Ist Gleitgel für’n Arsch?

Verkehrte Welt: Analverkehr mit Gleitgel erhöhe das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, stand in letzter Zeit in manchem Online-Medium zu lesen. Die Geschichte einer Falschmeldung. Und die Fakten. 

Foto: Marco Barnebeck/www.pixelio.de

Man muss Epidemiologen und Mikrobiologen einfach lieb haben. Jahrelang betreiben sie Studien und werten fleißig Unmengen von Daten aus. Da ist es nur verständlich, dass die Jungs und Mädels im Anschluss auch mal wieder an die Sonne möchten. Dabei soll sich die Mühe natürlich gelohnt haben – und zum Beispiel ein anständiges Medienecho hervorrufen. 

Am 23. Mai 2010, während der „Internationalen Konferenz für Mikrobizide“, gaben deswegen drei Wissenschaftler eine Pressemitteilung heraus. Dr. Pamina Gorbach, Charlene Dezzutti und Kenneth Mayer machten darin das Ergebnis einer Studie mit knapp 1.000 Teilnehmern bekannt. Kurz darauf berichteten Medien: Die Verwendung von Gleitgel beim Analverkehr erhöhe das Risiko, sich mit HIV zu infizieren. 

 Und das, obwohl doch zu den Safer-Sex-Regeln schon immer der Hinweis gehört: „Ausreichend Gleitgel verwenden!“ Damit stand plötzlich eine Grundsatzfrage im Raum: Ist Gleitgel für’n Arsch? 

Nun muss man Wissenschaftlern eines zugutehalten: Sie schauen meist genauer hin als Journalisten. Was also hat die Studie tatsächlich ergeben? 

Das Ergebnis lautet: Nach Berücksichtigung solcher Faktoren wie Alter, Geschlecht, Herkunft und sexueller Orientierung, KANN es sein, dass die Benutzung bestimmter Gleitmittel bei ungeschütztem Analverkehr, die WAHRSCHEINLICHKEIT erhöht, sich mit einer Geschlechtskrankheit anzustecken, die von Bakterien oder Viren verursacht wird. Es sei MÖGLICH, dass die Inhaltsstoffe der Gleitmittel die Zellen der oberen Darmschutzschicht abtöten und so eine Infektion erleichtern. Jedenfalls hätten ähnliche Substanzen IM LABOR solche Zellen abgetötet. SOLLTE das alles so sein, liege die Infektionsgefahr beim UNGESCHÜTZTEN Analverkehr mit Gleitgel ungefähr dreimal höher als ohne Gleitmittel. 

Die Wissenschaftler schränkten die Ergebnisse sogar selber noch ein: Um sie zu verallgemeinern, sei die Zahl der Studienteilnehmer zu klein, ihre Herkunft nicht vielfältig genug, die Anzahl der getesteten Gleitmittel zu gering und die Beobachtungen nicht langfristig genug. Es gebe aber eine Tendenz, die weitere Studien mehr als rechtfertigen würde. Mit einem solchen Satz enden viele Auswertungen von Studien. 

 

In manchen Internetmedien war trotzdem bald zu lesen, dass die Verwendung von Gleitmittel die Infektionsgefahr bei Analverkehr deutlich erhöhe. Durch einen Verständnis- und Übersetzungsfehler war in deutschen Medien auch von einem 20-mal höheren Risiko die Rede. Dabei besagte der erste Satz der Pressemitteilung nur, das Infektionsrisiko sei bei ungeschütztem Analverkehr 20-mal höher als bei ungeschütztem Vaginalverkehr. 

Wie das so ist in Zeiten des Internets: Die Falschmeldungen multiplizierten sich und bald wurde auch in der Szene heftig darüber diskutiert, ob Spucke und ein Gebet zur Abendstunde nicht doch der bessere Schutz sei als Gleitgel. 

Kurz gesagt: Nein, definitiv nicht. Der allergrößte Anteil von Analverkehr unter Männern findet nämlich mit Kondom statt. Dabei ist Gleitgel unerlässlich, weil das Gummi ohne viel leichter kaputt geht. Gummifetzen am Schwanz sehen erstens nie gut aus, und beschädigen zweitens den Darm des Partners deutlich mehr als jedes Gleitgel – und erhöhen so das Infektionsrisiko. Mal abgesehen davon, dass das Kondom dann natürlich keine Schutzwirkung mehr hat. Deswegen gilt weiterhin: Beim Analverkehr mit Kondom gehört Gleitgel dazu! 

Beim Analverkehr ohne Kondom besteht ohnehin ein hohes Risiko, wenn man den HIV-Status des Partners nicht kennt. Da ist die Frage nach dem Gleitgel zweitrangig. 

Als Entwarnung lässt sich auch eine Studie der Stiftung Warentest lesen, die im Jahr 2007 die meisten der in Deutschland erhältlichen Gleitmittel auf Haut- und Schleimhautverträglichkeit testete. Fast alle schnitten mit „Sehr gut“ oder „gut“ ab. 

Den meisten ungeschützten Analverkehr haben übrigens heterosexuelle Frauen: In den Industrienationen lassen immerhin 15 Prozent aller Frauen zwischen 15 und 55 ihre Besucher auch gern mal hinten rein. Zwar kennen auch sie offensichtlich den Sommerhit von Berlins Dragsuperstar Nina Queer mit dem schönen Titel „Ficki Ficki, Aua Aua“ und benutzen deshalb dabei ein Gleitmittel. Allerdings in weniger als zehn Prozent der Fälle in Kombination mit einem Kondom.               

Auch Heteros wollen, dass es flutscht.

Und noch eine interessante Info am Rande: Das meiste Gleitgel kaufen in deutschen Apotheken, Drogerien und Sexshops Frauen über 50. Das hat aber mit Analverkehr wenig zu tun, selbst wenn sie interessierte Partner oder schwule Söhne haben. Die Damen möchten einfach, dass es auch nach den Wechseljahren noch flutscht. 

(Paul Schulz) 

Die Pressemitteilung der „International Microbicides Conference“ 

Bildquelle Männerhintern: www.pixelio.de

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