Crystal – Ausbreitung in der Schwulenszene?

Kristalle
Foto: Michaela Schöllhorn / pixelio.de

„Crystal“, häufig in kleinen „Giftküchen“ billig hergestellt, gilt in den USA als wichtiger Faktor für HIV-Infektionen unter schwulen Männern. In Deutschland dagegen scheint die Droge in der schwulen Szene bisher keine große Rolle zu spielen, auch wenn es immer wieder Meldungen gibt, dass Crystal aus Tschechien den deutschen Markt förmlich überschwemme. Eine Momentaufnahme von Paul Schulz

„Crystal überschwemmt Ostbayern“, meldete die Passauer Neue Presse am 16. Februar. Dirk Schäffer, Drogenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe, bestätigt das: „Es gibt eine neue ‚Crystal-Connection‘, über die die Droge aus Tschechien leichter in den deutschen Raum gelangt als noch vor ein paar Jahren.“ Das Methamphetamin wirkt aufputschend, steigert die Lust auf Sex, aber auch die Risiko- und Gewaltbereitschaft – und kann sehr schnell abhängig machen. Die Nachwirkungen können verheerend sein: extrem langer Nachschlaf (bis zu 30 Stunden), bis zu zwei Wochen anhaltende depressive Verstimmungen und Gereiztheit, bei längerem Konsum Psychosen, Halluzinationen, körperlicher Verfall, Hautprobleme, Zahnschäden, Veränderungen und Schädigungen im Gehirn.

Partydrogen-Konsum als „Bestandteil der Risikobereitschaft“

Studien zum Thema Crystal-Konsum von schwulen Männern gibt es kaum. Die 2007 durchgeführte achte Befragung zum Sexualverhalten schwuler Männer ergab, dass Crystal (auch Yaba, Pervitin, Pernik, Piko oder Ice genannt) in Deutschland so gut wie keine Rolle spielt. Betrachtet man Ecstasy, Speed/Crystal, LSD, Ketamin und Kokain insgesamt, so konsumierten etwa drei Prozent der unter 20-Jährigen mindestens gelegentlich solche „Partydrogen“ und drei Prozent häufig oder regelmäßig. Am größten war der Anteil der Konsumenten mit fünf Prozent bei den 25- bis 44-Jährigen. Die Autoren der Studie folgerten allerdings auch, dass der Partydrogenkonsum „als Bestandteil der Risikobereitschaft“ angesehen werden kann. Das heißt: Partydrogen werden zum Beispiel genommen, um Hemmungen abzubauen, Sex mit unbekannten Partnern zu haben und Wünsche nach Analverkehr ohne Kondom auszuleben.

Nützen Horrorbilder gegen Drogen?

In den USA dagegen ist das Crystal schon seit mehr als einem Jahrzehnt ein massives Problem. Auch schwule Männer konsumieren es und vergessen für Tage, wer und wo sie sind und wer was mit ihnen macht. Crystalkonsumenten, so Studien, infizieren sich öfter und leichter mit HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen und geben diese Infektionen um ein Vielfaches öfter weiter. Deswegen gibt es in den USA und auch in anderen Ländern längst groß angelegte Kampagnen, die vor Crystal warnen. Die 2005 gegründet Meth Project Foundation zum Beispiel setzt schockierende Anzeigen und Videos ein. „Du wirst dir nie wieder Sorgen um Lippenstift auf deinen Zähnen machen“, heißt es da zu einem Mund, in dem nur noch ein paar faulig-braune Stummel in schwarzem Zahnfleisch sehen sind. Und schon 2004 war Crystal in den USA so allgegenwärtig, das sich eine der Hauptfiguren in der schwulen Fernsehserie „Queer as Folk“ eine Staffel lang durch eine Crystalabhängigkeit schlagen konnte, ohne dass man dem Publikum großartig erklären musste, wie es dazu kommen konnte.

„Das würde ich in Deutschland so aber nicht sehen“, erklärt der Pharmazeut Tibor Harrach, langjähriges Mitglied der AG Drogen bei Bündnis90/Die Grünen, ehemaliger Vorstand bei Eve und Rave e.V. Berlin und Autor mehrerer Artikel zum Thema Ecstasy. Der Mann ist ein anerkannter Experte in Sachen Partydrogen. „Ich will niemandem seine Sorge ausreden, kann aber in meiner eigenen Arbeit im Moment keine Anzeichen für einen steigenden Konsum von Crystal in der schwulen Szene erkennen. Darauf zu achten, ist sicher gut, aber es gibt eben keine Studien, die diese Tendenz im Moment belegen würden, und auch meine eigenen Beobachtungen entsprechen dem nicht. Dass es neue Wege gibt, wie die Droge in die Szene gelangt, ist wahr, aber bisher sehe ich keine Veränderungen.“

In Deutschland ist die Lage anders

Woran aber liegt es, dass eine Droge, die in anderen Ländern einen bösen Siegeszug quer durch die schwule Szene antritt, in Deutschland kein größeres Problem wird? Harrach vermutet soziokulturelle Ursachen: „Das unterschiedliche Partyverhalten in den USA und bei uns kann ein Einfluss sein. Meiner Beobachtung nach entspricht eine Droge, die einen tagelang sozusagen außer Gefecht setzt, nicht den Bedürfnissen der hiesigen Szene. Männer greifen eher auf ‚erprobte‘ Rauschmittel wie Speed oder Kokain zurück, die kürzer wirken. Wer damit ein Wochenende ‚durchfeiert‘, kann die Woche über trotzdem noch funktionieren. Auch dass Sexpartys in Deutschland bei uns selten in privaten Räumen stattfinden und Prävention hier einfacher ansetzen kann könnte ein Faktor sein.“

Und nicht zuletzt sind da die Informations- und Betreuungsangebote in der Szene selbst. „Auch wenn andere das kritisieren, finde ich Angebote wie zum Beispiel die ‚Drug-Scouts‘ in Leipzig wichtig und gut“, sagt Tibor Harrach, „gerade weil sie so szenenah sind. Der direkte Kontakt in die und mit der Szene ist ein Schlüssel für den Erfolg, den solche Projekte zum Beispiel auch beim Thema Crystal vorweisen können. Auch das ist erfolgreiche HIV-Prävention, weil es eben Umstände, in denen sich Crystal so verbreitet wie in den USA, gar nicht erst aufkommen lässt.“

Weitere Informationen: http://www.drugscouts.de/de/lexikon/crystalmethamphetamin

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