Die Community ist nicht so homogen, wie die Deutschen oft glauben

Bis zum „Tag gegen Homophobie“ am 17. Mai stellen wir euch hier im Blog Menschen, Projekte und Aktionen vor, die sich gegen Homophobie engagieren. Wir sprechen mit ihnen und lassen uns ihre Geschichten erzählen. Die sind unterschiedlich, bunt und spannend und zeigen, was für vielfältige Gesichter dieses Engagement haben kann.  

 

Teil 4: Die Community ist nicht so homogen, wie die Deutschen oft glauben

Ulaş Yılmaz über homophobie in muslimischen Communities und was ihm eigentlich häufiger begegnet: Homophobie oder Fremdenfeindlichkeit?

Ulaş Yılmaz (Quelle: privat)

Der Informatiker Ulaş Yılmaz (34) ist ein politischer Mensch. Schon als Student in Ankara hat er bei Kaos GL mitgemischt, einer Aktionsgruppe für LGBT-Rechte. Dort hat er auch seinen deutsch-türkischen Lebenspartner kennengelernt, mit dem er nun in Berlin lebt. Auch in Deutschland setzt er sich ein: Er hat für die „Gays and Lesbians aus der Türkei“ (GLADT) gearbeitet und am PaKoMi-Projekt der Deutschen AIDS-Hilfe teilgenommen (Partizipation und Kooperation in der HIV-Prävention mit Migrantinnen und Migranten). Derzeit engagiert sich Ulaş in einem Projekt der Berliner Aids-Hilfe, wo er mit rund 20 Menschen aus verschiedenen Migrationscommunities diskutiert, wie man die HIV-Prävention in diesen Communities fördern könnte. Philip Eicker hat Ulaş zu seinen Erfahrungen mit Homophobie befragt.

 Ulaş, wann hast du zuletzt Homophobie erlebt?

 Hm, das ist echt lange her. Ich kann dir nur ein einziges Beispiel nennen. Es war hier in Berlin am Potsdamer Platz. Wir haben uns auf der Wiese geküsst. Etwa 40 Meter entfernt ging jemand vorbei und hat uns „Schwuchteln“ genannt. Aber die Leute um uns herum waren locker, und am Ende war er der Blöde. Deshalb war das überhaupt nicht bedrohlich. Aber Homophobie kriegt man ja nicht immer mit, weil sie im Verborgenen stattfindet. In Unterlagen muss ich oft angeben, dass ich in einer Lebenspartnerschaft bin. Vielleicht wurde ich deswegen schon diskriminiert, aber davon weiß ich nichts.

Was begegnet dir häufiger: Homophobie oder Fremdenfeindlichkeit?

Auf rassistische Verhaltensweisen treffe ich fast jeden Tag. Ein alltäglicher Fall ist der Arzt oder der Beamte, der mit mir laut und deutlich spricht, als wäre ich begriffsstutzig. Der letzte schwierige Fall war ein Freund von mir. Er hat andere Leute in der U-Bahn angebrüllt: „Go to where you came from!“ Ich war dabei, und er weiß, dass ich aus der Türkei komme. Aber das war ihm egal. Ich bin nach Hause gefahren und konnte gar nicht richtig denken. Am liebsten würde ich so etwas sofort vergessen, aber das geht nicht. Ich bin wie paralysiert. Es dauert Monate, bis ich darüber weinen kann.

Was war so verletzend an dieser Aussage?

Es geht um meine Existenz. Die Aussage ist: „Du darfst nicht hier sein.“ Aber ich bin eben hier. Wenn jemand aus der Mehrheitsgesellschaft mich rassistisch angreift, ist das kein Kampf unter Gleichen. Ich weiß, wie hilflos ich als Migrant bin. Unser Anteil an der Macht ist sehr gering. Nur ein Beispiel: Der Anteil von Journalisten mit Migrationshintergrund ist so gering, dass ich die in den Medien geführte Diskussion über Sarrazin als eine Diskussion unter Weißen erleben musste. Und die sind auf keinen Fall meine Stimme.

Viele Schwule befürchten, die Homophobie sei in muslimischen Communities stärker.

Da muss ich vorher die Frage klären, was „die muslimische Community“ überhaupt ist. Was die Türken betrifft, gibt es große Unterschiede zwischen den Communities in Berlin, Köln und München. Deshalb möchte ich nicht über Deutschland reden, sondern nur über Berlin. Denn diese Community kenne ich. Da gibt es Muslime und Atheisten, Sozialdemokraten und Konservative, Schwule, Lesben und Heteros … Die Community ist nicht so homogen, wie die Deutschen oft glauben. Diese Unterschiede muss man beachten, bevor man so eine Frage stellt. Das Schlechte daran ist: Wenn man die Frage stellt, hat man schon festgelegt, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft ganz anders ist. Da schwingt dann mit: Bei uns gibt es so etwas nicht!

Du meinst, es gibt kaum Homophobie in der türkischen Community?

Homophobie gibt es überall, das ist die Realität. Aber auch den Kampf gegen Homophobie gibt es überall – auch in der türkischen und in der sogenannten muslimischen Community. Wenn man etwas dagegen tun will, findet man Verbündete, um gemeinsam etwas dagegen zu tun. Nur muss man sich die Mühe machen, die Leute zu finden und anzusprechen.

Hast du eine Idee, wie man Homophobie bekämpfen könnte?

Homosexualität wird in jeder Gesellschaft thematisiert, sobald es Coming-outs gibt. Das gilt auch für die türkische Community. Wenn sich in einem Verein Leute als schwul, lesbisch oder trans outen, dann ändert sich auch die Haltung der anderen Mitglieder. Die Gemeinden müssen darauf reagieren, weil es eine Nachfrage gibt. Also empfehle ich: outen, outen, outen!
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