Die Gesundheit unserer Gäste ist uns viel wert!
IWWIT-Peter ist 47 Jahre alt, wohnt in München und arbeitet dort als Barkeeper
Münchens schwules Viertel ist meine Heimat
Ich bin ein gebürtiger Münchner, mitten im schwulen Viertel geboren und da auch aufgewachsen. Man könnte sagen, dass aus mir gar nichts anderes werden konnte. Ich war auch schon sehr früh in der Szene unterwegs – so mit 14 oder 15 hat man mich bereits im Ochsengarten angetroffen, das ist eine schwule Bar, die es schon seit den sechziger Jahren hier gibt. Ich hatte schon früh einen sehr starken Bartwuchs, sah dadurch viel älter aus, sodass es keiner bemerkt hat. Für meine heterosexuellen Freunde war das auch kein Thema. Es gab eigentlich gar keine Reaktionen auf die Tatsache, dass ich schwul bin. Sie haben es sich wohl schon gedacht. Meine Eltern haben es erst später mitgekriegt, da war ich vielleicht so 19 Jahre alt. Sie haben es aber auch locker aufgenommen. Sogar noch, als ich mit meinem ersten Freund heimgekommen bin, der 20 Jahre älter war als ich. Mein Vater hat ihn sofort akzeptiert und hat überall erzählt, dass das der Freund seines Sohnes ist – und wehe, es hat jemand was dagegen gesagt. Also, es war ein sehr lockeres Coming-out. Ich hatte niemals ein Problem damit, auch nicht beruflich. Selbst bei der Bundeswehr war das bekannt, und damals, das war 1981, hätte es durchaus noch ein Thema sein können. Es hat aber keine Sau interessiert.
Ich hatte auch noch für einige Jahre eine Freundin, das war so etwa, bis ich 20 Jahre alt war. Zu der Zeit war ich offiziell bisexuell – auch wenn ich das eigentlich nie wirklich war. Meine Freundin hat gewusst, dass ich auch mit Typen ins Bett gehe, und hat das akzeptiert. Ich habe sie auch wirklich geliebt. Trotzdem wusste ich, dass das so nicht bleiben würde, dass ich einfach schwul bin und nicht bi oder sonst was. Sie ist heute noch eine gute Freundin von mir und wohnt direkt in der Nachbarschaft.
Ich hatte ein sehr ausschweifendes Sexleben
Meine erste sexuelle Erfahrung hatte ich schon recht früh. Das war mit einem Typen, der aus meiner damaligen Sicht mit seinen vielleicht zwanzig Jahren wahnsinnig alt war. Er hat wohl gar nicht gemerkt, wie jung ich eigentlich noch war, ich war eben sehr frühreif. Es war jedenfalls alles furchtbar aufregend, im Schwimmbad in der Umkleidekabine. Im Grunde ist aber auch nicht viel passiert. Er hat mir einen geblasen, und ich habe ein bisschen an ihm rumgefummelt. Trotzdem bin ich danach tagelang förmlich geschwebt, und für mich war das natürlich auch interessant, weil ich gemerkt habe, dass da was geht. Ich habe mir dann relativ schnell immer irgendwelche Leute aufgerissen, so im Schwimmbad eben. Und ich habe auch ziemlich bald herausgefunden, dass es Klappen gibt. Ich hatte wirklich ein ziemlich ausschweifendes Sexleben. Das war noch in der Zeit vor Aids.
Heute bin ich ein absoluter Beziehungsmensch. Zwar kann ich durchaus auch alleine sein und als Single leben, aber es kommt eigentlich gar nicht wirklich dazu. Und meine Beziehungen dauern auch immer recht lang. Meine erste Beziehung hat fast neun Jahre gedauert, die zweite 13 Jahre. Mit meinem jetzigen Freund bin ich nun seit zweieinhalb Jahren zusammen. Wir leben allerdings nicht in einer Wohnung, sehen uns aber sehr häufig. Unsere Beziehung ist monogam. Das war in den vorherigen aber nicht immer so. Ich habe kein Problem damit, monogam zu sein. Aber es stört mich auch nicht, es nicht zu sein. Das kann sich natürlich auch im Laufe einer Beziehung ändern, oder es ist von Anfang an so. Allerdings kommt für mich auch in einer monogamen Beziehung immer nur Safer Sex infrage. Ganz klar. Ich bin da total konsequent. Seit es damals mit Aids anfing und klar war, wie man sich davor schützen kann, stand für mich fest, dass es nur noch Safer Sex geben würde. Da gab es auch bis heute bei mir nie etwas zu diskutieren. Darum ist es mir persönlich auch egal, ob jemand positiv oder negativ getestet ist. Danach frage ich eigentlich auch gar nicht. Mir ist das wurscht! Safer Sex bleibt Safer Sex. Mir soll auch keiner erzählen, dass das einen großen Unterschied macht, ob man nun mit oder ohne Gummi fickt. Das ist nach meiner Erfahrung doch völliger Blödsinn, schließlich habe ich ja keinen Autoreifen über dem Schwanz! Am Anfang war es vielleicht noch etwas ungewohnt mit der Hantiererei, aber daran gewöhnt man sich doch schnell. Das dauert keine 30 Sekunden, bis man das Ding drübergezogen hat. Das läuft bei mir völlig automatisch. Gelernt ist gelernt und Übung macht den Meister.
Natürlich habe ich mich auch schon selber testen lassen. Ich war hier in München damals sogar einer der Ersten überhaupt. Viele lassen sich heute regelmäßig testen, davon halte ich persönlich aber gar nichts. Das kann ja kein Freibrief sein. Warum rennt man denn da überhaupt hin? Wenn ich auf mich aufgepasst habe, dann muss ich das doch gar nicht. Klar, wenn mal was passiert ist, dann ist das eine gute Sache. Gerade auch der Schnelltest, hier mitten in der Szene.
Aus einem Freundschaftsdienst wurden zehn Jahre – bis jetzt
Als ich noch jünger war, da war die Szene noch belebter und auch voller als heute. Sie war aber auch viel wichtiger. Damals deutlich als Schwuler erkennbar oder vielleicht sogar Hand in Hand auf der Straße zu gehen, das war schon provokant. In der Szene war man eben unter sich – man konnte Gleichgesinnte treffen und natürlich auch aufreißen. Später kamen dann irgendwann die Kleinanzeigen, über die man Leute kennenlernen konnte. Genauso, wie es heute eben über das Internet geht. Gelogen wurde in den Kleinanzeigen auch schon gelegentlich. Es hat sich eigentlich also gar nicht so viel verändert gegenüber damals. Das ist sowieso Quatsch aus meiner Sicht. Die Leute gehen nicht weniger aus, nur weil sie jetzt am Computer sitzen. Sie daten dann eben häufiger und treffen sich auch irgendwo in einer Bar oder Kneipe. Das ist ja unverfänglicher – manchmal ist es eben doch ein Griff ins Klo, und wenn man den dann schon zu Hause stehen hat, dann wird es schwieriger, ihn wieder loszuwerden. Negativ ist mir aufgefallen, dass die Leute früher selber den Spaß in die Kneipe mit reingebracht haben, heute wollen sie eher bespaßt werden. Die Münchner Szene hat übrigens eine sehr wichtige Vergangenheit. Als es damals losging mit Aids und es plötzlich darum ging, die Saunen und Clubs zu schließen, da haben wir hier wirklich gekämpft. Bis heute haben wir dadurch bedingt eine sehr politische Szene. Und die ist außerdem auch sehr groß und vielfältig. Wir haben hier auch Lokale, die es schon seit vielen Jahren gibt.
Ich bin ein Gastronomiekind, also bin in der Gastronomie meiner Eltern groß geworden. Da muss man schon früh mithelfen, und ich wollte eigentlich nie in meinem Leben Gastronom sein. Dann hat es mich aber doch gepackt. Eigentlich war es am Anfang nur ein Freundschaftsdienst: Ein Freund von mir betreibt das „Cook“, eine Kneipe, die es auch schon seit 22 Jahren gibt. Er hatte immer Ärger damit, dass seine Aushilfen so unzuverlässig sind. Also habe ich mich als Hilfe angeboten, bis er jemanden gefunden hat. Das ist nun zehn Jahre her, und inzwischen bin ich in dem Laden fast so etwas wie eine Institution. Zwischendurch habe ich auch nebenbei immer noch in anderen Clubs und Kneipen gearbeitet. Bis ich dann vor dreieinhalb Jahren in eine neue Kneipe eingestiegen bin, die ich von Anfang an mit aufgebaut habe. Das ist das „Camp“, Münchens größte Cruising-Kneipe, würde ich mal sagen. Und in beiden Läden arbeite ich bis heute.
Bei der Präventionsvereinbarung sind wir von Anfang an dabei
Mir ist es wichtig, dass man ein sehr persönliches Verhältnis zu den Gästen aufbaut. Es ist immer auch ein bisschen Gequatsche mit dabei. Ich habe aber auch einfach sehr gern Menschen um mich, ich bin sehr fröhlich und lache viel. Daher wenden sich die Gäste eben auch bei bestimmten Fragen an mich. Zum Beispiel: „Ich habe einen Tripper – wo kann ich damit hingehen?“, oder so. Für mich gehört es zum Barkeepersein einfach dazu, dann zu helfen. Dann greife ich auch schon einmal auf die Broschüren zurück, die wir natürlich alle da haben. Beide Kneipen, in denen ich arbeite, haben eine Wirte-Präventionsvereinbarung unterschrieben. An der habe ich übrigens von Anfang an mitgearbeitet. Da machen hier in München wirklich alle wichtigen Szenebetreiber mit, wo Sex vor Ort stattfindet. Also nicht nur Kneipen und Clubs, sondern auch Kinos, Saunen und Sexshops sind dabei. Entstanden ist das Ganze, als es darum ging, möglicherweise von oben etwas aufs Auge gedrückt zu bekommen, also dass es da vielleicht Einschränkungen von den Gesundheitsbehörden geben könnte. Das wollten wir aber lieber selber in der Hand haben. Allerdings sind wir auch aufs Amt gegangen und haben uns das Okay geholt. Die unterstützen uns also auch, und inzwischen sind wir schon im vierten Jahr erfolgreich mit der Präventionsvereinbarung. Alle Läden, die da mitmachen, haben das Logo an der Tür und sind damit erkennbar. Der Gast weiß dann: Es gibt hier kostenlos Gleitgel und Kondome. Außerdem verpflichten sich die Läden, darauf zu achten, dass keine Prostitution im Lokal stattfindet. Infomaterial liegt natürlich auch aus, und wir weisen auf Safer Sex hin.
Regelmäßig kommen die „Sittenstrolche“ zu uns. Das ist ein Präventionsteam, und die lassen sich immer lustige Sachen einfallen, um über Safer Sex, HIV und andere Gesundheitsrisiken zu informieren. Dann gibt es noch die Vertrauensleute. Das bedeutet, dass mindestens einmal in der Woche ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der AIDS-Hilfe zu Gast ist, der für alle anderen erkennbar ist. An den kann man sich mit seinen Fragen wenden und kriegt hier unkompliziert Infos und Hilfe. Natürlich kontrollieren wir im Darkroom nicht, ob unsere Gäste auch alle ein Gummi drüber haben. Ich schätze aber einfach mal, dass die meisten unserer Gäste Safer Sex machen. Wenn ich sehe, was da nach einem Abend an benutzten Kondomen da ist – das ist schon eine Menge. So etwa 6.000 Kondome gehen in diesem Jahr im „Camp“ sicherlich weg. Und es gibt ja auch viele Sachen, bei denen ein Gummi gar nicht nötig ist und die trotzdem safer sind. Die Gäste nehmen die Sache schon toll an, finde ich. Bei denen, die es nicht safer machen, da sage ich aber auch: Das sind alles erwachsene Leute. Bislang ist mir eigentlich auch selten Arglosigkeit oder Dummheit begegnet. So von wegen „Man sieht es doch, wenn einer infiziert ist“, oder so. Das sind also schon bewusste Entscheidungen, die da getroffen werden. Ich weiß zum Beispiel, dass sich einige Positive bewusst andere Positive suchen und dann eben ohne Kondom ficken. Und überhaupt: Ich kann niemanden erziehen, und wenn sich jemand bewusst dazu entscheidet, ohne Kondom Sex zu haben, der sucht sich dann jemanden, der das auch will – und dann bleiben sie eben unter sich.



























