Wer Toleranz fordert, sollte auch tolerant sein.
Markus ist 28 Jahre alt, wohnt in Frankfurt und ist Künstler
Meine Pflegeeltern hielten einen Schwulen im Dorf für nicht vertretbar
Meine Kindheit war nicht so recht unbeschwert. Gemeinsam mit meiner leiblichen Schwester bin ich bei Pflegeeltern aufgewachsen, die eine eigene Tochter hatten. Da war es nicht leicht, sich zu behaupten. Mir war auch schon recht früh klar, dass ich schwul bin. Ausgesprochen hat es zum ersten Mal meine Oma als ich so etwa 12 Jahre alt war. Aber das Thema war in der Familie ziemlich verpönt, sodass wir darüber auch nicht weiter gesprochen haben. Auch sonst wurde nicht viel geredet, schon mal gar nicht über Gefühle. So was musste man mit sich selber ausmachen. In dem Kaff, in dem wir wohnten, gab es ja eigentlich keine Möglichkeiten dazu, Männer kennenzulernen. So habe ich über die damaligen 0190er-Nummern die ersten Erfahrungen gesammelt – unbemerkt von meinen Pflegeeltern. So in der Zeit hatte ich dann auch schon meinen ersten Freund. Die erste große Liebe sozusagen und ich habe mich dummerweise jemandem anvertraut, der es meinen Eltern erzählt hat.
War mein Leben bis dahin noch halbwegs in Ordnung, bedeutete es von diesem Zeitpunkt an 24 Stunden Kontrolle! Ich durfte zum Beispiel nicht mehr telefonieren – aber natürlich findet man irgendwie immer einen Weg zu kommunizieren, wenn man verliebt ist. Also habe ich meinem Freund einen Brief geschrieben, den ich dann aber dummerweise zu Hause liegen ließ. Als ich es bemerkte, war es schon zu spät: Meine Pflegemutter hatte ihn gefunden. Drei Tage später fand ich mich in einem Kinderheim in Mainz wieder, weil meine Pflegeeltern einen Schwulen im Dorf nicht für vertretbar hielten. Von dort aus ging es dann schon bald in eine Jugend-WG. Klar gab es mal die ein oder andere anti-schwule Anfeindung, aber grundsätzlich ging es mir sehr gut im Heim.
Über HIV und AIDS wusste ich früher eigentlich nichts
Ich fing zu der Zeit dann auch an, sexuell aktiv zu sein. Damals hatte ich durchaus den ein oder anderen riskanten Kontakt. Heute denke ich, dass meine damaligen Partner bei einem so jungen Typen einfach auch mehr bereit waren, auf das Gummi zu verzichten. Und ich selber wusste einfach noch nicht genug über HIV und Aids. Ich war zwar irgendwie betreut – aber über so etwas wurde nicht gesprochen. Nicht einmal in der Schule hat man uns richtig darüber aufgeklärt. Ich wusste damals auch nicht, was ein Tripper ist – und die Mädels wussten vielleicht nicht einmal, wie man schwanger wird.
Ich bekam jedenfalls sehr bald massive gesundheitliche Probleme. Anfänglich waren es Zahnschmerzen, dann hatte ich starke Blutungen im Kiefer. Die Diagnose war immer die Gleiche: Parodontose. Es war ein Leidensweg von zwei Jahren. Höllische Schmerzen und immer wieder Blutungen. Teilweise ging es gar nicht ohne Schmerzmittel und es wurden mir auch ein paar Zähne gezogen, weil es so schlimm war.
Es ist aber trotz allem nicht besser geworden und ich konnte es irgendwann einfach selber nicht mehr glauben, dass das nur Parodontose sein soll. Mittlerweile war ich 18 Jahre alt und bin für meine Ausbildung nach Frankfurt gezogen. Die Ausbildung musste ich jedoch abbrechen, da ich sogar vor Schmerzen zusammengebrochen bin. Zum Zahnarzt wollte ich zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr gehen, da ich da immer die gleichen Sachen gehört habe.
Ich hatte aber einen neuen Freund, der mich doch noch einmal davon überzeugt hat. Und dieser Zahnarzt, zu dem ich dann ging, schaute in meinen Mund und sagte nur ganz knapp: „Ich kann sie so nicht behandeln – entweder Sie haben Leukämie oder Aids!“ Das war für mich natürlich sehr hart! Und ich habe sofort einen Test gemacht und hatte nach einer Woche Gewissheit: Ich war HIV-positiv! Ich war jedenfalls froh, dass mein damaliger Freund bei mir war, als ich das Testergebnis hatte. Mit 18 hatte ich nun auch noch nicht so wirklich viel Ahnung, was das nun konkret bedeuten würde. Ich bin erst einmal in Tränen ausgebrochen und ich habe wirklich keine Ahnung, wie lange ich da gesessen habe, aber es war sehr lang. Und in meinem Kopf war zunächst mal Leere und vielleicht noch der Gedanke, dass das Leben jetzt vorbei ist und ich jeden Moment sterben werde.
Meine ganze Situation schien zu dem Zeitpunkt aber auch wirklich verheerend: Ausbildung verloren, HIV-positiv und dann gleich mit der Medikamententherapie starten, denn ich war schon in einem sehr weit fortgeschrittenen Stadium. Der Arzt meinte, ich könnte durchaus sehr bald sterben, wenn ich nicht mit den Medikamenten beginnen würde.
Jeder Tag ist der Beginn vom Rest meines Lebens
Dass ich das Gefühl der Leere nach dem positiven Test hinter mir lassen konnte, liegt sicher auch daran, dass ich in meinen Leben bislang immer kämpfen musste. Sei es um etwas zu bekommen oder um mich selbst zu behaupten. Irgendwann habe ich mir gedacht, dass ich das Beste daraus machen muss. Ich lebe nicht nach dem Motto: Jeder Tag könnte der Letzte sein, sondern: Jeder Tag ist der Beginn vom Rest meines Lebens!
Trotzdem habe ich HIV nie zum Lebensinhalt gemacht. Zunächst einmal habe ich meinen Freunden davon erzählt, denn ich wollte es einfach nicht verheimlichen. Und andererseits sah ich eine Chance darin, den drohenden Fragen auszuweichen: „Was sind das für Pillen? Was ist mit Deiner Haut?“, und so weiter. Ich habe damals auch viele Freunde verloren, weil sie damit nicht umgehen konnten. Aus Angst vielleicht? Manche sind auch von dem Thema peinlich berührt, man muss sich mit unangenehmen Fragen auseinandersetzen. Mein damaliger Freund war schon eine wirklich gute Unterstützung und auch in der AIDS-Hilfe gab es eine Gruppe, der ich mich angeschlossen habe. Das war das, was ich gebraucht habe. Im Freundeskreis ist es hingegen viel weniger Thema gewesen, auch wenn die das wussten. Das ist auch heute noch so. Ich will einfach nicht, dass sich alles um HIV dreht.
Seit einiger Zeit zeige ich mich auch in der Öffentlichkeit, um HIV und Aids zum Thema zu machen. Angefangen hat alles mit einer Anfrage, die ich auf den „Blauen Seiten“ bekommen habe. Ob ich nicht Lust dazu hätte, bei einem Projekt der AIDS-Hilfe mitzumachen. Als dann klar war, dass es dabei um einen Film geht, in dem ich mich offen zu meiner HIV-Infektion äußern sollte, da habe ich schon ein bisschen Bammel bekommen. Wie würde es sein, wenn ich so öffentlich mit meiner Infektion umgehe? Ich habe das erst mit meinen Freunden besprochen und hin und her überlegt.
Und ja, ich habe es gemacht. Denn ich habe die Hoffnung, dass ein öffentliches Outing dazu beitragen kann, dass die Menschen insgesamt toleranter werden und andere Positive auch zu sich selber stehen können. Es dann anderen zu erzählen, das ist der nächste Schritt. Erst einmal muss man zu sich selber stehen. Wie gesagt, ich habe immer schon für mich gekämpft, und durch meinen offenen Umgang mit der Infektion kämpfe ich sozusagen auch für meine Leidensgenossen. Ich habe nach außen ein dickes Fell, da hat sich bei mir eben so entwickelt, aber das hat ja irgendwie nicht jeder. Und vielleicht kann ich dazu beitragen, dass die Leute sich besser informieren oder dass es mehr Aufklärung gibt als bei mir damals.
Dieser öffentliche Umgang hat aber auch eine Kehrseite, die manchmal sehr unangenehm ist. Denn ich werde ständig auf mein Leben mit HIV angesprochen, auch wenn ich in ganz anderen Zusammenhängen unterwegs bin. Das nervt schon ein wenig.
Manch einer weiß mit dem Thema HIV nichts anzufangen
Seit etwa sechs Monaten lebe ich wieder in einer festen Beziehung. Die Infektion war kein Grund für meinen Partner mich abzulehnen. Als wir uns kennengelernt haben, in so einer Schunkelkneipe, da habe ich ihm schon vor dem ersten Knutschen gesagt, dass ich positiv bin. Und seine Reaktion war einfach nur ein „Na und?“ – aber nicht so, als sei es egal, sondern es war mir gleich klar, dass er sich mit dem Thema beschäftigt hatte und aufgeklärt war.
Beim Sex spielt es auch keine Rolle. Wir machen das wie jedes andere Paar – aber natürlich geschützt. Das war aber auch schon vorher für uns beide das Normalste auf der Welt. Wir nehmen jetzt natürlich nicht bei allem ein Gummi. Beim Blow-Job wäre das ja auch unsinnig. Für uns ist die Bedingung eben, dass wir vorher den Kopf einschalten. Ich kann aber nicht behaupten, dass ich keine Angst davor habe, meinen Partner trotz allem zu infizieren.
Zurzeit führen wir beide eine monogame Beziehung. Wir haben darüber aber nicht gesprochen und ich denke es ist möglich, dass sich das ändert, wenn wir länger zusammen sind. Zurzeit steht das aber noch nicht zur Debatte, dafür ist es einfach alles noch zu frisch mit uns.
In der Zeit, in der ich Single war, habe ich die meisten Kontakte über das Internet geknüpft. Oder es kam auch vor, dass ich mal einen Typen in der Disco abgeschleppt habe oder in den Szenelokalen. Wenn es wirklich ernst wurde, dann bin ich bei solchen Begegnungen immer offen mit meiner Infektion umgegangen. Entweder ich habe es dann gesagt oder eben geschrieben. Den ein oder anderen gab es dann schon mal, der deshalb Nein zu einem Treffen gesagt hat. Es kam mitunter aber auch vor, dass der andere sich ebenfalls als positiv geoutet hat. Besonders schlimm finde ich, dass manche das Thema gar nicht verstehen, wenn es zur Sprache kommt. Da haben dann Treffen auch deshalb nicht stattgefunden, weil ich für fünf Minuten Sex nicht noch drei Stunden Aufklärungsarbeit leisten will. Das ist mir dann doch ein bisschen zu anstrengend für eine 0815-Bekanntschaft. Natürlich gibt es auch die, die dann schreiben: „Toll, dann können wir ja ohne Gummi vögeln!“ Und die Frage, ob man es mit oder ohne macht, ist häufig die erste, die kommt. Darauf springe ich besonders gern an. Aber nicht dass hier ein falscher Eindruck entsteht: Die meisten gehen schon sehr vernünftig damit um.
Intoleranz in der Szene gibt es – leider
In der schwulen Szene würde ich mit sehr viel mehr Toleranz wünschen. Einerseits wird da demonstriert: Wir sind schwul, wir wollen akzeptiert werden. Aber als HIV-Positiver fühlt man sicher selber leider nicht immer akzeptiert – das ist sehr schade! Ich spüre schon auch manchmal eine gewisse Feindseligkeit und es gibt auch Leute, die einen bewusst meiden.
Ich kann jedenfalls gut damit umgehen, wenn man mich als Mensch nicht mag. Aber wenn man mich deshalb nicht mag, weil ich positiv bin, das verstehe ich nicht. Es macht mich ja nicht als Menschen aus, dass ich HIV-positiv bin.
Wenn ich versuche, mir diese Reaktionen zu erklären, dann denke ich einfach, dass eine grundsätzliche Angst vor dem Unbekannten gibt und diese Leute haben einfach nicht genügend Informationen. Und je mehr sie selber darüber wissen, desto weniger Vorbehalte gibt es. Jedenfalls zeigt das meine Erfahrung.



























