Poppers: Augen zu und durch?

Macht Poppers-Konsum die Augen kaputt? Französische Forscher warnen vor der Schwulen liebsten Sexdroge, andere Experten plädieren für Gelassenheit

Das Schnüffeln von Poppers kann ins Auge gehen. Das befürchtet jedenfalls ein Medizinerteam aus Frankreich. Die Sexdroge könne die Netzhaut schädigen, schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine.

Auf IWWIT informieren wir ausführlich über den Konsum von Drogen und Substanzen, Wechselwirkungen und darüber, wie man Risiken minimieren kann.

Der Grund für die Warnung: Die Augenspezialisten hatten vier Personen behandelt, die nach dem Popperskonsum nicht mehr scharf sehen konnten. Die Patienten beklagten zudem einen hellen Fleck in ihrem Blickfeld. Tatsächlich konnten die Experten bei allen Patienten eine Schädigung der Netzhaut feststellen, und zwar genau an jener Stelle, die Bilder mit hoher Auflösung ans Hirn vermittelt („Sehgrube“). Eine Folge: Die Geschädigten konnten nur noch schwer lesen. Bei zweien von ihnen ließen die Symptome glücklicherweise nach einigen Wochen nach.

Die Forscher suchten und fanden danach noch weitere Fälle. Teilweise waren sie von vorher behandelden Augenärzten nicht diagnostiziert worden, weil die Netzhautveränderungen nur einen sehr kleinen – wenn auch wichtigen – Bereich betreffen.

Wie gefährlich ist Poppers?

Da stellt sich die Frage: Wie gefährlich ist Poppers? Drohen wirklich bleibende Augenschäden? Schließlich sind die bunten Minifläschchen mit betörenden Namen wie „Jungle Fever“, „Hard Wave“ oder „Rush“ bei vielen schwulen Männern sehr beliebt. Die enthaltenen Nitrite haben eine berauschende und sexuell stimulierende Wirkung. Vor allem aber weiten sie die Blutgefäße und entspannen so die glatte Muskulatur – inklusive der Schließmuskel. Das erleichtert den Analverkehr.

Poppers hat allerdings auch unerwünschte Nebenwirkungen wie Herz-Kreislaufprobleme und das Absterben von Gehirnzellen. Der Verkauf von Poppers wird in Deutschland toleriert, obwohl die Inhaltstoffe rezeptpflichtig sind.

„Poppers wird eifrig benutzt“, sagt Rainer Rybak von Check Up, der schwulen Gesundheitsagentur in Köln. „Bei vielen Leuten stehen solche Fläschchen im Kühlschrank.“

Bezüglich des Warnrufs aus Frankreich rät Rybak zur Gelassenheit. „Bisher sind nur vier Einzelfälle bekannt. Bei vielen medizinischen Meldungen kocht die Erregung nur solange hoch, bis die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird.“

Seit 15 Jahren ist Rybak in der schwulen Szene unterwegs und informiert über sexuelle Gesundheit. „Mir ist persönlich kein Fall bekannt, in dem jemand nach Poppers-Konsum schwere Folgeschäden zurückbehalten hat.“ Nur auf einer Sexparty sei mal ein Gast nach dem Schnüffeln umgekippt. „Aber ob das nun am Poppers lag, am engen Latexleibchen oder am Flüssigkeitsmangel nach einer durchtanzten Nacht – das kann man nicht eindeutig feststellen“.

Körperliche Probleme wie Herzrasen oder Bewusstlosigkeit sind laut Rybak selten allein auf die Droge zurückführen. Das erste Anzeichen einer Überdosierung ist bei Poppers kaum zu ignorieren: ein stechender Kopfschmerz beim Schnüffeln. „Das wirkt so abtörnend, dass dadurch meist Schlimmeres verhindert wird“, sagt der Partydrogenexperte.

Das französische Forscherteam weist selbst darauf hin, dass zwei ihrer Patienten kurz vor dem Sehkraftverlust nicht nur Nitrit, sondern jeweils auch "eine halbe Flasche hochprozentigen Alkohol" zu sich genommen hätten. Dennoch vermuten die Forscher einen direkten Zusammenhang mit der Droge.

Beweisen lässt sich der allerdings bisher nicht: Zwar kann Poppers ein Enzym aktivieren, das für die Fotorezeptoren des Auges wichtig ist, aber dieses hat – das räumen auch die Forscher ein – eine völlig andere Wirkung als in den vier untersuchten Fällen: Das Enzym reduziere die Lichtempfindlichkeit, die Patienten jedoch hätten helle, blendende Flecken beklagt.

Wechselwirkungen problematisch

Der Medizinreferent der Deutschen AIDS-Hilfe, Armin Schafberger, sieht vor allem in Wechselwirkungen eine Gefahr: „Poppers wird oft mit anderen Drogen wie Alkohol kombiniert, dabei können viel schneller gesundheitliche Probleme entstehen.“

Die Kombination von Poppers und Viagra ist sogar lebensgefährlich: Sie kann zu starkem Blutdruckabfall bis hin zu tödlichem Herz-Kreislauf-Versagen führen. Ebenso gefährlich: die gleichzeitige Einnahme von Medikamenten gegen Angina Pectoris oder hohen Blutdruck.

So bleibt am Ende vorläufig die Erkenntnis: Wer Poppers nimmt, sollte über mögliche Folgen Bescheid wissen – und mit Augenmaß zur Sache gehen.

(Philip Eicker)

Wichtige Tipps zum Poppers-Konsum

  • Poppers nie mit Potenzmitteln oder Nitraten (z.B. in blutdrucksenkenden Medikamenten) kombinieren: Lebensgefahr!
  • Kontakt von Poppers mit Schleimhäuten und Augen vermeiden: Verätzungsgefahr! Falls die Flüssigkeit dennoch in Nase oder Auge gerät: Sofort mit Wasser ausspülen und Ärztin/Arzt aufsuchen!

Weitere Infos über Poppers auf der Seite hiv-drogen.de (Deutsche AIDS-Hilfe)

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