Sündigt und habt Spaß dabei! 25 Jahre Schwestern der Perpetuellen Indulgenz in Deutschland

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Kudamm-Bummel der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz zum 25. Jahrestag der Gründung der deutschen Sektion.

Sie sammeln Spenden, verteilen Kondome und verbreiten „universelle Freude“. Seit 25 Jahren sind die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz in Deutschland aktiv. Zum Jubiläum trafen sich Mitschwestern aus sieben Ländern zum Konklave in Berlin.

Was sich da in der vergangenen Woche an der Gedächtniskirche in Berlin zusammengefunden hat, überfordert sogar manch Einheimischen: Dutzende aufgebrezelte Wesen, allesamt mit geschminkten Gesichtern und aufwendigen Kostümen. Vom Kopf (Hauben, Schleier und andere Accessoires) bis zu den Füßen (Stöckelschuhe, Pumps und Plüschtierschlappen) sind sie mit allerlei Glitzerzeug, Buttons, Broschen und anderem bunten Kleinkram bestückt. „Die Kerle ham’ sich zum Junggesellenabschied so verkleidet, oder?“ fragt sich ein sichtlich verunsicherter Passant.

 „Wir sind queere Nonnen des 21. Jahrhunderts. Wir verbreiten ehrenamtlich universelle Freude, haben stets ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte, bieten Sündenablass und Segnungen und verteilen kostenlos Safer-Sex-Material. Dabei sammeln wir Spenden für Menschen, die von HIV und Aids betroffen sind.“

So kurz, bündig und umfassend immerhin erklärt der Berliner Orden Werk und Wirken der Schwestern auf seiner Webseite. Vor 25 Jahren wurde in Heidelberg erstmals ein deutsches Ordenshaus der „Sisters of Perpetual Indulgence“ – zu Deutsch: Schwestern des ewigen Ablasses – gegründet.

Mittlerweile gibt es sieben dieser Missionen mit rund 50 aktiven Schwestern in Deutschland, weltweit engagieren sich rund 2.000. Das Gründungsjubiläum war nicht nur Anlass für eine große öffentliche Party, sondern auch für ein zehntägiges Konklave, zu dem rund 80 Schwestern angereist sind aus ganz Deutschland, Schottland, England, Frankreich Kanada, aus den USA und der Schweiz.

Rund 50 Schwestern engagieren sich derzeit deutschlandweit

So etwas wie ein Ehrengast der Zusammenkunft ist Mish alias Sister SoAmI deLux alias Sister Missionary Position (so ihr früherer Name), eine der vier legendären Gründerinnen beziehungsweise Erfinderinnen der Sisters of  Perpetual Indulgence.

Eigentlich wollte Mish Priester werden, dann kam ihm allerdings sein Schwulsein dazwischen. Doch mit den Sisters (er)fand Mish 1979 eine Möglichkeit, wie man den Dienst am Menschen, sozialen Aktivismus und die Lust am pompösen, klerikalen Fummel verbinden kann.

Diese Mischung, so Mish, diene nicht nur der ganz persönlichen Erleuchtung, die Sisters bieten sich auch als öffentliche Identifikationsfiguren an. „Wir veranstalten Partys und überschreiten politische wie klerikale Grenzen. Wir feiern die queere Diversität und Community. Wir besuchen die Kranken und kümmern uns um die Obdachlosen. Und wir streuen die Asche unserer Toten.“

Vor allem in den Zeiten des großen Sterbens während der Aidskrise Mitte der 80er- und Anfang der 90er-Jahre haben die Sisters in den schwulen Metropolen der USA nicht nur die Funktion von Seelsorger_innen übernommen, sondern auch für die von der Familie Verstoßenen, von der Kirche Enttäuschten oder konfessionslosen Erkrankten so etwas wie eine alternative spirituelle Heimat und Gemeinschaft geboten.

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Schwester Daphne Sara Maria Sanguina Mater dOr, kurz Daphne. (Foto: Axel Schock)
Um blasphemische Nonnenverarsche geht’s also keineswegs. Und zumindest die Nonnen vom Berliner Aids-Hospiz Tauwerk fühlen sich von den Schwestern der Perpetuellen Indulgenz keineswegs veralbert, sondern betrachten sie als Kolleginnen, versichert Schwester Daphne Sara Maria Sanguina Mater d’Or, kurz Daphne.

 „Wir haben einen exzellenten Kontakt zueinander“, erklärt die Mutter Oberin des Berliner Erzmutterhauses Sankta Melitta Iuvenis. Doch während die Tauwerk-Frauen der gemeinsame katholische Glaube verbindet, sind die queeren Schwestern auch in überweltlichen Dingen ein recht bunter Haufen.

Keine Frage des Glaubens

 „Es gibt christliche Menschen unter uns, dann solche wie ich, die weder getauft noch in irgendeiner anderen Form religiös sind. Manche orientieren sich wiederum eher am Buddhismus.“

So unterschiedlich die Schwestern in dieser Hinsicht also sind, gemeinsame Grundlage sind die über die Jahrzehnte erarbeiteten Rituale – wie beispielsweise die Novizen- und Schwesternweihe. „Das sind Momente, die wir sehr gerne gemeinsam und auch sehr ernsthaft begehen, weil der Weg durchs Noviziat und dann weiter zur ausgebildeten Schwester etwas sehr Bedeutsames ist.“

So individuell jede einzelne Schwester auch gestylt und angezogen ist, eines verbindet sie alle: die frei interpretierte Nonnentracht und die weiße Grundierung der detailverliebt geschminkten Gesichter. Damit, erklärt Daphne, wolle man sicherstellen, dass sie nicht als Einzelkämpferinnen sondern immer als Gruppe wahrgenommen werden. Über die Landesgrenzen hinweg gewissermaßen.

Das sogenannte „white face“ diente anfangs als eine Maske, denn viele der ersten Schwestern wollten nicht erkannt werden. Im Laufe der Jahre hat sich gezeigt, dass dieses einheitliche Aussehen einen hohen Wiedererkennungswert hat.

Zusammen mit den kreativen und auffälligen Varianten des Habits dient der exzentrische Look als eine Art Uniform und Abgrenzung. Solange die Schwestern ihre Haube auf dem Kopf tragen und im Dienst sind, gilt übrigens auch die Enthaltsamkeit: Männer anbaggern ist solange tabu.

Während die Schwestern bei den Passant_innen auf dem Berliner Kurfürstendamm noch für Verwirrung und erstaunte Gesichter sorgen, ist das in der schwulen Szene kaum mehr der Fall.

„Uns geht es vor allem darum, Freude zu verbreiten“

„Wir haben in den letzten 25 Jahren in Deutschland den Leuten bereits recht gut klarmachen können, worum’s bei uns geht, und viele sprechen uns deshalb auch schon ganz konkret an“, erzählt Daphne.

„Wir müssen aber auch nicht immer über HIV und sexuell übertragbare Krankheiten sprechen. Manchmal geht’s auch einfach nur darum, etwas ins Plaudern zu kommen; auch darüber, wer wir sind und was wir machen. Uns geht es vor allem darum, Freude zu verbreiten.“

Freude verbreiten, das bedeutet für die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz einerseits Ablass erteilen: Ablass von der stigmatisierenden Schuld, die einem von der Gesellschaft aufgeladen wird – weil man schwul oder HIV-positiv ist oder vermeintlich nicht maskulin, nicht fit, nicht schlank, nicht schlau genug oder sonst wie nicht normgerecht ist.

Universelle Freude verbreiten die Schwestern allerdings auch durch ihr lustbetontes Credo: Gehet hin und sündigt, und habt Spaß dabei!

Damit es dabei auch möglichst safe zugeht, haben die Schwestern stets Kondome zum Verteilen dabei. Diese sind übrigens die gleichen, die auch die Kampagne „ICH WEISS WAS ICH TU“ an den Mann bringt. Das ist natürlich kein Zufall, denn die Schwestern sind auch Mitglied der Deutschen AIDS-Hilfe.

Zehn Tage dauerte das Berliner Konklave der internationalen Schwestern. Am Anfang stand die große Jubiläumsparty zum 25. Jahrestag der Gründung der deutschen Sektion, zum Abschluss beehrten die internationalen Sisters beim Folsom Europe die Events der Fetischfreunde.

Zehntägiges Konklave mit Jubiläumsparty

Das internationale Konklave dient nicht nur dem Kennenlernen, sondern ist auch dazu da, um Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen. Unterschiede, so Daphne, gibt es zum Beispiel zu den amerikanischen Sisters. „Die haben nicht nur einen ganz anderen Zugang zur Spiritualität. Während wir deutschen Schwestern mit der Sammelbüchse durch die Lokale ziehen, gehen die Sisters in den USA gerne auch mal mit dem Eimer herum, um ihn mit Scheinen füllen zu lassen.“

Weil in den USA soziale Projekte viel weniger auf staatliche Unterstützung bauen können, sind private Zuwendungen umso wichtiger. „Dadurch herrscht dort eine ganz andere, wesentlich freigiebigere Spendenkultur als hier“, sagt Daphne.

Damit genügend Gelder für die von den Sisters unterstützten HIV- und Aidsprojekte zusammenkommen, werden eigens dazu meist große Partys, Events und Tombolas veranstaltet.

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Über Jahrzehnte entwickelte Zeremonie: Die Schwesternweihe, hier: vor dem Berliner Denkmal für die an Aids Verstorbenen (Foto: Axel Schock)
Es ist später Nachmittag. Die Straßenkreuzung an der Urania am Rand des Berlin-Schöneberger Schwulenviertels ist keine allzu gemütliche Ecke. Dort allerdings, auf der Fahrbahnmitte in einem Grünstreifen, befindet sich seit vielen Jahren ein Gedenkstein für die an Aids-Verstorbenen. Die Berliner Schwestern pflegen seit geraumer Zeit die Anlage. Heute nun erweisen sie zusammen mit ihren ausländischen Gästen den Toten die Ehre. Glitter wird verstreut, Segenswünsche gesprochen. Die Gedenkminute endet mit lautem Johlen.

Zeremonie mit zahlreichen Ritualen: die Schwesternweihe

Doch das ist nur der Anfang einer langen Zeremonie mit zahlreichen Ritualen. Für den Außenstehenden ist nicht alles verständlich, auch, weil der Straßenlärm so manches übertönt. Auch hier sammeln sich schnell wieder neugierige, staunende und irgendwie hilflos dreinschauende Passant_innen. Irgendwann ist auf dem Gehsteig kein Durchkommen mehr. Eine junge Polizistin und ihr Kollege sorgen dezent für Ordnung – und schauen interessiert dem Geschehen zu.

Eine Novizin wird zur Schwester erhoben. Die Ernennung ist eine Mischung aus Laienspieltheater, Performance, weihevollem Ritus und großem Spaß. Die Schwester in spe kniet vor der Zeremonienmeisterin, spricht ihr Gelübde und bekommt schließlich ihr Habit überreicht. Zuletzt wird auf der Haube mit großen Hutnadeln der dekorative Schleier festgesteckt. Mit einem nagelneuen Lippenstift (dunkelbau!) wird das Make-up vervollständigt und schließlich das Namensschildchen überreicht.

Fortan hat die Mission in Edinburgh eine neue, vollständig ausgebildete Schwester namens Lotta Leftover in ihrer Mitte, und diese darf nun ganze Dienste im Sinne der Sisters of Perpedual Indulgence leisten. Ihr Debüt muss sie gleich vor Ort geben, nämlich zwei Kondome verteilen. Das erste ist Lotta schnell los: Sie drückt es etwas verschüchtert dem niedlichen Polizisten in die Hand.

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