ICH WEISS WAS ICH TU

Alle Jahre wieder: Welt-Aids-Tag am 1. Dezember

Aber was halten eigentlich unsere Jungs mit HIV davon? Eine Umfrage

Von Angela Merkel bis Lady Gaga: Am 1.12. sind alle betroffen und zeigen Schleife. Wie finden das eigentlich diejenigen, die mit HIV leben? Wir haben mal bei unseren positiven Rollenmodellen nachgefragt

Stephan (Berlin): „Einfach nur schrecklich!“

Seit ich selbst betroffen bin, nervt mich der Welt-Aids-Tag. In den Medien ist viel zu wenig zu finden, und vor allem wird immer das Gleiche gezeigt: Alle liegen krank darnieder und der Schwarze Peter wird rumgeschoben, wer denn nun schuld ist. Einfach nur schrecklich! Deswegen wird der Welt-Aids-Tag in der Öffentlichkeit auch kaum ernsthaft wahrgenommen, sondern erwähnt und abgehakt. Die Frage, wie man sich an den restlichen Tagen des Jahres vor einer Infektion schützt, die kommt nicht vor. Um mich an verstorbene Freunde zu erinnern, brauche ich den Tag auch  nicht. Ihre Geburtstage sind meine ganz persönlichen Gedenktage. Ich gehe nicht auf diese Trauermärsche, denn dort sieht man oft so aufgesetzte Leichenbittermienen. Vor allem bei denen, die’s gar nicht haben. Man kann sich ja auch nur schwer in einen Positiven hineinversetzen. Ich konnte das früher auch nicht. Mein Bruder ist schon länger positiv als ich, und damals habe ich auch Kerzen aufgestellt, manchmal sogar geweint. Dabei war noch gar nichts Schlimmes passiert. Wir sollten viel mehr das Leben feiern. Wir müssten feiern, dass es uns hier in Deutschland so gut geht!

Stephans Geschichte auf iwwit.de

 

Marcel (Essen): „Man muss kein Einstein sein, um die Botschaft zu kapieren

Der Welt-Aids-Tag bewegt mich mehr, seit ich selbst positiv bin. Ich gucke genauer hin, was in den Medien berichtet wird und vor allem, wie berichtet wird. 2009 habe ich den Tag zum ersten Mal als Positiver erlebt. Ich war auf der „Red Ribbon Special“-Party in Köln. Dort bekommt jeder eine Rote Schleife, dann feiern alle zusammen. Das hat mich schon berührt: Die Leute zeigen ihre Solidarität – egal ob sie selbst positiv oder negativ sind. Das ist allerdings immer noch nicht bei allen angekommen. Ein Freund von mir hat auch ein Red Ribbon getragen und wurde gefragt: „Hast du HIV?“ Als ob die Schleife ein Erkennungszeichen für Positive wäre. Das wäre ja blödsinnig! – Die doppelte Botschaft des Welt-Aids-Tages – man kann gut und lange mit HIV leben, sollte es aber trotzdem nicht bekommen – ist zwar nicht ganz so leicht zu begreifen. Aber sooo schwer ist sie nun auch wieder nicht. Man kann das in drei, vier Sätzen erklären, und man muss nicht Einstein sein, um es zu kapieren. Die Infektion macht einem trotz der Therapien immer noch viele Schwierigkeiten, sowohl körperlich als auch durch Ausgrenzung. Deshalb ist ja die Solidarität mit Positiven so wichtig.

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Andreas (Koblenz): Ich will kein Mitleid!“

Mein Freund Wolfgang und ich mussten unser Leben vor 16 Jahren auf die Krankheit einrichten. Damit fangen wir doch nicht jedes Jahr wieder von Neuem an, nur weil Welt-Aids-Tag ist! Es ist ärgerlich, dass einem das Thema einmal im Jahr von anderen aufgezwungen wird. Wir leben das ganze Jahr jeden Tag damit – auch Wolfgang, obwohl er negativ ist. Oft läuft der Welt-Aids-Tag über diese Mitleidsschiene. Aber ich will kein Mitleid heischen, HIV ist kein Grund zum Trauern! Ich bin seit 16 Jahren positiv und habe in meinem Job noch keinen Tag gefehlt. Für andere mag die Infektion weitaus schwerere Folgen haben. Aber an der Infektion selbst kannst du nun mal nichts ändern. Wir mussten einfach lernen, damit umzugehen.

Andreas‘ und Wolfgangs Geschichte auf iwwit.de

 

Markus (Frankfurt): „Die Rote Schleife trage ich fast permanent“

Früher habe ich den Welt-Aids-Tag zwar wahrgenommen, aber nie unterstützt. Ich komme ja aus einem kleinen Dorf und dort kannte man sowas nicht. Mittlerweile trage ich die Rote Schleife fast permanent. Ich habe eine aus roten Perlen und kleine Pins. Der Welt-Aids-Tag ist immer noch sehr wichtig. Erst in den letzten Tagen habe ich so richtig gemerkt, wie sehr er das Thema noch mal in den Fokus rückt. Es wäre natürlich schöner, wenn die Medien die gefühlt 50 Interviews, die ich schon gegeben habe, über das Jahr verteilen und nicht alle am gleichen Tag versenden würden. – Hier in Frankfurt werden am Welt-Aids-Tag immer Nägel in das AIDS-Memorial eingeschlagen – zum Gedenken an diejenigen, die im vergangenen Jahr gestorben sind. Dieses Jahr darf ich selbst einen der Nägel einschlagen. Das ist natürlich sehr emotional, weil ich weiß: Irgendwann wird da mal mein Name vorgelesen.

Markus‘ Geschhichte auf iwwit.de

  

Thilo, Sieversdorf-Hohenofen: Solch einen Firlefanz haben die Leute auf dem Land nicht nötig“

Der Welt-Aids-Tag ist schon ziemlich wichtig, hat aber dasselbe Problem wie der Muttertag: Es wird viel geheuchelt. Viele schmücken ihre Brust mit der Roten Schleife und scheren sich das restliche Jahr einen Dreck um das Thema. Hier bei uns auf dem Dorf habe ich noch nie eine Rote Schleife gesehen. Solchen Firlefanz haben die Leute auf dem Land nicht nötig, um ihre Solidarität zu zeigen. Die sind da viel pragmatischer: Sie gucken sich einen Menschen genau an und wenn er okay ist, unterstützen sie ihn – egal ob er positiv oder negativ ist. Mein Freund und ich sind ein gutes Beispiel dafür, dass man überall offen positiv leben kann. Hier in unserer 500-Seelen-Gemeinde in der Ostprignitz wissen alle Bescheid und die ganze Dorfgemeinschaft steht hinter uns. – Wenn wir es einrichten können, sind wir zum Welt-Aids-Tag immer beim Trauermarsch in Berlin dabei. So können wir der Menschen gedenken, die wir durch Aids verloren haben. Die Stimmung ist nie gleich. Manchmal reißt es einen total runter. Aber oft erinnern wir uns auch an die schönen gemeinsamen Momente, die wir mit einem verstorbenen Freund erlebt haben.

 Thilos Geschichte auf iwwit.de

 

Achim (Berlin): „Die Aidsnummer ist durch für mich“

Diese Wehleidigkeit des Welt-Aids-Tags kann ich nicht nachvollziehen: Ich bin seit 15 Jahren positiv, mir geht’s gesundheitlich gut, ich lebe relativ offen positiv. Negative Reaktionen erlebe ich nicht. Der 1. Dezember berührt mich deshalb überhaupt nicht mehr. Wenn ich am 1. Mai gegen eine Nazi-Demo auf die Straße gehe oder im Wendland gegen Atomtransporte protestiere, dann ist mir das ein persönliches Anliegen. Aber die Aidsnummer ist durch für mich. Wenn der Welt-Aids-Tag eine Botschaft verbreiten soll, dann die: Eine HIV-Infektion ist etwas völlig Normales!

Achims Geschichte auf iwwit.de

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