Wer ist dein Typ?
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Wolfgang (55) und Andreas (42) aus Koblenz

Ich hätte nie gedacht, mal mit einem Positiven zu ficken!

Wolfgang ist 55 Jahre alt und lebt in Koblenz

Meinen ersten Freund hatte ich bei der Bundeswehr

Ich bin gebürtiger Koblenzer und komme aus einem sehr religiösen Elternhaus. Meine Eltern hatten hier Landwirtschaft.

Schon früh habe ich bemerkt, dass das typisch Männliche mich nicht so interessiert. Fußball oder mit der Eisenbahn spielen, das war nicht meins.

Auch meine ersten Erfahrungen mit Männern habe ich früh gemacht. Da war ich so ungefähr 15 oder 16 Jahre alt. Das war in der Lehre mit einem Arbeitskollegen. Und da ich mit meiner Mutter wirklich ein gutes Verhältnis hatte und mit ihr über alles reden konnte, habe ich es ihr auch gleich gesagt. Ihre Reaktion war ganz einfach: „Du bist und bleibst mein Sohn.“ Doch meinem Vater haben wir nichts davon erzählt, und ich musste ihr versprechen, dass ich nur mit Jungs etwas habe, die auch so sind wie ich. Damals war das ja noch so in den Köpfen drin, dass Schwule kleine Jungs verführen.

Meine Mutter ist dann kurze Zeit danach gestorben, da war ich 17. Die Beziehung zu meinem Vater war schwierig. Wir haben nicht einmal miteinander geredet. Als dann die Bundeswehrzeit kam, habe ich mich gleich verpflichtet. So bekam ich schließlich auch eine Verpflichtungs-Prämie – von zu Hause konnte ich ohnehin keine Unterstützung erwarten.

Ausgerechnet bei der Bundeswehr, wo damals der sexuelle Verkehr unter Männern noch streng verboten war, lernte ich meinen ersten Freund kennen. Wir haben uns gegenüber von der Kaserne eine Wohnung genommen. Schließlich wollten wir aber doch irgendwann beide weg von der Bundeswehr und haben das so bewerkstelligt, dass wir uns absichtlich beim Sex haben erwischen lassen. Und Schwule mussten ja schließlich aus der Truppe entfernt werden. Als Vorwand haben gesundheitliche Gründe gedient. Bei mir waren es angeblich neurovegetative Störungen.

Danach haben wir uns mit einem Speiselokal selbstständig gemacht. Allerdings wurde mein Freund später alkoholsüchtig, und ich habe mich von ihm getrennt. Danach bin ich schließlich nach Norderney gegangen, um in einem Hotel zu arbeiten. Dort war ich sogar mit einer Frau verheiratet. Ich habe eine erwachsene Tochter aus dieser Zeit und bin schon zweimal Opa. Meine Frau wusste Bescheid über mich und die Sache mit den Männern, das war aber auch gar nicht mehr so im Vordergrund zu dieser Zeit. Dann allerdings bekamen wir im Hotel einen Lehrling, und auf einem Betriebsausflug ist es dann passiert: Ich hatte Sex mit ihm. Ich dachte natürlich, dass ich meiner Frau davon erzählen kann, doch als ich nach der Arbeit nach Hause kam, da standen meine gepackten Koffer vor der Tür. Wir haben uns später schließlich auch scheiden lassen. Allerdings ist der Kontakt zwischen uns auch heute noch da – wir haben uns ja nicht im Bösen getrennt.

Andreas und ich leben heute „ganz normal“

Ich bin dann zurück nach Koblenz gegangen und habe später in einem Straßencafé meinen heutigen Lebenspartner kennengelernt. Dabei hatte ich nicht einmal eine Ahnung, ob er überhaupt schwul ist. Ich stand einfach total auf seine O-Beine und bin schließlich mit ihm ins Gespräch gekommen. Und wir haben sogar noch „Sie“ zueinander gesagt.

Über drei Monate haben wir alles Mögliche miteinander unternommen. Wir waren abends gemeinsam essen, sind ins Kino gegangen, und er hat mich bei meiner Arbeit im Lokal besucht. Wir waren immer noch per Sie, und es war noch gar nichts Sexuelles. Aber natürlich wollte ich mit ihm in die Kiste und ich wusste noch immer nicht, ob er eigentlich auf Männer steht. Und als wir dann abends zum ersten Mal bei mir alleine waren, da habe ich es einfach direkt zu ihm gesagt, dass ich gern mit ihm ficken würde. Seine Antwort war ganz einfach: „Ich auch!“, und es hat keine fünf Minuten gedauert, da waren wir zusammen im Bett.

Das war zwar alles gar nicht so geplant, aber nach und nach brachte er seine Sachen zu mir und ist dann auch ganz bei mir eingezogen.

Als es in Deutschland dann möglich war, also direkt im August 2001, haben wir unsere Lebenspartnerschaft eintragen lassen.

Es ist schade, dass Andreas keinen Kontakt zu seinen Eltern hat. Das ist sehr schwierig. Die haben uns hier auch noch nie besucht. Mit seinen Geschwistern ist das Verhältnis aber okay.

Koblenz selbst ist natürlich sehr konservativ. Aber ich hatte hier nie ein Problem. Durch meine offene Art komme ich eben auch mit den Leuten zurecht. Von mir weiß die ganze Stadt, dass ich schwul bin, und ich werde akzeptiert. Ich habe hier einmal in einem sehr angesehenen Haus gearbeitet, und mein Chef hat sich sogar für mich eingesetzt und den Stammgästen in der Kneipe gesagt, dass er ihnen Hausverbot erteilen würde, wenn sie ein Problem mit mir hätten. Ein bisschen liegt es immer auch an einem selbst, wie die anderem mit einem umgehen.

Wir gehen heute auch in viele Hetenkneipen, treffen dort Freunde und trinken ein Bier. Es ist ein ganz normales Leben, das wir führen. Ich weiß noch, einmal, das war kurz nach der Eintragung der Lebenspartnerschaft, da habe ich in der Bäckerei Brot bestellt und bezahlt. Dann wusste ich aber nicht, ob Andreas es bereits abgeholt hat. Also bin ich in die brechend volle Bäckerei und habe von der Tür aus gefragt, ob mein Mann schon da gewesen sei, um das Brot abzuholen. „Ja“, meinte die Verkäuferin, „der Andreas hat es abgeholt.“ Später hat sie dann zu mir gemeint, ich solle das nie wieder machen. Die ganzen Kunden hätten dann diskutiert, ob zwei Männer nun heiraten können. Und die Verkäuferin musste dann eben aufklären: „Ja, die beiden sind schwul und haben geheiratet.“

Als der Test bei ihm positiv war, dachte ich erst: Scheiße, was jetzt?

Weihnachten 1995 kriegt Andreas plötzlich so einen Ausschlag am Bauch. Der Hausarzt hat festgestellt, dass es eine Gürtelrose war, und ihm geraten, auch einen HIV-Test zu machen. Davon wusste ich nichts, ich bin ja nicht mitgegangen zum Arzt. Und so drei oder vier Tage vor Weihnachten hat er mir abends beim Essen erzählt, dass er HIV-positiv ist. Ich hätte mir gewünscht, er hätte es mir erst nach dem Fest erzählt, denn er hat mir Weihnachten und Silvester ziemlich versaut damit. Aber was sollte ich dazu sagen? Andreas meinte, er würde verstehen, wenn er nun ausziehen müsste und so weiter. Aber das kam natürlich gar nicht in Frage. Für mich ist das eine ganz normale Erkrankung. Ich hätte ihn nie aus diesem Grund verlassen. Klar, ich habe auch gedacht: Scheiße, was jetzt? Und natürlich habe ich auch einen Test gemacht. Ich habe angenommen, wenn er es hat, dann habe ich es auch. Aber mein Test war dann doch negativ.

Andreas wollte unbedingt wissen, wo er sich den Virus geholt hat. Doch welche Rolle spielt das? Du bist schließlich selbst verantwortlich für dich. Wen interessiert das also? Du hast es – und Feierabend.

Von Anfang an war das eine Sache, mit der wir gut leben konnten. Nur mit der Therapie war es am Anfang schwer. Andreas musste alle vier Stunden Tabletten nehmen und durfte zwei Stunden vorher nichts essen. Nachts habe ich dann noch dagestanden und gekocht, damit er was essen konnte. Mit den Tabletten heute kommt er gut zurecht. Er nimmt sie nun zweimal am Tag, morgens und abends. Und auch Nebenwirkungen hat er nur wenige.

Es war aber auch nie so, dass ich Angst hatte, nun meinen Partner zu verlieren. Wir leben ganz selbstverständlich damit. Und nachdem er es mir gesagt hatte, war mir auch einfach klar, dass ich ab sofort mit einem Positiven ficken würde. Ich habe mir nie darüber Gedanken gemacht, jetzt vielleicht die Sexualität einfach nicht mehr zu leben. Und ich habe auch nicht darüber nachgedacht, dass sich nun was ändern würde bei dem, was wir da machen. Durch die Infektion von Andreas habe ich mich dann eben mehr mit der Materie beschäftigt. Ich bin heute jemand, der versucht, sich zu schützen, aber ich bin sicher auch nicht frei davon, dass es auch mir passieren kann, mal kein Gummi zu benutzen.

Ich meine, natürlich schützen wir uns beim Sex. Oder besser: Wir versuchen es, uns zu schützen. Denn wenn der Schwanz steht, dann setzt der Verstand aus. Und ich bin nicht der liebe Gott! Aber wenn ich wirklich mal mit Andreas ohne Kondom ficke, dann weiß ich auch, wie ich mich zu verhalten habe. Da geht mir auch ganz schön die Muffe: Sechs Wochen warten, dann zum Test, dann wieder zwei oder drei Monate warten und dann noch einmal testen lassen. Und erst dann ist für mich wieder Sex mit einem anderen drin. Wir leben ja nicht in einer monogamen Beziehung. Das kommt auch nicht in Frage. Dabei erzählen wir uns, wenn mit einem anderen etwas gelaufen ist. Nicht, um uns daran aufzugeilen, aber ich möchte einfach wissen, was bei meinem Partner läuft.

Was mich angeht, kann ich nur froh sein, dass es mich nicht früher schon erwischt hat. Ich habe damals so rumgehurt, und was mein Sexualverhalten angeht, da bin ich schon eine Sau. Mein Mann ist da schon eher das Gegenteil. Ich meine, Anfang der 80er Jahre, da wusste ich natürlich schon, dass ich mich anstecken kann. Eigentlich kann ich froh darüber sein, dass ich es nicht habe. Wenn ich in den Darkroom rein bin, dann habe ich mir auch nicht immer Kondome geholt. Ich habe einfach gedacht, dass es eben Pech wäre, wenn ich mich infizieren würde. Heute, mit diesem ganzen Hintergrund, setze ich mich hier in Koblenz stark für die Prävention ein.

Über HIV zu sprechen ist für uns das Normalste auf der Welt

Für uns ist es das Normalste auf der Welt, auch mit anderen über HIV zu sprechen. Natürlich sind wir nicht losgezogen, haben uns hingestellt und gesagt: „Ha, ha, der Andreas ist HIV-positv.“ Aber wenn uns jemand darauf angesprochen hat, dann waren wir offen damit. Wir haben dadurch leider einige Freunde verloren. Das hat mir auch unheimlich leidgetan. Zum Beispiel haben wir erlebt, dass gute Freunde von uns uns plötzlich nicht mehr zu ihrer jährlichen Grillparty eingeladen haben. Als andere uns dort vermisst haben, da hat man eben gesagt, dass der Andreas doch nur die Leute anstecken könnte. Aber wenn ich so etwas höre, da kenne ich nichts: Ich spreche die Leute direkt an. Dann sollen sie uns auch ganz streichen – solche Leute brauchen auch auf der Straße nicht mehr Guten Tag zu wünschen. Dann lieber einen richtigen Bruch. Aber wir haben seit dieser Zeit natürlich auch Freunde hinzugewonnen.


Foto von Wolfgang und Andreas

Steckbrief

55
nicht erwerbstätig
Koblenz

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