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„Berliner Patient“: Offenbar ist er wirklich geheilt

Auf andere Patienten lässt sich seine Therapie aber nicht anwenden

Im stern zeigt sich der HIV-Infizierte, der keiner mehr ist,  erstmals der Öffentlichkeit. Auf andere Patienten lässt sich seine Therapie leider nicht übertragen

Wunder ist dann doch übertrieben: Der Stern über den "Berliner Patienten"

„Kein Name, keine Fotos“, sagt der Arzt. „Er kommt jetzt runter.“ 

Mit diesen Worten begann noch im Juli ein Porträt in der Zeit über den so genannten „Berliner Patienten“. Damals waren unzählige Journalisten hinter ihm her.  

Jetzt hat sich der Mann im Stern (50/2010) erstmals mit seinem echten Namen und Bildern der Öffentlichkeit gezeigt. Er heißt Timothy Ray Brown, ist schwul und lebt seit vielen Jahren in Berlin. 

Der 44-jährige US-amerikanische Staatsbürger wurde 1995 HIV-positiv getestet. Im Jahr 2007 verschwand das Virus nach einer Stammzellentransplantation aus seinem Blut – obwohl er keine HIV-Medikamente mehr einnahm. 

Der Coup gelang: Stammzellen, die HIV die Tür vor der Nase zuknallen

Auch zahlreiche andere Medien berichten in diesen Tagen erneut über den weltweit ersten Patienten, der offenbar tatsächlich von HIV geheilt werden konnte. Der Grund ist ein Bericht der Charité im Fachjournal Blood: Demnach ist bei Brown nach wie vor kein HIV mehr nachweisbar – dreieinhalb Jahre nachdem die Transplantation das Virus in seinem Körper schachmatt gesetzt hat.

Mehr noch: Die Forscher fanden auch in anderen Körperzellen kein funktionstüchtiges HI-Virus mehr. Möglicherweise ist HIV wirklich erstmals vollständig aus dem Körper eines Infizierten entfernt worden. So sprechen die Forscher nun vorsichtig von Heilung.

Zu dem tatsächlich sensationellen Behandlungserfolg der Charité führte eine schwere Leukämie-Erkrankung, die Brown zusätzlich zur HIV-Infektion erwischt hatte. Als eine Stammzellentransplantation notwendig wurde, hatte der Assistenzarzt Gero Hütter eine sehr kluge Idee – und die nötige Portion Glück. Er und sein Team suchten und fanden einen Stammzellenspender, der aufgrund einer genetischen Besonderheit vor einer Ansteckung mit HIV weitgehend geschützt ist. Auf der Oberfläche seiner Zellen fehlt der so genannte CCR5-Rezeptor, den die meisten HIV-Varianten benutzen, um in die Zellen einzudringen. 

Der Coup gelang: Die transplantierten Stammzellen stoppten die Vermehrung von HIV im Körper von Timothy Brown – bis heute. Weil das Blut nun von den neuen Zellen gebildet wird, hatten die HI-Viren, die sich noch im Körper befanden, keine Chance mehr, sich weiter auszubreiten; sie bekamen sozusagen die Tür vor der Nase zugeknallt. Selbst wenn sich heute noch Viren in seinem Körper befinden sollten, können sie offenbar keinen Schaden mehr anrichten. Dass das so bleibt, erscheint zumindest sehr wahrscheinlich.

Leider ist der Erfolg nicht auf andere Patienten übertragbar

Auf andere Patienten übertragen lässt sich diese Therapie aber leider nicht: Einen Spender für eine Stammzellentransplantation zu finden, ist schon unter normalen Bedingungen sehr schwierig. Die passende Genvariante, die vor HIV schützt, weist zudem nur ein Prozent der Bevölkerung auf. Und eine Stammzellentransplantation ist ein lebensgefährlicher Eingriff mit heftigen Nebenwirkungen. Hinzu kommt: Es gibt auch HI-Viren, die einen anderen Rezeptor benutzen, um in die menschlichen Zellen einzudringen. 

Trotzdem liefert der Fall wichtige Hinweise für die Forschung und macht Hoffnung: „Einen HIV-Patienten zu heilen war bis vor kurzem noch undenkbar!“, sagt Armin Schafberger, Medizinreferent der Deutschen AIDS-Hilfe.

Dass der stern gleich wieder das große Wort Wunder in die Überschrift packt, mag man ihm nicht überlnehmen – schließlich nähern wir uns in diesen Tagen dem Geburtstag des Heilands. In Wirklichkeit handelt es sich bei der Therapie des Berliner Patienten aber um eine exzellente und fast schon kuriose medizinische Leistung – die vorerst ein Einzelfall bleiben wird. 

(Holger Wicht) 

Bericht auf aidshilfe.de 

Bericht auf stern.de: „Der Mann der HIV besiegte“  

Bericht in der Ärzte Zeitung  

Quelle der Berichte in Blood (Englisch) 

Bericht in der Zeit (Juli)

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