Gut Ding will Weile haben

Mit „Notizen eines einsamen Mannes“ erscheint der erste taiwanesische Roman über HIV jetzt auf Deutsch

Tien-wen Chu 2008. Quelle: WikiCommons/Rico Shen
Tien-wen Chu 2008. Quelle: WikiCommons/Rico Shen

Aidsromane sind eine selten gewordene Spezies Buch. Wurde noch Mitte der 90er Jahre in Zusammenhang mit HIV kaum über etwas anderes geschrieben, als über sterbende schwule Männer, ist das neue Aids, das relativ alltägliche Leben mit der Therapie, kein so ergiebiges Feld für Literaten mehr. Zu mindestens in den Ländern, in denen das Gros der Aids-Literatur bisher entstand, Mitteleuropa und die USA.

Mit „Notizen eines einsamen Mannes“ erscheint jetzt eines der wenigen taiwanesischen Bücher zum Thema auf Deutsch. Das Lesen lohnt sich.

Der Roman ist der Rückblick des schwulen Erzählers auf sein Leben und das seines Freundes aus Kindheitstagen, der an AIDS erkrankt ist. Ein Text voller Metaphern, Anspielungen und gedanklichen Arabesken, der ebenso auf Populärkultur verweist, wie auf Fellini, Lévi-Strauss und klassische chinesische Poesie. Große, wunderbare, reiche Literatur. Die gängigen schwulen Themen werden abgehandelt: Liebe und Sex, das Leben am Rande von Gesellschaften, Familienschwierigkeiten, Schönheitswahn und das Errichten einer eigenen, nicht von Vorbildern geprägten Welt. Die Sprache ist dicht und lässt einen nicht los. Keine U-Bahn oder Strandlektüre, eher etwas für ein regnerisches Sommerwochenende auf der heimatlichen Couch.

Das sich der Leser bei der Lektüre oft in die 90er zurückversetzt fühlt, liegt daran, dass der Roman schon 1994 entstanden ist. Gut Ding will Weile haben. Aber das man „Notizen…“ jetzt überhaupt auf Deutsch lesen kann, ist kein simpler Reflex auf die Bedürfnisse von Lesern: Die Übersetzung aus dem Englischen wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amtes unterstützt. Was wohl nötig war, um sie überhaupt zu finanzieren.

Zusätzlich faszinierend am Buch ist, dass es einer der ganz wenigen Aids-Texte von einer Frau ist. Die Autorin, Chu Tien-wen, ist eine der bekanntesten taiwanesischen Schriftstellerinnen überhaupt, entstammt einer Intellektuellenfamilie und hat erfolgreich als Drehbuchautorin, Journalistin und Herausgeberin gearbeitet, bevor sie für „Notizen eines einsamen Mannes“, ihren ersten Roman, den Literaturpreis der China Times gewann.

Zu Recht, „Notizen eines einsamen Mannes“, sollte man lesen.

(pasch)

Chu Tien-wen „Notizen eines einsamen Mannes“ Angkor Verlag, 236 Seiten. 19,90 €


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