Ich gehe keine Kompromisse mehr ein.
Reinhard ist 33 Jahre alt, wohnt in Haselünne und ist Marketingmitarbeiter
Mit meinem Outing hatte ich großes Glück
Meine Heimat ist das Emsland. Es gibt dort vor allem Dörfer und kleine Städte – und das Leben ist ganz anders als in der Großstadt. Man ist mehr miteinander verbandelt, wie in einer Clique, und die Nachbarschaftshilfe ist sehr wichtig. Die Leute ordnen sich da mehr ein und versuchen, dem ganz normalen Leben zu entsprechen. Aus diesem Grund habe ich auch zunächst ein Doppelleben geführt. Alle meine Freunde hatten irgendwann eine Freundin und dann hatte ich eben auch eine. So war das halt.
Irgendwann merkte ich aber, dass das mit den Mädchen nicht so das Wahre für mich ist. Meine Eltern sind eigentlich sehr konservativ und katholisch und ich habe mich gefragt, wie sie wohl reagieren würden, wenn sie es erfahren. Durch Beispiele im Bekanntenkreis habe ich aber schon festgestellt, dass es gehen kann, dass Eltern und Freunde das akzeptieren. Ich habe lange überlegt, wie ich es meinen Eltern sage. Ich hatte Angst davor, und dann passierte es einfach, da war ich 21 Jahre alt. War zwar nicht besonders nett, musste aber in der Situation raus: Ich hatte damals gerade einen Mann kennen gelernt, er war noch nicht mein Freund, aber er war dabei mein Freund zu werden. Eine langjährige beste Freundin hatte ich auch. Eines Tages, mein Vater saß im Zimmer und meine Mutter erledigte irgendwas im Haushalt. Und plötzlich fragte sie: „Na, wann wirst Du denn die Bettina heiraten?“ Da habe ich spontan gesagt: „Ich werde eher den Ralf heiraten.“ „Wie?“ „Ja, eher den Ralf.“ „Ach so.“ Und dann habe ich noch gesagt: „Noch irgendwelche Fragen?“ Sie guckten mich beide ungläubig an. Und dann habe ich die beiden da sitzen lassen und bin auf den Schreck erst mal in die Stadt gefahren.
Ja, so war das. Und ich hatte großes Glück, denn es ist nicht viel passiert. Meine Eltern haben es zur Kenntnis genommen und es gab dann auch kein größeres Gespräch mehr darüber. Ich bin heute wirklich sehr froh, wie sie damit umgehen und dass sie das einfach so hinnehmen.
Vor meinen Freunden habe ich mich erst geoutet, als ich dann meinen ersten Freund hatte. Da gab es auch keine negativen Reaktionen – nur, dass sie ein bisschen böse waren, weil ich erst so spät damit rübergekommen bin.
Ich hatte wirklich großes Glück mit dem Outing, das ist mir klar. Denn ich kenne auch Leute, die sich wegen all der Sorgen, die sie sich zu diesem Thema gemacht haben, erst sehr spät geoutet haben. Dann fragt man sich mit 40 Jahren vielleicht schon, ob man etwas verpasst hat in dieser Zeit. Und dann gibt es natürlich auch die, wo sich das alles bewahrheitet. Wo Familien den Kontakt abbrechen, die denunziert und schlecht gemacht werden. Das kann alles vorkommen und ich bin sehr froh darüber, dass ich das nicht erlebt habe.
Ich lebe gern auf dem Land
Natürlich war es auf dem Land am Anfang auch nicht leicht, Kontakte zu anderen Schwulen zu knüpfen. Es gibt ja keine Kneipen oder Discotheken, wo man Männer treffen kann. Daher habe ich meine ersten Kontakte auf einem Parkplatz gesucht. Auch dabei hatte ich großes Glück, denn es hat mich dort jemand angesprochen, der sehr unkompliziert war und der auch meine anfängliche Angst bemerkt hat. Es ging auch gar nicht nur um Sex – im Sommer haben wir zum Beispiel Decken und Kerzen mitgebracht und ein Mitternachtspicknick auf dem Parkplatz veranstaltet. Ich habe da wirklich tolle Menschen kennengelernt und das hat mir sehr geholfen, denn ich konnte sehen, dass es noch andere Männer gibt, die auch so fühlen wie ich. Und so hat es sich eben entwickelt.
Eine Zeitlang habe ich mit dem Gedanken gespielt, in eine Großstadt zu ziehen, vielleicht sogar ins Ausland. Aber wenn ich das heute so betrachte, dann muss ich sagen, dass ich wirklich gern auf dem Land lebe. An den Wochenenden bin ich ziemlich oft in Großstädten unterwegs und dort unter Leuten. Und wenn ich dann zurück bin, dann bin ich froh darüber, meine Ruhe zu haben. Die Situation auf dem Land hat sich aber mittlerweile auch verändert. Die Menschen werden auch hier mit dem schwulen Leben konfrontiert und müssen sich damit auseinandersetzen. Bei mir im Ort gibt es zum Beispiel einen Kiosk, der von einem schwulen Pärchen betrieben wird. Und da es auf dem Land nicht an jeder Ecke Läden gibt, die lange aufhaben, müssen die Leute da auch einkaufen. Und sie müssen sich damit auseinandersetzen und verlieren dann auch so die Berührungsängste. Mir gefällt es auch ganz gut, dass ich nicht ausschließlich schwule Freunde habe, sondern auch eben heterosexuelle. Das Verhältnis ist so etwa 50/50. Die Leute kennen sich untereinander, unternehmen aber nichts zusammen. Das Leben, das man so lebt, ist eben doch so ganz anders als ein heterosexuelles. Trotzdem ist es für Heten auch toll und aufregend die schwule Szene kennenzulernen. Darum nehme ich auch ab und zu mal meine heterosexuellen Freunde mit, wenn ich schwul ausgehe. Die genießen das dann eigentlich, weil es sehr angenehm locker bei uns zugeht.
Am Anfang stand der Schutz nicht im Vordergrund
Von der schwulen Szene wusste ich am Anfang natürlich überhaupt nichts. Es war für mich durchaus etwas Fremdes, wenn ich in der Disco gesehen habe, wie sich zwei Männer küssen. Ich wusste aber, dass ich auch so bin und es das Richtige für mich ist. Was den Sex betrifft, da war mir schon klar, dass ich mich schützen muss. Auch wenn das irgendwie nicht im Vordergrund stand, hat es eigentlich ganz gut geklappt und ich war da sehr vorsichtig.
Aber es kam dann auch eine Zeit, in der ich nicht so auf mich aufgepasst habe. Das war so der Punkt, an dem ich einfach alles ausprobieren wollte. Dafür bekam ich aber auch ziemlich bald die Quittung, als es dann beim Pinkeln plötzlich brannte. Mir war dann schon gleich klar, dass da was nicht stimmte und ich habe erst einmal selber im Internet recherchiert. Angesichts der Symptome war mir dann eigentlich klar: Ich habe mir einen Tripper eingefangen. Also bin ich zum Arzt gegangen, was einfach furchtbar war. Der Abstrich für den Test war noch das Angenehmste daran – und der war wirklich schmerzhaft! Denn so ein Arzt weiß natürlich, wo man sich so etwas holt. Ich habe mich einfach total geschämt.
Dazu kam dann noch, dass ich einfach totale Angst davor hatte, mir noch etwas eingehandelt zu haben. Aus diesem Grund habe ich auch gleich einen HIV-Test gemacht. Ich musste eine Woche auf das Ergebnis warten und war eigentlich schon davon überzeugt, dass auch der positiv sein müsste. Es klingt vielleicht blöd, aber ich hatte schon die Bilder von Leuten im Kopf, die an Aids gestorben sind und ich habe mich gefragt, ob alle die schönen Dinge, die ich in Zukunft noch machen wollte, nun noch in Erfüllung gehen würden. Doch der HIV-Test war dann Gott sei Dank negativ!
Irgendwie hat mich diese Geschichte mit dem Tripper wachgerüttelt. Diese Angst, dass da vielleicht noch mehr sein könnte, das war einfach schrecklich. Und seit dem schütze ich mich – auch wenn es den hundertprozentigen Schutz eben nicht gibt. Wenn ich heute in der Großstadt unterwegs bin, dann habe ich auch manchmal das Gefühl, dass es in den Köpfen der Leute HIV gar nicht gibt. Ich vermute, dass es auch an diesem Gefühl liegt, dass es ja etwas gibt, Medikamente, die die Viren irgendwie runterregeln können, wenn ich mich dann doch anstecke. Und wenn ich krank bin, dann gehe ich halt zum Arzt und lasse mir die Medis verschreiben. So einfach ist das aber nicht. Ich will aber auch gar nicht unterstellen, dass das so geplant passiert. Es gibt sicherlich diejenigen, bei denen Alkohol oder Drogen im Spiel sind und dann haben sie womöglich kein Kondom dabei, wenn es gerade losgehen soll. Aufhören fällt dann aber auch sehr schwer...vielleicht erhöhen bestimmte Drogen ja auch das Sicherheitsgefühl, die Selbstüberschätzung? Ich habe mich jedenfalls nach diesem einen Tripper mit nichts mehr angesteckt. Natürlich weiß ich, dass diese ganzen Sachen wieder auf dem Vormarsch sind. Darum habe ich mich über die Symptome informiert und passe auf
Das Internet ist mir zu unverbindlich
Wenn ich abends ausgehe, dann eigentlich nicht mit dem Vorsatz, dass ich unbedingt jemanden kennenlernen will, mit dem ich später im Bett lande. Ich gehe einfach los und schaue dann, was so passiert. Manchmal treffe ich eben jemanden wo es passt und manchmal auch nicht und ich bleibe den Abend dann eben für mich. Natürlich habe ich es auch schon über´s Internet probiert. Aber da habe ich nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Für mich ist das ein Medium, das viele Menschen gebrauchen – einige aber auch missbrauchen. Es ist einfach so unverbindlich. Da werden viele Versprechungen gemacht und dann nicht gehalten. Und es wird auch sehr viel gelogen. Ich wurde auch schon für ein Treffen an einen bestimmten Ort gelockt dann stand ich da dumm alleine rum. Man muss wirklich schon darauf vorbereitet sein, dass das alles wenig verbindlich ist, damit man nicht enttäuscht wird. In einer Beziehung ist Sex schon sehr wichtig – aber es ist natürlich nicht alles. Bisher waren meine Beziehungen immer monogam und so grundsätzlich habe ich meinen Partner schon gern für mich alleine. Aber das heißt nicht, dass nicht auch etwas anderes denkbar wäre als eine monogame Beziehung. Das kann sich halt entwickeln. Und wenn es sexuell nicht hundertprozentig passt, irgendwann ist dann der Punkt vielleicht, wo man es sich woanders holt. Deshalb sollte man über die Knackpunkte sprechen, wie man da miteinander klarkommt. Ansonsten leiden nachher beide drunter – so sehe ich das.
Zurzeit habe ich übrigens keine Beziehung. Die bisherigen Versuche haben einfach nicht so gut funktioniert. Ich würde es schon gut finden, nicht immer alle Sachen alleine machen zu müssen oder wenn ich nicht jeden Morgen alleine aufwachen müsste. Aber eigentlich tut es auch ganz gut. Vielleicht brauche ich diese Phase jetzt als Vorbereitung. Irgendwann wird es sicher den Mann für mich geben, den ich interessant finde und der mich interessant findet. Ich suche aber nicht nach ihm, denn wer sucht, der geht Kompromisse ein. Das habe ich in der Vergangenheit gelernt.



























