HIV-Risiko gehabt?

Axel Adam
Axel Adam, HIV-Schwerpunktarzt in Hamburg (Foto: Andreas Klingbeil)

Kurz nach einer Ansteckung mit HIV vermehren sich die Viren extrem stark. Beim ungeschützten Sex besteht dann ein besonders hohes Übertragungsrisiko. Ein wesentlicher Anteil der HIV-Übertragungen findet genau in dieser „akuten“ Phase der Infektion statt – wenn die meisten Betroffenen noch gar nicht wissen, dass sie infiziert sind. Es gibt aber ein paar Hinweise, die auf eine frische HIV-Ansteckung hindeuten können. Philip Eicker sprach darüber mit Axel Adam (48), praktischer Arzt und HIV-Spezialist im Infektionsmedizinischen Centrum Hamburg (ICH).

 

Axel, gibt es irgendwelche unmissverständlichen Symptome, die auf eine akute HIV-Infektion hindeuten?

Nein. Eine akute HIV-Infektion löst nicht immer Symptome aus, die einen Mann zum Arzt bringen. Wenn ich zum Beispiel im Winter mal Fieber und Gliederschmerzen bekomme, dann ordne ich das leicht als Grippe ein. Es könnten aber auch Symptome einer HIV-Infektion sein. Wenn dann noch eine Hautirritation dazukommt, eine fleckige Rötung auf der Haut, die nicht wehtut, dann wären das schon Hinweise, denen man nachgehen sollte. Vor allem dann, wenn das nach einem Risikokontakt passiert, meistens so zwei bis vier Wochen später. Aber wie gesagt: Eine akute HIV-Infektion kann auch ganz ohne Symptome verlaufen.

Gibt’s andere Unterschiede zur klassischen Grippe?

Eine echte Influenza ist heftiger: Sie beginnt schlagartig mit hohem Fieber. Das kann bei HIV sein, ist aber eher selten. Und wenn bei einem Patienten die Nase läuft und der Hals schmerzt, rechne ich erst mal nicht mit einer HIV-Infektion. Aber wenn ich im Gespräch den Eindruck gewinne, es könnte mehr sein, dann frage ich genauer nach.

Was passiert bei einer akuten HIV-Infektion genau?

Wenn das Virus den Weg in den Körper findet, vermehrt es sich explosionsartig und überschwemmt die Körperzellen. HIV nutzt sie, um sich darin zu vermehren. Dabei gehen die Zellen kaputt. Meistens ist die Darmschleimhaut die Eintrittspforte, dort gibt es ein großes sogenanntes lymphatisches Gewebe mit vielen Helferzellen. Da wütet HIV richtig, die Lymphknoten vernarben regelrecht.

Wie kommt es zu dieser Überschwemmung mit HIV?

Das Immunsystem weiß anfangs noch nicht, wie es mit der Infektion umgehen muss. Es hat noch keine HIV-Antikörper gebildet. Deshalb kann sich das Virus so ungezügelt vermehren. Wenn dann die Antikörper-Produktion losgeht, sinkt die Viruslast, und das Immunsystem kann die Infektion zunächst recht gut kontrollieren.

Wann stabilisiert sich das Immunsystem?

Meist nach einigen Wochen. Auch da gibt es eine Variationsbreite. Bei manchen Patienten kann es ein Vierteljahr dauern, bis die körpereigene Abwehr in Gang kommt. Übrigens: Erst wenn die Antikörper produziert werden, schlägt auch der übliche HIV-Test an, also nach sechs bis zwölf Wochen.

Wenn ich befürchte, mich angesteckt zu haben, möchte ich es unter Umständen sofort wissen. Geht das?

In diesem Fall kann die Viruslastmessung durch das sogenannte PCR-Verfahren das Mittel der Wahl sein. Wir messen zwar nicht das intakte Virus, sondern nur dessen Erbinformation, die RNA. Aber sie zeigt uns zuverlässig, ob und wie stark sich das Virus vermehrt hat. Auch eine solche PCR-Messung ist aber erst etwa anderthalb Wochen nach dem Risikokontakt sinnvoll.

Hat es denn überhaupt einen Vorteil, wenn eine HIV-Infektion sofort festgestellt wird?

Eine unmittelbare Konsequenz hat das nicht. Es gibt bislang keine klinischen Untersuchungen, wonach eine antiretroviralen Behandlung in dieser frühen Phase einen Vorteil bringt. Wir behandeln eine akute Infektion, auch Primärinfektion genannt, nur dann, wenn die klinischen Symptome sehr ausgeprägt sind: hohes Fieber, dicke Lymphknoten, dazu eine Rachenentzündung. Davon abgesehen ist es natürlich sehr sinnvoll, bei einem Verdacht sofort zum Arzt zu gehen und sich beraten zu lassen. Frühzeitig erkannt, kann man eine HIV-Infektion heute sehr gut in Schach halten.

Wenn Männer mit einem HIV-Verdacht zu dir kommen: Welche Fragen stellen sie dir?

Am häufigsten die nach dem berüchtigten Restrisiko beim Blasen. Wenn da nicht in den Mund abgespritzt wird, ist das Risiko extrem gering. Trotzdem beschäftigt es die Männer. Oder sie fragen gezielt nach, zum Beispiel, ob Rimming ein HIV-Risiko birgt. Da kann ich viele Ängste nehmen, indem ich die Fragen eindeutig beantworte und auf Studien verweise.

Diese Männer haben offenbar keine Scheu, mit ihrem Arzt über Sex zu reden …

Zu uns kommen ja viele schwule Männer ganz gezielt, weil wir eine HIV-Schwerpunktpraxis sind. In den Jahren haben wir alle gelernt, dass auch das Thema Sexualität hier in die Praxis gehört – egal, ob das eine Erektionsstörung oder Ausfluss am Penis ist. Da sind unsere Patienten sehr offen. Ich kann jedem nur raten: Sprecht beim Arzt auch das Thema Sexualität an, damit er nicht im Dunkeln tappt. Es bringt gar nichts, jede Woche zum HIV-Test zu rennen. Stattdessen sollte man sich gemeinsam ein realistisches Bild von den möglichen Risiken machen und dann entscheiden, ob ein Test sinnvoll ist.

Sind eingebildete Kranke ein Problem?

Es gibt immer Patienten. die sich doll schützen, trotzdem panische Angst haben und alle zwei Wochen einen HIV-Test machen wollen – und fast immer ein negatives Testergebnis bekommen. Vor einiger Zeit hatte ich einen sehr jungen Patienten, bei dem mal das Kondom gerissen ist. Das hat bei ihm so eine Angst freigesetzt, dass er jetzt der Meinung ist, er könne gar keinen Sex mehr haben. Das ist eine Überreaktion. Komplett auf Sex zu verzichten, ist ungesund.

 

Wirst du oft um eine Post-Expositions-Prophylaxe (PEP) gebeten, eine vierwöchige Behandlung mit HIV-Medikamenten direkt nach einer Risikosituation, um das „Einnisten und Angehen“ der Infektion zu verhindern?

Das betrifft höchstens fünf Patienten pro Jahr. Manchmal kommen sie schon mit den Medikamenten in die Praxis, weil sie an Wochenende in der Notfallklinik waren und dort eine Prophylaxe mitbekommen haben. Meist kennen sich die Klinikärzte nicht so gut mit HIV aus und gehen auf Nummer sicher. Sie verschreiben eine PEP, ohne vorher das Risiko genau abzuklären.

Die PEP entwickelt sich also nicht zur „Pille danach“?

Nein. Aber wir sollten schon aufpassen, dass wir den Leuten nicht ihre Verantwortung abnehmen. Es gibt ja genügend andere Beispiele neben HIV: Pillen für Übergewichtige, Pillen gegen Erektionsstörungen … Für alle Probleme gilt heute: Ich nehme eine Tablette, und dann läuft die Sache wieder! Dieses Verhalten möchte ich nicht forcieren. Jeder muss mit Risiken verantwortlich umgehen, es gibt nicht für alles eine Pille danach, die alle Probleme löst. Und für HIV gilt nach wie vor: Besser, wenn man es nicht hat!

Interview: Philip Eicker

Weitere Informationen: Broschüre HIV-Risiko gehabt? Was tun?

 

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