Mingvase sucht fette Sau

Nur eine Auswahl an sprachlichen Abwertungen, wie man sie auf manchen Datingportalen häufig findet. (Graphik: IWWIT)
Wer sich auf schwulen Datingportalen herumtreibt, darf nicht zart besaitet sein. Dort geht es nicht nur sexuell recht direkt zu – auch unverhohlen diskriminierende Äußerungen gehören zum Cruising-Alltag.

 

Was Diskriminierung angeht, haben wir Schwulen durch Jahrhunderte leidvoller Erfahrung ein gutes Gespür entwickelt. Und wir haben gelernt, uns zu wehren. Wenn sich heute ein hinterwäldlerischer Politiker erdreistet, uns blöd zu kommen, ein Macho-Fußballer glaubt, mal wieder das „Schwuchtel“-Wort blöken zu müssen, oder ein Bistums- oder Vatikansbediensteter eine homophobe Dummheit verbreitet – es bleibt nicht ungesühnt. Wir verstehen inzwischen ganz gut, auf Diskriminierendes mit einem ordentlichen Shitstorm zu reagieren.

 

Mögen uns manche Heteros deshalb für überempfindlich halten – wir haben nun mal auch eine weiche Seite, aber wenn’s drauf ankommt, können wir dennoch knallhart zurückschlagen. Gemeinsam sind wir stark und lassen uns von dahergelaufenen Hetero-Prolls nicht blöd von der Seite anquatschen.

 

Wenn wir aber so ganz unter uns sind, auf den Internet- oder Smartphone-Cruising-Arealen wie Gayromeo, Grindr oder homo.net, herrschen überraschenderweise dann doch etwas andere (Sprach)-Regeln – und manchmal auch orthografische Sonderwege. Ein paar Kostproben gefällig (aus Datenschutzgründen ein wenig anonymisiert, aber trotzdem authentisch)?

 

Keine alten Säcke oder Freaks die Tuntig sind! Bin selber top normal!!“, ist ein 23-jähriger Bisexueller aus einer Rheinmetropole bemüht, zu betonen.

 

Auch ein bartloser Single und Unterwäscheträger hat klare Vorstellungen: „Bauch oder ‚ähnliches’ zwecklos“. (Er lässt offensichtlich nur Männer ohne Unterleib an sich ran). Die Liste unmissverständlicher Ansagen bei Grindr, gayromeo & Co. ist lang und vielfältig: „passt mir deine Hackfresse nicht, verdienst du auch keine Antwort“, „gezupfte Augenbrauen – einfach abtreten!“, „kein Gammelfleisch“, „kein Hartz4-Gesocks“, „keine „sonnengegerbten Fressen der Mallorca-Gran-Canaria-Fraktion“. Ebenfalls ein absolutes No-go für einen User: „berliner/sächsischer Akzent“. Für ihn ist alles eine Frage des guten Willens: „Jeder kann Hochdeutsch.“

 

"Bisexuelle, Mingvasen und Fitschis"

 

Ein bayrischer„Latino mit leichtem Bauch“ bezeichnet sich selbst zwar als schüchternen Buddhisten, scheint in Sachen Sex aber jegliche Gelassenheit und Zurückhaltung zu verlieren. Wer seinem strengen Kriterienkatalog nicht entspricht, hat schlechte Karten und muss mit einem Platzverweis rechnen, so etwa „Bisexuelle, Mingvasen und Fitschis“.

 

HIV-Positive werden als „Viren- und Bakterienschleudern“ beschimpft, im Zweifelsfalle von Usern, die „gesunde Hengste“ für „Bareback-Besamung“ suchen. Aber auch unter Positiven herrscht bisweilen ein Milieu der wechselseitigen Anfeindung. Selbstverständlich, schreibt ein Endvierziger in seinem offenherzigen Profiltext, wäre es schön, wenn Positive nicht stigmatisiert würden. Ihm selbst passiere dies nur ganz selten. Angemacht aber würde er von anderen Positiven: dafür, dass er auf Safer Sex besteht.

 

Ok, das Leben ist kein Ponyhof und auf Kontaktportalen wie Gayroyal, eurowoof & Co. wird nach dem Mann fürs Leben oder den nächsten Quickie gesucht, und da zählt weniger Romantik denn Effektivität. Das Suchraster lässt uns den Idealtypen backen, von der Körper- und Schwanzgröße bis zu den sexuellen und musikalischen Vorlieben. Solche Eingrenzungen bei der Suche nach Mr. Right via Suchmaske müssen per se nichts Schlechtes sein. Aber wäre das Ganze nicht auch ohne die verbalen Ausgrenzungen in den Profiltexten zu haben?

 

Wo fangen Diskriminierung und offener Rassismus an?

 

Muss ich, um zu signalisieren, dass ich auf schlanke Typen stehe, abschätzig von „fetten Schweinen“ sprechen? Muss ich, was mir nicht kerlig genug erscheint, als „Tucke“ und „Schwuchtel“ beschimpfen? Und was unterscheidet eigentlich jemanden, der Schwule asiatischer Herkunft als „Mingvase“ oder „Reisschüssel“ beleidigt, von Rassisten und Neonazis, für die Schwule wie Ausländer gleichermaßen verabscheuungswürdiges Gesocks sind?

Oder glauben manche Schwule, sich mit solch verletzenden Formulierungen kerliger gerieren zu können als sie in Wahrheit sind, um damit ihr offensichtlich mangelhaftes Machoimage ein wenig aufzupimpen?

 

Niemand verlangt, dass jeder jeden gleich geil und attraktiv, paarungswillig und partnerfähig halten muss. Und niemand soll sich gehindert fühlen, seine sexuellen und anderen Präferenzen offen zu benennen. Dass dies aber auch ganz anders geht, nämlich ohne jeglichen Respekt füreinander zu verlieren, machen die Heteros vor.

 

Es geht auch anders

 

In deren virtuellen Jagdrevieren geht es nicht weniger direkt, derbe und eindeutig zur Sache. Auf Portalen wie poppen.de präsentieren sich die Herren der Schöpfung als „gefragte Dauer-Rammler“ und brüsten sich ihres XXL-Kolbens, während sich die Ladys selbst nicht nur als „willige Schlampe“ bezeichnen, sondern sich auch mit Formulierungen preisen, die wir an dieser Stelle nicht zitieren wollen.

 

Was die Beschreibungen der Wunschpartnerinnen und -partner angeht, bleibt kein Detail unerwähnt. Wer aber eine sportliche Frau sucht, sieht sich offenkundig nicht genötigt hinzuzufügen, dass „fette Weiber“ sich gefälligst vom Acker machen sollten. Und wer auf kleine Oberweiten, kräftigen Körperbau oder dicke Dödel steht, beschimpft deshalb andere nicht als Pfannkuchentitten, knochige Hungerhaken oder Liliputanerschwänze.

 

Fehlt Schwulen also einfach die gute Kinderstube? Oder hat das böseböse Internet unsere Sitten so sehr verrohen lassen?

 

Neu ist diese Art der Ausgrenzung sicherlich nicht. Formulierungen wie „Tunten zwecklos“ und „kein BBB“ (Bart, Brille, Bauch) sind, zumindest gefühlt, in Gebrauch, seit es schwule Kontaktanzeigen gibt. Aber derart roh in der Wortwahl und so schamlos die Grenzen zum offenen Rassismus überschreitend wie heute ging es noch nie zu. Schaltet Mann eigentlich sein Hirn aus, bevor er in seiner No-go-Liste „Brillenträger“ und „Asiaten“ in einer Reihe mit „Fakern“, „Freaks“ und „Spinnern“ aufführt? Denkt so jemand darüber nach, wie sich die derart Angesprochenen dabei fühlen mögen?

 

Einem der sich selbstironisch als „Europäer, gefangen im Körper eines Asiaten“ bezeichnet, liest solchen Dummbratzen auf seinem Profil ordentlich die Leviten: „Es tut mir ja selber leid, dass ich nicht als schwedischer Gott geboren wurde und nicht dem schwulen Schönheitsideal entspreche. Und es tut mir leid, dass ich nicht als Schokomann mit Riesenschwanz geboren wurde, und genau so leid tut es mir, dass ich nicht als heißer Latinolover zur Verfügung stehe. – Merkt ihr was??? Genau: Schubladendenken!!!“

 

Sein Tipp lautet ganz schlicht: Wenn ihr keine Asiaten mögt, antwortet einfach nicht auf deren Messages. Es besteht allerdings kein Grund, verbal derart tief in die rassistische Schublade zu greifen.

 

Mittlerweile gibt es im Internet und als App zahlreiche Datingportale für Schwule. (Quelle: Gayromeo/ Grindr)
Überraschenderweise kommen solche Ausfälle nicht auf allen schwulen Portalen gleichermaßen vor – oder werden nicht überall von den Usern bzw. den Betreibern im gleichen Maße geduldet. Je differenzierter die Kontaktbörse, desto freundlicher der Umgangston. Barebacker, Bären oder Fetischliebhaber unter sich sehen offensichtlich keinen Grund, sich negativ abgrenzen zu müssen. Sie schreiben und beschreiben lustvoll, worauf sie stehen und wer sie geil macht – und haben es nicht nötig, über alle anderen herzuziehen, die nicht in ihr Beuteraster fallen.

 

Bei Gayromeo, dem hierzulande mit Abstand mitgliederreichsten schwulen Kontaktportal, sieht man keinen Handlungsbedarf. Jeder der derzeit eineinhalb Millionen Nutzer weltweit, davon rund 380.000 in Deutschland, soll die Möglichkeit haben, sich so frei(zügig) wie möglich selbst darstellen zu können.

 

Anstand und Respekt vs. Meinungsfreiheit?

 

Manchmal stimmen wir mit den verwendeten Ausdrücken nicht überein, aber wir sind sehr vorsichtig, wenn es darum geht, die Freiheit Einzelner einzuschränken“, erklärt Spencer Windes vom Amsterdamer Hauptquartier des Unternehmens.

 

Wir werden keine Profile schließen, nur weil du oder ich sie möglicherweise beleidigend finden. Nur weil sich jemand wie ein Arschloch verhält, reicht das nicht aus, um jemanden von Gayromeo zu verbannen“, sagt Windes.

 

Beim Mitanbieter GayRoyal werden den Usern hingegen durchaus Grenzen gesetzt. Vielleicht ist dies der Grund, warum diskriminierende und abschätzige Formulierungen relativ selten nur beanstandet würden. „Wenn der Fall eintritt und die Vorwürfe berechtigt sind, wird das entsprechende Profil offline genommen und der User individuell angeschrieben mit der Bitte um Änderung bzw. Unterlassung“, beschreibt GayRoyal-Betreiber Marc-Andre Kotthaus das Verfahren auf seiner Plattform. Wer sich lernunfähig zeigt, bekommt die rote Karte: „Bei wiederholten massiven Problemen wird der User dauerhaft gesperrt.“

 

Ganz gleich, wie die einzelnen Kontaktbörsen die Kontrolle der Profiltexte im Einzelnen auch handhaben, gegen diskriminierende Formulierungen kann jeder einzelne User etwas unternehmen, indem er die Urheber auf die vielleicht unbedacht und ungewollt ausgrenzenden Textstellen hinweist. Vielleicht tut’s ja sogar eine nette Message. Es muss ja nicht immer gleich ein Shitstorm sein …

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