„Hallo, ich lebe aber noch!“

Das Buch „Endlich mal was Positives“ von Matthias Gerschwitz sorgt für Diskussionen. „Offensiv und optimistisch: Mein Umgang mit HIV“, lautet der Untertitel, und genau so schildert der gelernte Werbewirt – seit 15 Jahren positiv getestet – seine persönlichen Erfahrungen. Paul Schulz hat den Berliner Autor getroffen.

Matthias Gerschwitz

Matthias, wärst du mir böse wenn ich sagen würde: „Endlich mal was Positives“ ist genau das Buch, das ich von einem Schwulen, der in der Werbung arbeitet, erwarten würde?

Nicht unbedingt. Was meinst du denn damit?

Der Grundton des Buches ist bemerkenswert … fröhlich. Dafür, dass es um HIV geht.

Oh, das ist nicht das Buch, das bin bloß ich. Der Text ist sehr davon geprägt, wie ich die Sache so sehe. Und das ist eben eher positiv. Wie auch sonst (lacht). Als gebürtigem Rheinländer wird mir ja so eine gewisse Grundfröhlichkeit nicht ganz zu Unrecht nachgesagt. Ich lebe zwar jetzt schon lange in Berlin, weil es mir hier ganz grundsätzlich besser gefällt als beispielsweise in Köln, aber das „Et hät noh immer jot jejange“ kriegst du nie ganz raus.

Findest du den Ton dem Thema denn angemessen?

Klar. Das war ja mit ein Grund dafür, das Buch überhaupt zu schreiben: Meine Grunderfahrung ist, dass man auch mit dem Virus ein wirklich schönes Leben haben kann; ein Leben, das nicht vom Virus bestimmt wird.

Das ist nichts Neues, oder?

Für dich vielleicht nicht. Aber ich merke bei Lesungen und auch im ganz normalen Kontakt mit anderen Menschen, die wenig Berührung mit dem Thema haben, immer wieder: Der allgemeine Kenntnisstand über HIV und Aids ist wirklich mies. Viele Leute hören „HIV“ und haben immer noch sofort Angst. Und für die ist das Buch hauptsächlich. Es soll erste Fragen beantworten und unterhaltsam aufklären.

Ist es dafür nicht ein bisschen dünn?

Auch das war Absicht. Ich wollte kein Buch schreiben, das Leute abschreckt, sondern eins, das auch Menschen gern in die Hand nehmen, die vielleicht normalerweise nicht so viel lesen. Hat man die 96 Seiten durch, ist man schon mal schlauer.

Du vertrittst in dem Buch auch kontroverse Thesen.

Du meinst zum Thema unsafer Sex?

Beispielsweise.

Ich halte meine Auffassung da, ehrlich gesagt, nicht für kontrovers. Unsafer Sex ist auch unter Positiven Quatsch, weil man sich dabei wahrscheinlich nicht nur mit anderen HIV-Virenstämmen, sondern auch mit einer ganzen Reihe von anderen wirklich unangenehmen sexuell übertragbaren Krankheiten anstecken kann, die einem in Kombination mit der HIV-Infektion Schwierigkeiten machen können. Das leuchtet, glaube ich, den meisten Menschen sofort ein. Und die Männer, denen es nicht einleuchtet, kommen halt nicht in mein Bett.     

Warum bist du Botschafter des Welt-AIDS-Tages?

Es geht darum, Gesicht zu zeigen. Den Welt-AIDS-Tag, und damit auch HIV-Infizierte aus dem großen „Nichts“ herauszuholen. Die Krankheit greifbar zu machen.

Ist dir das Gedenken nicht wichtig? Das ist ja nicht „Nichts“.

Ich bin hier für einen Paradigmenwechsel. Im Moment wird der Welt-AIDS-Tag in Berlin durch einen Trauermarsch definiert, der in einem Meer aus Kerzen endet. Das ist aber nicht alles, was das Leben mit HIV und Aids ausmacht. Ich finde mich da auch überhaupt nicht wieder. Ich habe immer das Bedürfnis, mich an den Straßenrand zu stellen und zu rufen: „Hallo, ich lebe aber noch!“ – Ich will um Gottes Willen niemandem sein Gedenken oder seine Trauer verbieten, wäre aber dafür, dass wir uns mehr auf das Leben mit HIV als auf den Tod an den Folgen von Aids konzentrieren. Natürlich sterben immer noch zu viele Menschen, aber es leben auch Zehntausende in Deutschland jeden Tag mit dem Virus.

Du siehst gut aus, bist gut drauf und es geht dir offensichtlich gut. Wie vermittelst du deinen Lesern, warum es besser ist, sich nicht zu infizieren?

Womit wir beim wirklich schwierigen Teil wären. Es ist nicht so einfach zu veranschaulichen, dass es immer ein „Davor“ und ein „Danach“ gibt, und dass das Leben mit dem Virus zwar okay, das Leben ohne das Virus und die ständige Medikation aber vorzuziehen ist. Ich rede ja deswegen auch ganz offen über die Nebenwirkungen der Medikamente, über die Diskriminierung die man als Positiver erfahren kann und darüber, dass ich zwar auch mit dem Virus fröhlich sein kann, es ohne aber deutlich leichter hätte. 

(Interview: Paul Schulz)

Matthias Gerschwitz: „Endlich mal was Positives – Offensiv und optimistisch: Mein Umgang mit HIV“ (Books on Demand)

www.endlich-mal-was-positives.de

Besprechung im Blog der Deutschen AIDS-Hilfe

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