Vom Wichsen zur Selbstliebe zum Solo-Sex – wie sich das Bild der Masturbation gewandelt hat

Masturbation war lange mit Scham, Schuld und Tabus verbunden. Der Beitrag zeigt, wie sich der Blick auf Solo-Sex verändert hat – von religiösen und gesellschaftlichen Verboten hin zu Selbstliebe, Lust und sexueller Selbstbestimmung.

Autor*in: Michael G. Meyer
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 „Wichsen“, „Sich einen Runterholen“, „Masturbieren“, „Onanieren“, „Solo-Sex“ – es gibt viele Bezeichnungen für die Selbstbefriedigung.  Interessant dabei: Manches Wort, wie der „Wichser“, im englischen „Wanker“, hat durchaus eine negative Bedeutung, ist sogar ein Schimpfwort und weist darauf hin, dass das Masturbieren einen sehr zwiespältigen Ruf hatte und über die Jahrhunderte hinweg sogar tabuisiert wurde.  Das änderte sich erst mit der sexuellen Revolution der 68er-Bewegung.  In einem Film aus den Siebziger Jahren machte der amerikanische Comedian Woody Allen mal den Witz, dass „Masturbieren Sex ist mit jemandem, den ich liebe“.  Von damals an war die Masturbation nicht mehr ganz so stark tabuisiert.

Masturbation zwischen alten Tabus und neuen Mythen

Es lohnt der Blick in die Geschichte, denn schon im alten Rom wurde das „Hand an sich legen“, das der lateinische Wortstamm im Übrigen bedeutet, stark tabuisiert. Vor allem Männern, die masturbierten, wurde mangelnde Männlichkeit und ein „weibisches Wesen“ attestiert und auch allerlei Krankheiten wurden der Masturbation unterstellt.  Bei den alten Griechen und den Ägyptern war das Bild jedoch deutlich positiver: Im alten Ägypten wurde der Solo-Sex sogar mit Fruchtbarkeit, guten Ernten, genügend Wasser im Nil und vielem Positiven mehr verbunden.  Bis ins 19.Jahrhundert wurde die Masturbation dann aber wieder abgewertet, oft sogar verboten. Religion spielte dabei eine große, wenn auch nicht die einzige Rolle. 

All das, auch wenn es lange her ist, wirkt nach, meint der Sexualpädagoge David Schulz, der bei „BikoBerlin“, einem freien Träger, der pädagogische Fachkräfte im Bereich der Sexuellen Bildung fortbildet. Es gebe noch immer Tabus und Vorurteile.  „Weniger die Klassiker, die früher dabei waren, so etwas wie:  Masturbation macht blind oder dann wachsen dir Haare auf den Händen oder ähnliches. Aber ganz stark verbreitet ist auf jeden Fall die Verbindung zum Nährstoffverlust. Also dass halt Menschen nicht masturbieren sollten, weil dann ganz viele Nährstoffe verloren gehen. Das ist gerade in der Gym-Szene sehr verbreitet. Dass es hier eine Art Energieverlust gibt und Du nicht mehr so männlich wirkst, Dir Männlichkeit verloren geht.“

Mann liegt entspannt auf dem Bett – Symbolbild zu Masturbation, Solo-Sex und sexueller Selbstbestimmung
Masturbation als Teil von Lust, Selbstliebe und sexueller Selbstbestimmung | Foto: Fotoniśch / photocase.de

Wie alte Schuldgefühle in neuen Bewegungen weiterleben

Aber nicht nur in der „,Manosphere“, jener extrem cis-männlich geprägten Szene kommen solche Vorurteile vor, auch die sogenannte „NoFap“-Bewegung, entstanden um 2011 in Online-Communitys, propagiert Abstinenz von Masturbation als Weg zu gesteigerter Energie, Fokus, Maskulinität und sozialem Erfolg. Die Bewegung verbindet pseudowissenschaftliche Argumente mit traditionellen Männlichkeitsidealen und einer diffusen Kapitalismuskritik an der Porno-Industrie. Klinische Studien, die die negativen Effekte normaler Masturbation oder die positiven Effekte der Abstinenz belegen, existieren aber nicht – was die Popularität dieser teils wilden Thesen jedoch nicht zu bremsen scheint.

Eine Rolle spielen ganz sicher auch, bis ins Heute, religiös geprägte Schuldgefühle, egal, ob nun unter Christ*innen, Muslim*innen oder anderen Gläubigen.  David Schulz sagt: „Eine Verknüpfung der Themen Scham und Schuldgefühle beim Solo-Sex und Religion ist durchaus da. Aber das würde ich jetzt auf alle Religionen ausweiten, dass das eine Sünde wäre oder dass Sex eben nur für Gott oder zur Reproduktion oder in heterosexuellen cis Kontexten da sein sollte. Da schwingt auch eine Queerfeindlichkeit mit, oder aber, dass jegliche Form von Sexualität verpönt wird. Das gilt aber auch nur in konservativen Kreisen dieser Religionen. Das ist ja nicht bei allen Christ*innen oder bei allen Muslim*innen so, sondern das ist in den konservativen Ausprägungen verbreitet und die sind dann aber besonders laut.“

Masturbation zwischen moralischer Norm und gelebter Realität

Wie sehr Masturbation in den Gesellschaften verankert ist, zeigte sich schon Ende der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den USA – damals noch ein erz-konservatives Land. Die Berichte des Sexualforschers Alfred Kinsey waren ein Schock für die amerikanische Gesellschaft. Kinsey belegte, dass Masturbation bei Männern und Frauen so weit verbreitet war, dass sie alle Schichten, Berufe und Bildungsgrade erfasste. Die moralische Norm und die gelebte Wirklichkeit klafften in einem Maß auseinander, das es sich empirisch nicht länger verschweigen ließ.  Was dann aber allzu oft doch geschah – nach dem Motto – was nicht sein kann, was nicht sein darf.  Ebenso wie beim Thema Homosexualität wurde die Masturbation lange Jahre totgeschwiegen.  

Die Entstehung des Internets und der massenhaft verfügbaren Pornographie seit den späten 1990er Jahren brachten eine neue Dimension in die Debatten. Was vorher ein privates, schwer messbares Verhalten war, wurde nun mit einem bestimmten Medienkonsum verknüpft – die Pornografie, die seit Ende der sechziger Jahre nicht mehr illegal war, erzeugte eine stärkere Offenheit.   Heute, im Social Media-Zeitalter, wird nun in einigen Beiträgen davor gewarnt, wenn Jugendliche und Kinder zu früh und intensiv Pornografie konsumieren und womöglich pausenlos onanieren.  

David Schulz von „BikoBerlin“ meint, dass aber nicht der Porno-Konsum an sich das Problem sei, sondern die mangelnde Analyse dessen, was da geschaut wird: „Das ist aber etwas, was uns alle angeht, auch die, die keine Pornos konsumieren und auch keine Pornos herstellen. Und wenn es ganz explizit um Jugendliche geht, dann ist unser Ansatz immer, denen die Möglichkeit zu geben, das Gesehene einzuordnen. Und wir plädieren dafür, die Fragen, die dann aufkommen, zu beantworten. Das ist das Wichtige dann an der Stelle, weil die Menschen sind nicht automatisch traumatisiert, nur weil sie einmal einen Pornofilm gesehen haben. Das, was wirklich schädlich ist, ist Schweigen.“

Masturbation, Fantasien und die eigene Sexualität

Sexualpädagoge Schulz sagt, dass es schon Unterschiede gebe zwischen Masturbation bei heterosexuellen Männern, homosexuellen Männern oder Frauen, etwa in der Häufigkeit, der gesellschaftlichen Akzeptanz oder der Bedeutung für das Individuum. Männer stehen in Umfragen meist deutlicher und in größerer Zahl zu ihrem Masturbationsverhalten, Frauen sind vorsichtiger. Bei trans Personen steht im Vordergrund, in welcher Phase ihrer Transition sie sich befinden. Unzufriedenheit mit den Genitalien führe dazu, dass manche trans Personen auf Masturbation verzichten – zumindest vorübergehend, so berichten einige Sexualforschende. Die Studienlage ist an diesem Punkt aber noch recht dünn.    

Festzuhalten bleibt: Masturbation ist immer auch eine Auseinandersetzung mit den eigenen Fantasien. In manchen streng reglementierten Partnerschaften komme es sogar zu Eifersuchtsszenen, wenn ein*e Partner*in onaniert, vielleicht sogar, während er oder sie einen Porno schaut, erzählt Sexualpädagoge David Schulz.  Sicher ist auch ein Thema, dass junge Erwachsene manchmal lieber solo bleiben, und sich bei der Masturbation ihren Sexualfantasien hingeben – denn die kann man sich so am besten vorstellen, ohne auf mögliche Wünsche des Gegenübers eingehen zu müssen.  „Corona hat im Sozial- und Sexualverhalten vieles da auch zurückgeworfen“, meint Schulz.

Warum Masturbation mehr mit Freiheit zu tun hat als mit Schuld

Die Geschichte der Masturbation ist, bei näherer Betrachtung, auch eine Geschichte der Angst. Angst vor dem unkontrollierbaren Körper, vor der Autonomie des Individuums, vor der Phantasie als subversiver Kraft, vor dem Verlust – von Energie, von Sperma, von Gottesgnade, von gesellschaftlicher Kontrolle. Zu allen Zeiten projizierte die Gesellschaft ihre tiefsten Ängste auf diesen privaten Akt.   Was sich änderte, war nicht der Akt selbst. Er blieb, was er immer war: eine fundamentale Erfahrung des menschlichen Körpers, tief verankert in unserer Natur. Was sich änderte, war die Bedeutung, die eine Gesellschaft diesem Akt zuschrieb – und damit die Macht, die sie über diejenigen gewinnen konnte, die ihn vollzogen.

Die Idee der Masturbation als Laster, als Krankheit, als Sucht oder als Sünde war stets auch eine Konstruktion von Schuld – und Schuld ist eines der wirksamsten Instrumente sozialer Kontrolle, das Kulturen kennen.  Dass die Medizin und Psychologie diese Schuld schon seit längerem für unbegründet erklären, ist ein erheblicher zivilisatorischer Fortschritt. Dass Scham, Tabu und Fehlinformation dennoch weltweit und auch in westlichen Gesellschaften weiterbestehen, zeigt, wie tief kulturelle Prägungen sitzen – und wie langsam sich selbst jene Überzeugungen ändern, für die die Wissenschaft längst klare Antworten gefunden hat.

Doch die Geschichte der Masturbation ist noch nicht abgeschlossen. Sie wird in Schulen weitergeschrieben, in Therapieräumen, in Online-Foren, in religiösen Gemeinschaften und in den stillen Auseinandersetzungen, die jeder Mensch mit seinem eigenen Körper führt. Und, so Sexualpädagoge Schulz, auch das müsse man erwähnen, es gibt natürlich auch immer ein „Zuviel“ von etwas, auch von Masturbation. So lange es aber nicht zu körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen komme, soll jeder und jede sein und ihr eigenes Ding machen.  Dazu ist die Geschichte der Tabuisierung und der Verbote zu lang, als dass die Menschen sich heute einschränken sollten – so die einhellige Meinung vieler Sexualforschenden.