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Jung, schwul, positiv

Arif (29) hat sich frisch mit HIV infiziert. Über seinen Umgang mit der Diagnose, wie Freunde ihm halfen und wie das Virus sein Leben verändert hat, könnt ihr hier im Interview lesen.

An diesem Wochenende findet die Konferenz zum Leben mit HIV/ Aids „Positive Begegnungen“ in Wolfsburg statt. In Vorträgen und Workshops werden alle Facetten des Lebens mit HIV betrachtet und diskutiert. Mehr als 350 Teilnehmende erzählen ihre Geschichten, tauschen sich über ihre Biographien aus.

Auch Arifs (29)* Geschichte steht für den persönlichen Umgang mit HIV. Er arbeitet an einem Forschungsinstitut in Berlin. Im Frühjahr hat er seine HIV-Diagnose bekommen. Ein Gespräch darüber, wie das Leben mit HIV weitergeht.

Arif, wann hast du erfahren, dass du positiv bist?

Im Februar 2012. Im Januar bin ich krank geworden. Ich hatte immer geschützten Sex. Nur einmal nicht, das war im letzten Sommer. Damals habe ich mir gedacht: Entweder habe ich Glück oder Pech. Als ich krank wurde, dachte ich erst, es sei eine normale Erkältung, damals war ja Winter. Aber dann kamen die anderen Symptome dazu.

Welche?

Nachtschweiß zum Beispiel. Das hatte ich noch nie zuvor in meinem Leben. Ich musste jede Nacht um drei Uhr aufstehen und die Bettwäsche wechseln. Da war mir klar, dass irgendwas anders war. Ich habe darüber mit einem Freund gesprochen, der selbst positiv ist. Der hat große Augen gemacht und meinte, ich solle mich unbedingt testen lassen. Dann habe ich die Untersuchung machen lassen.

Mit welchem Gefühl bist du zum Test gegangen?

Das war unangenehm. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich habe mir gedacht, eine Infektion ist schon sehr unwahrscheinlich. Ausgerechnet beim einzigen Mal ohne Kondom sollte es passiert sein? Man beginnt damit, nach anderen Gründen zu suchen. Ich habe mir aber auch die Frage gestellt: Was würde ich machen, wenn der Test positiv ausfällt? Zwischen diesen beiden Fragen hin- und herschwingend bin ich zum Arzt.

Wie hast du dich nach der Diagnose gefühlt?

Eigentlich sollte meine Schwester mit dabei sein. Aber sie wohnt weiter weg und konnte nicht. Deshalb bin ich allein zum Arzt. Der hat mir dann gesagt, er habe leider eine schlechte Nachricht. Für mich war das aber kein Weltuntergang. Durch meinen positiven Freund wusste ich, dass es dieses 90er-Jahre-HIV nicht mehr gibt. Es war trotzdem unangenehm. Und natürlich hab ich mich gefragt: Warum nur ist das ausgerechnet mir passiert?

Wie hat HIV dein Leben verändert?

Ich arbeite an der Uni. Dort konzentriere ich mich jetzt auf eine sehr spezielle Frage und versuche dazu eine Forschungsgruppe zu finden. Das Thema ist sehr speziell und gehört nicht zu den großen, gut bezahlten Themen. Aber mir gefällt es.

Hättest du das sonst anders gemacht?

Nicht unbedingt. Aber dann hätte ich immer Angst gehabt: Vielleicht solltest du doch in ein Versicherungsunternehmen gehen und 80 Stunden pro Woche arbeiten? Wenn ich das machen würde, käme nach paar Jahren der Zusammenbruch. Aber vor der Diagnose war ich unschlüssig. Nun weiß ich ganz sicher: So ein Versicherungsjob wäre nicht gut für mein Immunsystem – 80 Stunden arbeiten, nur um den Chef glücklich zu machen.

Bist du an deinem Arbeitsplatz als positiv geoutet?

Nein, ich möchte auch nicht, dass sich das rumspricht. Die Leute sind noch nicht genügend aufgeklärt. Außerdem begegnet mir an der Uni oft Leistungsdruck. Und wenn man chronisch krank ist, gilt man nicht mehr als voll leistungsfähig. Ich glaube sogar, dass die Leute dort eine Korrelation von HIV und sozialem Hintergrund sehen. Sie würden sich dann sofort denken, dass ich nicht mehr so ganz dazu gehöre.

Was hat sich in deinem Privatleben verändert?

In den ersten Monaten nach der Diagnose wollte ich nicht alleine sein. Deshalb habe ich oft bei Freunden übernachtet. Die haben sich gewundert, aber keine Fragen gestellt. Dann haben wir abends immer DVD zusammen geschaut und viele Gespräche geführt. Dadurch sind in den letzten Monaten sehr intensive Freundschaften entstanden. Inzwischen wird es mir fast zu viel. (lacht)

Achtest du auf deine Ernährung?

Ja, sehr genau sogar. Ich esse nun zweimal die Woche Fisch, viel Obst und Gemüse. Meine Viruslast-Werte waren von Anfang an sehr gut. Bei der zweiten Untersuchung im Mai sind die Werte sogar gesunken. Mein Körper macht das erst einmal allein. Ob das jetzt an der gesünderen Ernährung liegt? Ich weiß es nicht. Was ich noch mehr machen muss: schlafen! Und Sport. Das ist die nächste Baustelle.

Hast du mit deinem Arzt schon über die Therapie gesprochen?

Ja, er beobachtet das langfristig. Irgendwann wird die Zeit kommen. Aber er hat mir erklärt, dass die Medikamente dann individuell angepasst werden. Wir haben auch schon einen Gentest gemacht, um zu prüfen, welche Wirkstoffe für mich in Frage kommen. Bei mir sind das zum Glück alle. Das war sehr viel Information für den Anfang. Ich lass das jetzt auf mich zukommen.

Hattest du Sex seit der Diagnose?

Ja, aber sehr lustlos. Vielleicht weil ich mich für eine Gefahr halte? Ich kann nicht richtig abschalten. Vielleicht kommt das mit einem neuen Partner wieder zurück.

Was stört dich am meisten an HIV?

Vielleicht die Tatsache, dass der Traum, einen Partner zu finden, etwas eingeschränkt ist.

Behindert HIV die Suche nach der großen Liebe?

Ich glaube Berlin ist die größere Behinderung. (lacht) Die Großstadt lässt die Leute nicht zur Ruhe kommen, sie sind ständig auf der Suche. Davon abgesehen: Es gibt so viele Momente, wo ich unterwegs bin und jemanden kennenlerne und große Sympathie entsteht. Aber ich habe eine Bremse in mir und denke: Am Ende wird es dir nur leidtun. Es wäre sehr traurig, wenn die Beziehung dann an HIV scheitern würde. Manchmal denke ich, am besten wäre ein positiver Partner. Das macht die Sache einfacher. Dann könnte ich wohl in einen Zustand kommen, in dem HIV für mich nicht mehr existiert. Dann wäre ich wieder ganz befreit. Aber vielleicht ist das alles noch zu neu, zu früh für mich.

Weißt du, wo du dich angesteckt haben könntest?

Ja, ich weiß es recht sicher. Wir hatten eine Affäre, letzten Sommer. Und er war … naiv. Einmal an einem schönen Sommerabend hatten wir spontan Sex, aber es war kein Kondom da. Da muss es passiert sein. Sonst habe ich mich immer geschützt. Danach ging auch die Affäre zu Ende. Aber das ist ein Thema, das einem rein gar nichts bringt. Deshalb vermeide ich die Erinnerung daran. Das Gute ist: Ich bin schuld an der Infektion. Ich glaube, man kann gut verzeihen, wenn man sich selbst etwas angetan hat. Aber wenn ich einen anderen anstecken würde, könnte ich damit nur schwer klarkommen.

Hast du schon einmal geweint wegen deiner Infektion?

Nein, ich bin eher der Verdränger-Typ. Aus mir kommen keine Tränen raus. Aber manchmal habe ich über die Infektion geschrieben. Dafür habe ich ein wunderschönes Heft mit Ledereinband. In das habe ich meine Gedanken reingeschrieben, vor allem an den Abenden, an denen es mir schlecht ging. Das habe ich auch zu anderen Anlässen schon gemacht. Ich finde es immer faszinierend, nach einigen Jahren nochmal nachzulesen, was man früher gedacht und gefühlt hat.

*Name geändert

Von Philip Eicker

Jahrgang 1977, arbeitet freiberuflich als Autor und Magazinredakteur, unter anderem für die Deutsche Aidshilfe, das Erzbistum Berlin und das queere Stadtmagazin Siegessaeule.