Schwul, mutig, sichtbar: Mr. Gay Syria

Mr. Gay Syria
Die Dokumentation "Mr. Gay Syria" kommt am 6. September in die Kinos.
Schwule Männer erleben in Syrien durch den Terror des Islamischen Staates kaum vorstellbare Verfolgung. Und doch wurde 2016 ein „Mr. Gay Syria“ gewählt, um die Community beim Mr. Gay World-Contest zu vertreten. Ein Dokumentarfilm erzählt nun nicht nur diese beeindruckende Geschichte, sondern schildert auch das Schicksal von syrischen LGBT-Geflüchteten im Exil.

Zugegeben, man hätte da sicherlich etwas mehr Glamour erwartet. Schließlich ist das eine nationale Entscheidung zum Mr. Gay World-Contest. Mag der Austragungsort auch nur eine kleine, etwas düstere Location sein und sich gerade mal eine Handvoll Männer überhaupt zur Wahl stellen: Der Enthusiasmus auf der kleinen Bühne und die Begeisterung bei den wenigen Dutzend Zuschauern ist überwältigend. Das Bemerkenswerteste aber ist, dass es diese Veranstaltung überhaupt gab: Die Wahl des Mr. Gay eines muslimischen Staates ausgetragen aber nicht im eigenen Land, sondern im Exil.

Teilnehmer "Mr. Gay Syria"
Teilnehmer der Wahl zum "Mr. Gay Syria" im Exil in Istanbul.

Denn veranstaltet werden konnte die Wahl des Mr. Gay Syria verständlicherweise nicht in Syrien selbst. Der in Berlin lebende Syrer Mahmoud Hassino hatte das Event in Istanbul ins Leben gerufen und die dort lebenden schwulen Landsleute zur Teilnahme aufgerufen: Queere Geflüchtete, die auf ein Visum für Westeuropa hoffen, auf ein Leben an einem Ort, an dem sie nicht mehr fürchten müssen wegen ihrer Homosexualität verfolgt, oder noch schlimmer, von den Terrormilizen des sogenannten Islamischen Staates ermordet zu werden.

Die türkische Dokumentarfilmerin Ayse Toprak hat die Vorbereitungen zu diesem in vielerlei Hinsicht so besonderen Contest mit ihrer Kamera festgehalten und die Kandidaten dazu über mehrere Monate hinweg begleitet.

 

Ein tiefer, berührender Einblick

 

Herausgekommen ist mehr als nur ein Film über ein auf den ersten Blick schräges, vielleicht sogar etwas sonderliches Szeneevent. „Mr. Gay Syria“ gibt vielmehr einen sehr intimen, über Strecken sehr berührenden Einblick in einige Einzelschicksale schwuler Geflüchteter. Die unterschiedlichen Lebensgeschichten, die sich während der Dreharbeiten zum Teil dramatisch weiterentwickeln, fügen sich dabei zu einem komplexen Bild – nicht nur über das Leben von LGBT in muslimischen Ländern, sondern auch über deren oft ausweglose Situation und ihre Sehnsucht nach Freiheit und Sichtbarkeit.

Hussein zum Beispiel. Der 24-jährige Frisur kann in Istanbul zum ersten Mal sein Schwulsein wirklich leben. An den Wochenenden aber fährt er an die syrische Grenze zu seiner Ehefrau und der kleinen Tochter. Noch hat er nicht gewagt, seiner Familie zu offenbaren, was er so lange vor ihnen verborgen und sogar vor sich selbst verleugnet hat.

Omar, ein junger, stets gut gelaunter Koch, hat es da besser getroffen, schließlich hat er mit Nadar einen geliebten Mann an seiner Seite. Doch während Nadar nach Norwegen übersiedeln darf, muss Omar weiterhin in Istanbul ausharren. Ihre Beziehung führen sie nun via Skype weiter.

Ein vielschichtiger Film: Mr. Gay Syria.
Der Film schildert auch das Schicksal von syrischen LGBT-Geflüchteten im Exil.

Auch Hussein wartet verzweifelt auf ein Visum. Er darf nun zwar stolz den Titel des frisch gekürten Mr. Gay Syria tragen, aber Malta lässt ihn zum internationalen Finale nicht ins Land reisen. Und Mahmound Hassino, der sich von der Mr. Gay World-Wahl in Malta internationale Aufmerksamkeit für das Schicksal von LGBT-Geflüchteten erhoffte, muss feststellen: Niemand scheint sich dort wirklich dafür zu interessieren, am wenigsten die Mitbewerber und Veranstalters des Contests.

Was Mahmound, der sich in der Berliner Schwulenberatung als Sozialarbeiter speziell um LSBTI-Geflüchtete kümmert, in Malta nicht erreichen konnte, gelingt nun mit diesem sehenswerten Film. Nach zahlreichen Festivaleinladungen und mittlerweile einem halben Dutzend Preisen – u.a. bei den Filmfestivals von Chicago, Sarajewo und Turin, kommt „Mr. Gay Syria“ nun auch bei uns in die Kinos.

 

Von wegen deprimierend…

 

Es ist übrigens keineswegs ein deprimierender Film. Es geht freilich sehr viel um Hoffen und Bangen, um Angst und Verzweiflung wie um die Notwendigkeit zur Verstellung. Die ist auch in der Türkei mehr denn je notwendig, wächst doch auch dort die Homophobie bis hin zur körperlichen Gewalt. Die CSD-Demo, an der auch einige der Protagonisten teilnehmen, wird von der Polizei rabiat und mit Tränengas aufgelöst.

Szenenbild Mr. Gay Syria
Szenenbild aus "Mr. Gay Syria"

Die Regisseurin Ayse Toprak fängt aber auch diese befreite Ausgelassenheit bei der Mr. Gay-Syria-Wahl ein, diese zu Tränen rührende Zustimmung, die es nach Husseins Performance dort gibt. Er, der Friseur, der eigentlich hatte Schauspieler werden wollen, hatte statt der sonst üblichen Tanznummer, einen Monolog geschrieben und einstudiert: jene Sätze, die er seiner Mutter noch nicht hat sagen können, über sich und seine Empfindungen und die Angst, sich in Syrien als Schwuler zu outen. „Vergessen wir nicht unseren Schmerz. So bleiben wir stark“, ruft Hussein bei der Preisverleihung den anderen queeren Geflüchteten im Saal zu.

Ausgelassene Stimmung bei der Wahl zum Mr. Gay Syria.
Die Regisseurin Ayse Toprak fängt auch diese befreite Ausgelassenheit bei der Mr. Gay-Syria-Wahl ein.

 

Sogar ein kleines Happy End…

Omar wiederum vermag die 3000 Kilometer, die nun zwischen ihm und seinen in Oslo lebenden Liebsten einfach zu ignorieren. Den Geburtstag seines Lebensgefährten feiert er auf zu Herzen gehende Weise via Videochat. Und zuletzt werden die Kinozuschauer sogar Augenzeuge, wie er Nadar in Oslo wieder in die Arme schließen kann – dank eines Flüchtlings-Umsiedlungsprogramms der Vereinten Nationen.

Es gibt übrigens noch eine weitere gute Nachricht. Sie ist erst wenige Wochen alt und deshalb auch noch nicht im Film erwähnt: Auch Husseins Antrag auf ein EU-Visum ist nach fünf Jahren des Wartens endlich bewilligt worden.

 

„Mr. Gay Syria“. Deutschland, Türkei, Frankreich 2017. Regie & Drehbuch: Ayse Toprak; 88 Minuten

Kinostart: 6.9.2018

Verleih: Coin Film

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