würde schon helfen. Und das Wichtigste ist, dass man immer auch „Nein“ sagen können muss. Wenn man sich an ein paar Regeln hält, mit seinem Sexpartner redet, dann kann man sich viel Sorgen und Ärger hinterher sparen!.


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