Fluch und Segen – Das Landleben für Schwule (Teil 1): „Wer anders leben will, wird ausgegrenzt“

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Vater, Mutter, Kind: Wer anders leben will, wird ausgegrenzt, findet Manuel, der in einem Dorf in der Schweiz lebt.

Bloß weg hier! Dieser Devise folgen Scharen junger Schwuler von der Provinz in die Großstadt. Auch für Manuel, der in einer Kleinstadt am Bodensee wohnt, dürfte der Moment bald kommen. Endlich.

San Diego, Guadalajara, Barcelona, Berlin – Manuel* kennt diese Städte wie seinen Kleiderschrank. In den drei erstgenannten hat der Schweizer zeitweise gearbeitet, nach Berlin reist er regelmäßig zum „Austoben“. Immer wieder kehrt Manuel aber zurück nach Berneck. Dort, eine halbe Autostunde von St. Gallen entfernt, ist er aufgewachsen, dort lebt seine Familie und dort hat er einen gutbezahlten Job. „Die Urlauber schwärmen von unserer Berg-Idylle und würden am liebsten bleiben“, sagt Manuel. „Ich dagegen will schon seit vielen Jahren endgültig fort.“

Vater, Mutter, Kind
In Berneck fühlt sich der 35-Jährige als schwuler Single fehl am Platz. Es gibt im Umkreis von 100 Kilometern nichts, was den Namen Szene verdient, und die Homosexuellen, die hier leben, führen ein angepasstes Spießerleben. So sieht Manuel das jedenfalls, und seine warmen braunen Augen funkeln zornig. „Ich erlebe den Großteil meiner Mitmenschen als engstirnig und ignorant. Sie erwarten, dass jeder dem traditionellen Familienbild von Vater, Mutter und zwei Kindern folgt. Wer anders leben will, wird ausgegrenzt.“

Zum Dinner nur mit Dame
Auch im Büro herrsche das Patriarchat, beklagt Manuel. Besonders häufig fielen abwertende Sprüche über Frauen, manchmal aber auch Bemerkungen über „Schwuchteln“ und „Hinterlader“. Dahinter steht laut Manuel Moreno das tiefverwurzelte Vorurteil, Frauen und Schwule seien zu weich für eine harte Branche wie das Finanzwesen. Deshalb geht Manuel Unterhaltungen über sein Privatleben eher aus dem Weg. „Während meines Aufenthalts in Barcelona wäre es völlig normal gewesen, hätte ich zu einem Abendtermin meinen Partner mitgebracht. In unserer Region würde ich einen Skandal auslösen.“

Traum vom Fortgehen
Also warum zieht der Sohn eines Spaniers und einer Schweizerin, der sieben Sprachen beherrscht, nicht einfach weg? „Es kann Tausend Gründe geben, wieso einem der Absprung aus der ungeliebten Heimat nicht gelingt“, findet Manuel. „Bei mir war es eine schwere Krankheit.“ Der 35-Jährige hat eine langwierige Therapie hinter sich, die ihn an Berneck fesselte. Ohne den Rückhalt seiner Familie hätte er seine Arbeit aufgeben müssen, ist er überzeugt. Mittlerweile sei er so genesen, dass er seine Zukunft planen könne. „Und die sehe ich in einer liberalen, aufregenden Metropole mit lauter tollen Männern“, fährt Manuel fort und lacht.

 

*Name geändert. Manuel möchte nicht, dass Kunden oder Kollegen ihn wiedererkennen.

 

Im Teil 2 der Reportage geht es um zwei schwule Männer, die der Großstadt den Rücken gekehrt haben und auf dem Land leben.

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