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Liebe kennt keine (Alters)-Grenzen

Der britische Schauspieler Stephen Fry seinen Lebensgefährten Elliot Spencer geheiratet – und nicht wenige ziehen über deren Altersunterschied her. Weshalb eigentlich – nicht zuletzt weil gerade innerhalb gleichgeschlechtlicher Partnerschaften laut einer Untersuchung der Altersunterschied größer als bei gemischtgeschlechtlichen ist.

Der britische Schauspieler Stephen Fry seinen Lebensgefährten Elliot Spencer geheiratet – und nicht wenige ziehen über deren Altersunterschied her. Weshalb eigentlich – nicht zuletzt weil gerade innerhalb gleichgeschlechtlicher Partnerschaften laut einer Untersuchung der Altersunterschied größer als bei gemischtgeschlechtlichen ist.

Fry-Hochzeit
Haben geheiratet – und auch viel Häme erfahren: Der britische Schauspieler Stephen Fry seinen Lebensgefährten Elliot Spencer (Screenshot Twitter Stephen Fry)

Stephen Fry ist unter der Haube. Mitte Januar gab der Schauspieler und Autor via Twitter seine Heirat bekannt: „Elliot G. Spencer und ich gehen als zwei Personen in einen Raum, unterschreiben ein Buch und kommen als eine wieder raus. Unglaublich.“

Eine wirkliche Überraschung war die Zeremonie nicht mehr. Vor wenigen Tagen hatte der Brite das Ereignis bereits angekündigt. Dass dies nicht nur in Großbritannien, sondern so ziemlich allen Klatschseiten zwischen New York, Sydney und Wanne-Eickel eine Meldung wert sein würde, war vorhersehbar. Schließlich ist Fry ein begnadetes, erfolgreiches und berühmtes Allroundtalent. Und dass ein schwuler Promi Heiratsabsichten verkündet, kommt schließlich noch nicht alle Tage vor.

Doch WIE die Presse diese Nachricht vermeldete, das überraschte dann schon. Kaum ein Blatt, kaum eine Online-Portal, das nicht den Altersunterschied zwischen Fry (57) und seinem Verlobten, dem 27-jährigen Comedian Elliot Spencer hervorhob. Vor allem britische Postillen schienen bemüßigt, schlechte Witze reißen zu müssen. Deren Leser legten dann in den Online-Kommentaren die Latte gleich noch etwas tiefer und gaben ihrer Abscheu deutlichen Ausdruck. Stephen Fry, so war da immer wieder zu lesen, sei ein „schmieriger alter Sack“, ein „Perverser“, ein „Pädo“. Und Elliot  G. Spencer nichts weiter als sein „Toy Boy“, womöglich ein bedauernswerter Schwuler mit Vaterkomplex. Kurzzeitig rangierte auf Twitter der Hashtag „Stephen Fry disgusting“ (abartiger Stephen Fry) auf den vordersten Plätzen.

Dass die beiden sich vielleicht einfach gefunden und sich ineinander verliebt haben, ohne zuvor die Schallgrenze für einen gerade noch moralisch vertretbaren Altersunterschied berechnet zu haben, darauf scheint keiner dieser gehässigen Kommentatoren gekommen zu sein.

Aber auch in deutschsprachigen sozialen Medien wurde gelästert, und Fry ist da keineswegs das erste und einzige Opfer. Als die Beziehung des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters Ole von Beust zu seinen 36 jüngeren Lebenspartnern öffentlich wurde, waren ähnlich taktlose und diskriminierende Bemerkungen zu hören und zu lesen. Dass ein Jüngerer mit einem Älteren freiwillig und ganz ohne Hintergedanken eine Partnerschaft eingehen könnte, kann sich mancher offenbar nicht vorstellen.

Komisch nur, dass solche Konstellationen bei Heteros weder Naserümpfen noch ähnlich boshafte Kommentare evozieren: Oder wurde Clint Eastwood je als Pädo verunglimpft, weil seine Ehefrau 35 Jahre jünger ist? Finden es die Leute seltsam, dass Catherine Zeta-Jones einen 25 Jahre älteren Michael Douglas geheiratet hat oder Harrison Ford die 22 Jahre jüngere Calista Flockhart? Oder dass zwischen Celine Dion und Ehemann René Angélil 26 Jahre Unterschied liegen? Liebe kennt keine Grenzen, heißt es in solchen Fällen dann gerne, und Altersgrenzen sind in dieser Redewendung mit inbegriffen.

Dass sich Heteros (und gleichermaßen auch viele Schwule) allein bei schwulen Paaren über deren Altersunterschied mokieren, lässt sich deshalb nur mit diffamierenden Vorbehalten erklären, die hier unvermittelt wieder aufbrechen und mit einer tief verankerten – auch selbst verinnerlichten – Homophobie: In irgendwelchen Köpfen scheint sich das Bild eines fiesen alten Schwulen festgesetzt zu haben, der sich einen wehrlosen Jungen für widerwärtige Spiele sucht. Dass es sich bei Elliot Spencer um einen ziemlich erwachsenen Mann von 27 Jahren handelt, der mitten im Leben steht, scheinen die Menschen mit den bösen Zungen irgendwie ausblenden zu können. Vielleicht hat das Paar aufgrund des Altersunterschiedes besondere Herausforderungen zu meistern – aber trifft das letztlich nicht auf jede Beziehung zu? Und selbst wenn: Ist das nicht deren ganz private Sache?

Und wer glaubt, dass solche Partnerschaften von vornherein zum Scheitern verurteilt sind, der sei nur an zwei berühmte schwule Paare erinnert. Der britisch-amerikanische Schriftsteller Christoper Isherwood (von ihm stammen die Romanvorlagen zum Musical „Cabaret“ und zu Tom Fords Kinofilm „A Single Man“) war von 1953 bis zu seinem Tod 1986 mit dem 30 Jahre jüngeren Maler Don Bachardy liiert. Und Armistead Maupin („Geschichten aus San Francisco“) ist seit 2007 mit seinem 27 Jahre Christopher Turner verheiratet.

Dass sich auch Schwule über Stephen Fry (oder wahlweise Ole von Beust) echauffieren überrascht nebenbei auch deshalb, weil gerade innerhalb gleichgeschlechtlicher Partnerschaften der Altersunterschied größer als bei gemischtgeschlechtlichen ist. Das ergab zumindest eine Studie von Facebook Data Science, die dazu die Daten von US-Nutzern ausgewertet haben. Deren wissenschaftliche Tragfähigkeit mag man zwar gerne in Frage stellen, einen gewissen Anhaltspunkt liefert sie aber doch: Während der durchschnittliche Alterunterschied bei Heteropaaren demnach relativ gleichmäßig über alle Altersgruppen hinweg bei 2 bis 5 Jahren liegt, steigt er bei schwulen Paaren mit dem Lebensalter im Durchschnitt auf bis zu 10 Jahren. Hollywood-Star Matt Bomer (36) und sein Partner Simon Hall (49) liegen da nur knapp über diesem Mittelwert. Doch ganz gleich, ob Beziehungspartner nun zwei oder zwanzig Jahre auseinander sind, es gibt keinen Grund deshalb sich zu entrüsten. Denn: jede Liebe verdient Respekt.

Link zur Facebook-Studie: https://www.facebook.com/notes/facebook-data-science/the-age-of-love/10152058525083859

Link zu Stephen Frys Twitter-Post (mit Foto!): https://twitter.com/stephenfry/status/556496533848596480

Von Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.