„Meine Wahl ist ein Signal“ – der erste offen HIV-positive Bürgermeister

Thilo, IWWIT-Rollenmodell und Kampagnenteamsprecher
Thilo, IWWIT-Rollenmodell und Kampagnenteamsprecher

Thilo ist der wohl erste offen HIV-positive Bürgermeister Deutschlands. Der langjährige HIV-Aktivist und IWWIT-Kampagnenteamsprecher wurde am Sonntag zum Bürgermeister der brandenburgischen Gemeinde Sieversdorf-Hohenofen gewählt

Vor 20 Jahren ist Thilo, Jahrgang 1964, mit seinem Mann René in die 700-Seelen-Gemeinde Sieversdorf-Hohenofen auf der Grenze zwischen Ostprignitz und Westhavelland gezogen. Dort hatte das Paar 2009 auch kirchlich geheiratet ­– als zweites schwules Paar im Amt Neustadt/Dosse und als erstes in ihrem Kirchenkreis. Vor fünf Jahren wurde Thilo als Gemeindevertreter gewählt. Am vergangenen Sonntag stimmte eine absolute Mehrheit der Wähler_innen für ihn und machten den gelernten Konditormeister damit zum wohl ersten offen HIV-positiven Bürgermeister in Deutschland.

Thilo, du konntest dich mit 54,5 Prozent der Wähler_innen-Stimmen gegen deinen Kontrahenten durchsetzen. Wie fühlt man sich als frisch gebackener Bürgermeister?

Ich bin immer noch etwas sprachlos, aber auch von Freude überwältigt. Gestern Nacht, als ich die Hochrechnung bekommen habe, konnte ich mir noch gar nicht ausmalen, was der Begriff „absolute Mehrheit“ eigentlich bedeutet.

War dein HIV-Status im Vorfeld der Wahl Thema im Dorf?

Mein Mann René wurde mit mir verwechselt und von einem Gemeindemitglied im Zug angesprochen, wie er sich denn erdreisten könne, sich als „schwuler Aidskranker“ für das Bürgermeisteramt zu bewerben. Mir wurde auch von Mitgliedern meiner Wähler_innen-Gruppen zugetragen, dass es in den vergangenen Wochen einige Aussagen unterhalb der Gürtellinie gab. Aber letztlich war es eben doch nicht ausschlaggebend für die Wahlentscheidung, dass ich schwul oder HIV-positiv bin.

Was bedeuten diese Erfahrungen für dich?

Mein Mann und ich sehen uns darin bestätigt, dass es richtig war unser Häuschen hier zu kaufen. Und es ist ein Beweis dafür, dass es – gerade nach dem Ergebnis der Europawahl – in Brandenburg doch bunte Flecken gibt, in denen man auch als Minderheit akzeptiert und unterstützt wird.

Ich verstehe meine Wahl als Mut machend und auch als ein Signal, zum Beispiel an Menschen mit Behinderungen, sich politisch zu engagieren oder eben auch zur Wahl zu stellen.

Was werden in den kommenden fünf Jahren deiner Amtsperiode deine wichtigsten Themen sein?

Bereits als Gemeindevertreter konnte ich dazu beitragen, unsere ehemalige Schule in ein barrierefreies Wohnprojekt mit angeschlossener Tagespflege umzuwandeln. Dieses Projekt werde ich nun auch als Bürgermeister weiter begleiten.

Ein weiteres großes Thema ist das Insektensterben, das uns hier alle betrifft und wo wir gemeinsam nach Lösungen suchen müssen. Darüber hinaus muss die Straßenbeleuchtung saniert werden; mit unseren klammen Mitteln wird das keine leichte Aufgabe. Ich will Menschen bewegen, bei unserer freiwilligen Feuerwehr aktiv zu werden und deren Existenz damit zu sichern. Zudem möchte ich auch das kulturelle Dorfleben gerne wiederbeleben.

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