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Raphael (19) aus Potsdam

Liebe schützt nicht vor HIV!

Raphael ist 19 Jahre alt, Schüler und lebt in Potsdam.

Ich bin mit 16 zu Hause ausgezogen

Ich komme aus Potsdam. Zusammen mit meinen Geschwistern bin ich hier bei meiner Mutter aufgewachsen. Meinen Vater kenne ich nicht. Er hat wohl in Deutschland studiert und ist dann zurück nach Angola gegangen. Als meine Mutter einen neuen Mann kennengelernt hatte, sind wir von hier aber nach Baden-Württemberg gezogen. Bis auf meine Schwester waren alle anderen schon aus dem Haus – ich bin ja der Jüngste. Auch sie ist dann nach einigen Monaten ausgezogen.

Mit dem neuen Mann meiner Mutter lief es für mich leider nicht gut. Er ist auch gewalttätig gewesen – ich war drauf und dran wegzulaufen. Dann habe ich mich aber beim Jugendamt schlau gemacht und bin mit 16 Jahren von dort weg und wieder hier nach Potsdam gegangen. Als ich zurück war, habe ich erst einmal mit meiner Schwester zusammen gewohnt, was auch sehr gut geklappt hat. Ich habe einen ziemlich guten Schulabschluss und schließlich den Entschluss gefasst, das Abitur zu machen. Das Verhältnis zwischen mir und meiner Mutter ist heute nicht besonders gut. Ich denke, dass Einzige, das uns noch verbindet, ist die Krankenversicherung. Wenn ich aber erst einmal studiere, dann wird das auch vorbei sein.

Einen Freund zu haben kam mir komplett normal vor

Ich wusste schon immer, dass ich anders ticke. Für Mädchen habe ich mich einfach nicht interessiert und ich habe auch überhaupt keine sexuellen Erfahrungen mit Mädchen gesammelt. Meine ersten Erfahrungen mit Jungs, die habe ich mit meinem besten Kumpel gehabt. Auf dem Sofa mit Pornos von „Gina Wild“. Der erste Sex war allerdings eher schmerzhaft. Wir waren gar nicht darauf vorbereitet und dann ist, glaube ich, das Kondom auch noch geplatzt. Aber je öfter wir es getan haben, umso besser ging’s dann. Auch Oralverkehr haben wir zusammen probiert – das hat mir wirklich Spaß gemacht. Als ich dann nach Potsdam zurückgegangen bin, dachte ich mir: Neues Leben, neuer Anfang. Also habe ich heimlich Treffen arrangiert, erst noch über den SMS-Chat im Videotext, dann später auch über das Internet. Safer Sex war dabei für mich schon immer ein Thema. Ich lege halt sehr viel Wert auf Hygiene – und schon deshalb benutze ich immer Kondome. Für mich ist es irgendwie unhygienisch, wenn man keins nimmt. Natürlich gab es immer mal wieder Angebote, doch lieber auf das Kondom zu verzichten. Aber wenn dieses Thema aufkommt, dann bin ich doch eher abgeschreckt – eben wegen der Hygiene und wegen des HIV-Risikos.

Mit dem Outing war das so: Meine Schwester brauchte ich zum Beispiel gar nicht zu erzählen, dass ich schwul bin. Sie hat es irgendwann von selbst gemerkt. Sie ist mit mir hier in Potsdam einfach in ein schwules Café gegangen und hat mich damit konfrontiert. Seit dem bin ich da eigentlich auch Stammgast – ich habe dort viele Leute kennengelernt. Ansonsten gehe ich nicht so viel in schwule Läden. Ich bin auch nicht oft in Berlin. Das ist einfach nicht so mein Ding – ich gehe zwar gern tanzen, aber das muss nicht unbedingt schwul sein.

In der Schule wollte ich mich outen, als ich meinen ersten Freund hatte. Mir kam das alles so komplett normal vor. Und die anderen sollten ruhig wissen, warum ich so glücklich bin und den ganzen Tag grinse. Ich wollte ja auch keine Geschichten erfinden! Für mich ist das wirklich gut gelaufen. Es wissen alle Bescheid und ich bin irgendwie noch nie auf richtig schwulenfeindliche Menschen getroffen. Gut, manchmal werde ich nachgeäfft oder man vergleicht mich auch mal mit Bruce Darnell oder Lorenzo. Aber ich bin da ziemlich schlagfertig.

Meine erste Beziehung war wirklich heftig

Ich habe meinen ersten Freund hier auf einem Stadtfest kennengelernt – und es war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Dabei hatte ich vorher nicht so richtig an die Liebe geglaubt. Aber er hatte all die Eigenschaften, die mir an einem Mann so gefallen. Wir kamen sehr schnell zusammen, haben uns wieder getrennt, dann kamen wieder zusammen, haben uns wieder getrennt – das war ein ganz schönes Hin und Her am Anfang. Zuerst waren es drei Monate, in denen wir viel Zeit miteinander verbracht haben und wir unsere gemeinsamen Interessen entdecken konnten. Aber Sex hatten wir da noch nicht, was eigentlich komisch ist. Nach zwei getrennten Wochen kamen wir dann also wieder zusammen – und hatten schließlich auch Sex. Safer versteht sich. Es war wunderschön.

Ich bin dann auch ziemlich schnell zu ihm gezogen. Unsere Beziehung war wirklich etwas Besonderes. Seine Familie war wirklich großartig zu mir, sie haben mich richtig aufgenommen. Ich habe es gemocht, ihn glücklich zu machen – ich habe für ihn gekocht und wir haben uns wirklich aufeinander eingestellt. Wir hatten uns von vornherein verständigt, dass wir unsere Beziehung monogam führen wollen. Mein Freund erzählte mir auch, dass er schon einmal betrogen worden sei. Wir waren uns also ganz sicher, dass wir treu sein wollen. Über Safer Sex habe ich also nicht mehr so viel nachgedacht! Wir haben zwar beim Ficken immer Kondome genommen, aber beim Blasen, da habe ich auch geschluckt. Ich habe ihm einfach vertraut. Doch so lieb mein Freund sein konnte, so böse war er auch manchmal. Er hat zum Beispiel ab und an fremd geküsst, was ich richtig schlimm finde, denn Küssen bedeutet mir wirklich sehr viel. Das ist etwas total Intimes. Da bin ich ein bisschen wie Julia Roberts in Pretty Woman.

Allerdings habe ich irgendwann auch herausgefunden, dass er über Gayromeo ein Sexdate klargemacht hat. Er ist da zwar nicht hingegangen – aber wer weiß, was sonst noch so gelaufen ist. Diese ganze Sache mit dem Date kam raus, weil ich an seinem PC war. Die Daten waren alle schon da und man musste ja nur noch auf „Login“ klicken. Das alles hat natürlich zu einem richtig großen Streit geführt – ich wollte mich sogar von ihm trennen. Aber ich konnte es irgendwie nicht. Ich dachte mir, ich muss etwas machen, damit ich von ihm loskomme. Ich dachte mir, wenn ich ihn selber, obwohl ich wirklich an die Monogamie glaube, betrügen würde, dann würde mir das vielleicht gelingen. Also bin ich – mit einem guten Bekannten – fremdgegangen und habe es am nächsten Tag gleich gebeichtet. Auf dieses Geständnis folgten wirklich unschöne Zeiten. Wir waren vielleicht noch so eine Woche zusammen nach dieser Sache. Nach der Trennung hatten wir auch noch einmal Sex. Danach habe ich erfahren, dass er mit einem anderen ungeschützt Sex hatte. Ich hatte deshalb große Angst, dass ich mich vielleicht mit HIV infiziert habe! Ich wollte ihn zur Rede stellen und wissen, was in unserer gemeinsamen Zeit noch nebenbei gelaufen ist. Seine Antwort war, dass es ihm egal ist, wenn ich verrecken würde. Und das endete dann in einer richtigen Prügelei auf der Straße.

So ging das auseinander mit meinem ersten Freund. Wir haben nun gar keinen Kontakt mehr. Das macht die Sache nicht einfacher. Mir ist jedenfalls eins klar geworden: Liebe schützt nicht vor HIV! Zurzeit unternehme ich viel mit Freunden, bin unterwegs oder ich lade Leute zu mir ein. Allein zu sein, das gefällt mir einfach nicht.

Ich hatte schreckliche Angst vor den Test

Nach dieser ganzen Sache habe ich einen HIV-Test gemacht. In meinem Bekanntenkreis gibt es auch schon zwei Leute, die ein positives Testergebnis haben. Der eine davon hat möglicherweise seinen Freud angesteckt. Und wenn man so etwas hört, dann kriegt man natürlich Panik. Zuerst hatte ich sehr große Angst davor, dass ich ganze drei Tage auf das Ergebnis warten müsste. Ich habe in dieser Zeit so viel geweint und war psychisch ziemlich fertig. Ich hatte wirklich Angst, dass ich mir in dieser Zeit etwas antun könnte, also während ich auf das Ergebnis warte. Immer wieder stellte ich mir die Frage, was ich machen würde, wenn ich es hätte. Was ist dann? Was mache ich dann? Ich war jedenfalls heilfroh, dass ich dann zu diesem Schnelltest gehen konnte. Und als der negativ ausfiel, da habe ich erst einmal eine Party steigen lassen.


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