„Dampf ablassen: Eine kurze Geschichte der Gay Sauna von der Antike bis heute“

Gay Sauna als Teil queerer Geschichte: Von römischen Thermen über osmanische Hammams bis zu moderner Cruising-Kultur zeigt der Beitrag, wie öffentliche Bäder zu Orten für Begegnung, Begehren, Kontrolle und Community wurden.

Autor*in: Mathias Foit
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Die kommerzialisierte Gay Sauna ist eine Erfindung der sexuellen Revolution der Nachkriegszeit sowie ein fester – wenn auch nicht unumstrittener – Bestandteil und Symbol der modernen schwulen Kultur. Es gilt nicht nur als Ort, an dem körperliche Zärtlichkeiten ausgetauscht, sondern auch individuelle und kollektive queere Identitäten herausgebildet wurden und werden. Belege aus der Geschichte zeigen jedoch, dass Saunen und Bäder bereits in vielen früheren Epochen ähnliche Funktionen erfüllten und diese Tradition bis in die Antike zurückreicht.

Römische Thermen

Im antiken Rom waren öffentliche Bäder, auch als Thermen bekannt, nicht nur Orte der Hygiene, sondern vor allem wichtige Zentren des gesellschaftlichen Lebens. Man traf sich dort, um beim Baden über die neuesten Steuern, die Politik und die Feldzüge des Reiches zu diskutieren. Die Thermen waren nicht nur hinsichtlich ihrer Architektur und der darin verfügbaren Einrichtungen, wie beispielsweise Becken mit kaltem und warmem Wasser, Trocken- und Dampfbäder sowie Ruheräume, sehr vielfältig, sondern auch in Bezug auf ihre Kundschaft. Es gab Bäder für Patrizier und Plebejer (die Oberschicht und alle anderen), separate Thermen für Frauen und Sklaven, und die reichsten Bürger*innen Roms besaßen oft eigene, private Bäder, die durch ihren Prunk beeindruckten.

Der Altertumsforscher Asa Eger schrieb über die römischen Thermen als queere Räume. In den erhaltenen Überlieferungen und literarischen Werken fand er Belege dafür, dass es an diesen Orten zu sexuellen Annäherungen zwischen Männern kam. So verführt eine der Figuren, Eumolp, in „Satyricon“ von Titus Petronius den Sohn seines Freundes in einem Bad in Pergamon. In dem Dialog „Vom glücklichen Leben” wiederum preist Seneca der Jüngere die heißesten und dunkelsten Räume der Bäder, in denen man die Nähe anderer Männer suchen konnte. Auffällig ist auch: Manche Bäder schmückten ihre Räume mit suggestiven, erotischen oder sogar pornografischen Fresken. Häufig entstanden sie zudem in unmittelbarer Nähe von Bordellen. Ein Beispiel dafür sind die Vorstadtthermen in Pompeji.

Fresko aus den Vorstadtthermen in Pompeji mit erotischer Szene
Erotisches Fresko aus den Vorstadtthermen in Pompeji | Foto/Quelle: Sailko, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Römische Sexualität: Anders als unsere heutigen Kategorien

Hervorzuheben ist, dass die Römer*innen eine völlig andere Einstellung zu Sex und Sexualität hatten als wir heute. So wurde beispielsweise nicht zwischen „heterosexuellem“ und „homosexuellem“ Sex unterschieden. Von vorrangiger Bedeutung war die Stellung, die man in der sozialen Hierarchie des römischen Staates einnahm. Diese bestimmte wiederum, welche Formen des Sex akzeptabel waren und welche nicht. Vollständige Rechte, einschließlich sexueller, genossen erwachsene, römische Bürger, die – sofern sie beim Geschlechtsverkehr die penetrierende Rolle einnahmen – nicht nur mit einer Frau, sondern auch mit einem jüngeren Mann oder gar Jungen, mit Ausländer*innen, Sexarbeiter*innen oder Sklav*innen Sex haben durften.

Eger bezeichnet die römischen Thermen als „queere“ Räume nicht nur, weil sie ein Ort für Sex zwischen Männern waren, sondern auch, weil es dort möglich war, traditionelle Geschlechterrollen sowie gesellschaftliche Gebote und Hierarchien umzukehren. In einer Gesellschaft, in der Kleidung und äußeres Erscheinungsbild (z. B. der Bartwuchs) Aufschluss über das Alter, die soziale Stellung und die Rolle eines Mannes im Geschlechtsverkehr gaben, stellte die Nacktheit alle Badegäste auf eine Stufe und ermöglichte potenziell intime Annäherungen, die außerhalb der Thermen geächtet oder verboten gewesen wären.

Osmanische Hammams

Das Osmanische Reich war eines der größten in der Geschichte und ist der Vorläufer der heutigen Türkei. Die Osman*innen entwickelten ihre eigene Form des Badehauses, die sogenannten Hammams. Neben ihrer hygienischen und sozialen Bedeutung hatten sie auch eine wichtige religiöse Funktion, da sie als Orte ritueller Waschungen dienten. Als queere Räume wurden sie vom Architekten Burkay Pasin in seiner Doktorarbeit untersucht.

Der Forscher weist darauf hin, dass der Hammam in der europäischen Vorstellungswelt und Kultur, die von orientalistischen Fantasien, Mythen und Vereinfachungen geprägt war, über Jahrhunderte hinweg als stark sexualisierter Raum fungierte. Bereits in der europäischen Reiseliteratur des 16. Jahrhunderts und vor allem in der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts lässt sich ein wiederkehrendes Motiv beobachten: Nackte, nicht selten auch weiße (also europäische) Frauen, die gemeinsam im Hammam entspannen. Allein die Tatsache, dass ein Mann keinen Zutritt zum Frauen-Hammam erhalten hätte, beweist, dass es sich hierbei ausschließlich um eine Fantasie handelt.

Hammams als Orte männlicher Begegnungen

Doch auch die Osman*innen selbst hielten die Vorstellung vom Hammam als Ort für Gelegenheitssex nicht selten fest, wobei es sich allerdings vor allem um Kontakte zwischen Männern handelte. Pasina verweist auf klassische Studien zu osmanischen Hammams, in denen gelegentliche homosexuelle Praktiken erwähnt werden. Diese sollen jedoch auf Bäder beschränkt gewesen sein, die von Menschen der unteren sozialen Schichten frequentiert wurden. Vor allem die Hammams in der Stadt Bursa sollen einen schlechten Ruf gehabt haben.

Homosexuelles Verhalten wurde vor allem mit den Angestellten und Masseur*innen des Hammams, den sogenannten tellak, in Verbindung gebracht. Diese wurden oft als junge, zarte und feminisierte Männer dargestellt. Einige von ihnen verdienten sich mit dem Anbieten sexueller Dienstleistungen etwas dazu. Dieses Phänomen wurde bereits 1686 in dem Buch mit dem vielsagenden Titel Dellakname-i Dilküşa („Das herzzerreißende Buch der Masseure“) beschrieben. Anspielungen auf Sex zwischen Männern tauchen in der klassischen osmanischen Literatur immer wieder auf. Im 16. Jahrhundert gab es sogar ein eigenes Gedichtgenre, das die Schönheit männlicher Körper beim Baden preisen sollte (hammamiye).

Historische Illustration eines Tellak in einem Hammam
Ein Tellak mit Hüfttuch und Stelzensandalen im Hammam. Abbildung aus dem Hubanname („Das Buch der Schönen“), einem homoerotischen Werk des türkischen Dichters Fazyl bin Tahir Enderuni aus dem 18. Jahrhundert | Quelle: Wikimedia Commons

Die Entstehung der modernen Cruising-Kultur

In der Neuzeit stellten das rasante Bevölkerungswachstum und der ungebremste Zustrom der Landbevölkerung in die Städte, verbunden mit weit verbreiteter Armut, eine Herausforderung für lokale Verwaltungen dar. Nur einzelne, besonders wohlhabende Personen konnten sich das Privileg eines eigenen Badezimmers leisten, während die Mehrheit der Bevölkerung die damals massenhaft errichteten öffentlichen Badehäuser nutzte, die meist kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr zugänglich waren.

Im 19. Jahrhundert veränderte die Urbanisierung das Leben in den Städten grundlegend. Traditionelle ländliche Gemeinschaften verloren an Bedeutung, die Anonymität in den schnell wachsenden Städten nahm zu und religiöse sowie moralische Normen lockerten sich. Dadurch entstanden neue Möglichkeiten für anonymen, gelegentlichen Sex an öffentlichen Orten – zwischen Männern wurde diese Praxis später als „Cruising“ bezeichnet.

New York, Paris und die Kontrolle öffentlicher Bäder

Dieses Phänomen hat George Chauncey in seinem Buch Gay New York am Beispiel New Yorks eindrucksvoll beschrieben. Ende des 19. Jahrhunderts gab es in der Stadt aufgrund des Zustroms billiger, internationaler Arbeitskräfte und der Überbevölkerung eine unverhältnismäßig große Zahl alleinstehender Männer. Da sie sich eine Wohnung oder sogar ein Zimmer mit Fremden teilen mussten, begannen sie, ihre sexuellen Bedürfnisse an öffentlichen Orten auszuleben – nicht selten mit anderen Männern.

Der beste Beweis für die Beliebtheit öffentlicher Bäder als Orte für Sex zwischen Männern sind Berichte über Polizeirazzien in diesen Einrichtungen. So drang die Polizei im Jahr 1876 in das Pariser Badehaus Bains de Gymnase ein, das für die dort stattfindenden Ausschweifungen berüchtigt war, und verhaftete sechs Männer und Jugendliche im Alter von 14 bis 22 Jahren. Sie wurden der Verletzung der öffentlichen Sittlichkeit beschuldigt, der Manager und zwei Mitarbeiter des Bades hingegen der „Förderung von Päderastie”. Eine ähnliche Aktion fand 1903 in New York statt, als die Polizei an einem Samstagabend im Februar die Ariston Hotel Baths stürmte. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 78 Männer dort, von denen 34 festgenommen und mindestens 16 wegen „Sodomie“ angeklagt wurden.

Skandale in Wien, München und Budapest

Auch im deutschsprachigen Raum kam es zu solchen Skandalaffären. Schauplatz einer davon war das noch bis heute bestehende Wiener Central-Bad (heute „Kaiserbründl“), dessen Stammgast der jüngere Bruder des Kaisers Franz Josephs, Erzherzog Ludwig Viktor, war und der 1904 im Zuge eines Annäherungsversuchs an einen Mann eine Ohrfeige erhielt.

Historische Aufnahme des Bassins im Damen-Dampfbad des Wiener Central-Bades
Bassin im Damen-Dampfbad des Wiener Central-Bades, 1894 | Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia

Eine andere Affäre ereignete sich im Februar 1909 im Maximilians-Hofbad in München. Laut Berichten munkelte man schon seit Jahren „da und dort in München“, dass es in dem Etablissement „nicht ganz sauber zugehe, daß insbesondere die männliche Lebewelt aus gewissen Gründen dort verkehre“. Im dritten Stock des Bades, der für uneingeweihte Gäste gesperrt blieb, soll es regelrechte Orgien gegeben haben, an denen sich unter anderem hochrangige Offiziere und Mitglieder fürstlicher Häuser beteiligten. Die Anzeige erstattete ein neu eingestellter Mitarbeiter, doch dem Besitzer, Max Reininger, gelang es, den Skandal zu vertuschen und seine vermeintliche Unkenntnis der Vorgänge gerichtlich feststellen zu lassen.

Badehäuser im Visier der Moralwächter

Der Prozess konnte nicht über die Feststellung hinausgehen, „daß es im Hofbad zwischen den Bademeistern und einigen Badegästen zwar zu unsittlichen Berührungen und Handlungen gekommen ist, die jedoch nicht strafbar sind“. Die ganze Sache verlief im Sande. Weniger Glück hatten die Besucher des Volksdampfbades des Lukasbades in Budapest, von denen mindestens zehn im Januar 1910 „wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit“ zu jeweils fünfzehn Tagen Gefängnis verurteilt wurden.

Historisches Werbeplakat des Maximilians-Bads in München
Werbeplakat des Maximilians-Bads, 1885 | Quelle: Abendzeitung München / Stadtarchiv München

Anfang der 1930er Jahre warnte hingegen eine ganze Schar von Moralaposteln, dass in Badehäusern Unzucht in großem Umfang verbreitet werde. So alarmierte Franz Scott, dass zwei Frauen oftmals ein separates Zimmer mit Badewanne mieteten, um das gemeinsame Bad als Gelegenheit für eine intime Annäherung zu nutzen. Heinz Dalberg wies zudem darauf hin, dass in vielen Bädern Prostitution stattfand und es angeblich nichts gab, „was man nicht haben könnte – für jede Art von Perversität steht geschultes weibliches und männliches Personal zur Verfügung“.

Moderne Gay Saunen

Obwohl Gay Saunen in den folgenden Jahrzehnten auch existierten, erlebten sie ihren wahren Aufschwung in den 1960er und 1970er Jahren, auf dem Höhepunkt der sexuellen Revolution und der Schwulen- und Lesben-Emanzipationsbewegung. Im Westen war ihr Betrieb im Allgemeinen mit größerer Freiheit verbunden, jedoch nicht überall. So kam es beispielsweise im Jahr 1981 in Toronto zu einer Reihe koordinierter Razzien in vier Gay Saunen, die unter dem Decknamen Operation Soap („Operation Seife“) durchgeführt wurden und mit der Festnahme von 300 Männern endeten. Das bedeutet jedoch nicht, dass es im Ostblock keine solchen Orte gab, auch wenn sie nur inoffiziell als Treffpunkte fungierten. Ein Beispiel dafür sind die städtischen Bäder am Teatralny-Platz in Wrocław (Breslau), die in Michał Witkowskis halbautobiografischem Roman Lubiewo als queerer Ort verewigt wurden.

Dennoch erlitt die Kultur der Gay Saunen – und im weiteren Sinne die gesamte queere Kultur – in den 1980er Jahren mit dem Ausbruch der HIV/AIDS-Pandemie einen schweren Schlag. Schließlich wurden gerade die Saunen als einer der „Hotspots“ verteufelt, was zur Schließung vieler dieser Orte und zum Rückzug eines Teils der Kundschaft aus der Schwulenszene führte. Die mit der Pandemie verbundene moralische Panik hielt lange Zeit an, bis in die späten 90er Jahre hinein, an manchen Orten sogar noch länger.

Aus diesem Grund engagieren sich viele Saunen heute sehr stark in der Präventions- und Aufklärungsarbeit. Flyer, Informationstafeln, kostenlose Kondome und Gleitmittel sowie in manchen Fällen sogar psychologische Hilfe sind in Saunen heute Standard. An Herausforderungen mangelt es nicht: Neben STIs und dem Umgang mit dem Konsum illegalisierter Substanzen im Rahmen von Chemsex sind Diskriminierungserfahrungen vieler queerer Menschen ein sehr dringendes Gesprächsthema. Vor allem Rassismus und unrealistische, verletzende Körperideale verhindern manchmal, dass Saunen zu den Safer Spaces werden, die sie versprechen zu sein.