„Du bist wichtig in meinem Leben“

Der 10. September ist Welt-Suizid-Präventionstag. Allein in Deutschland nehmen sich jedes Jahr rund 10.000 Menschen das Leben. Schwule sind besonders gefährdet. Über Gründe und Gegenmaßnahmen hat Kriss Rudolph mit Ulrich Biechele gesprochen, Mitglied im Vorstand des Verbands Lesbischer Psychologinnen und schwuler Psychologen (VLSP) und Geschäftsführer der Psychologischen Lesben- und Schwulenberatung Rhein-Neckar (plus-mannheim.de):

Ulrich Biechele vom Verband lesbischer Psychologinnen und schwuler Psychologen (Foto: Biechele)
Ulrich Biechele vom Verband lesbischer Psychologinnen und schwuler Psychologen (Foto: Biechele)
Herr Biechele, im Jahr 2000 sorgte eine Berliner Studie unter schwulen Jugendlichen für Aufsehen: 18 % hatten mindestens einen Suizidversuch hinter sich, über die Hälfte hatte schon mal an Suizid gedacht. Hat sich seitdem etwas gebessert?

Leider nicht. Laut einer Studie des österreichischen Psychologen Martin Plöderl aus dem Jahr 2009 sind Suizidalität und Depression bei Schwulen und Bisexuellen 1,9 bis 8,2 Mal so häufig wie bei heterosexuellen Männern, und nach wie vor sind junge Schwule stärker gefährdet als gleichaltrige Heterosexuelle.

Welche Sorgen bewegen junge Schwule, die sich mit Selbstmordgedanken befassen?

Ganz oft herrscht der Gedanke vor: Ich bin nutzlos und für andere eine Belastung. Meiner Familie und meinen Freunden bereite ich nur Sorgen. Natürlich spielen auch Gewalt und Ausgrenzung eine Rolle. In der Schule geht man oft grob miteinander um, da entstehen schwere Verletzungen. „Schwul“ ist immer noch das beliebteste Schimpfwort – alles, was schlecht ist, ist „schwul“. Homosexuellen wird eingeimpft, dass sie eine sexuelle Identität „zweiter Klasse“ haben. Wir nennen das „Homonegativität“. Bekannter ist der Begriff „Homophobie", also „krankhafte Angst vor Homosexuellen“. Aber dieser Begriff erfasst das Ausmaß der Abwertung und Gewalt gegen Lesben und Schwule nicht. Wenn die anderen bloß Angst vor Homosexualität hätten, wäre es für Schwule schließlich nicht so schlimm. Das Bild der Minderwertigkeit setzt sich in der Seele fest, und mit dieser verinnerlichten Homonegativität müssen sich Schwule lebenslang auseinandersetzen. In Krisensituationen können das Selbstwertgefühl und die seelische Stabilität dadurch massiv erschüttert werden – trotz aller Liberalisierung.

Was können Sie dagegen tun?

Bei der Arbeit in der Beratungsstelle helfen wir den jungen Menschen, Zugang zu einer Bezugsgruppe herzustellen. Wir haben in Mannheim drei Gruppen, zwei davon für Jungs, eine für Mädchen. Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, in der ich mich wohlfühle, ist extrem wichtig. Wenn jemand noch keine 16 ist und die Eltern den Besuch solcher Gruppen verbieten, wird es allerdings schwierig. Dann gilt es, Unterstützungsmöglichkeiten zu schaffen. Vielleicht findet sich in der Familie jemand, mit dem der Jugendliche reden kann. Oder es gibt einen Lehrer, dem er sich anvertrauen kann. Und wir reden mit den Jugendlichen über hilfreiche Internetseiten wie www.dbna.de (Du bist nicht allein) für Jungs zwischen 14 und 27, die hier chatten und sich kennenlernen können.

Und wenn ein junger Mensch bereits suizidale Tendenzen hat?

Bei einer behandlungsbedürftigen Depression schauen wir, welche Möglichkeiten es gibt, sei es ambulant oder stationär. Junge Homosexuelle, die eine Schwulenberatung in der Stadt haben, bekommen dort Adressen von guten Therapeuten; gegebenenfalls findet sogar eine Zusammenarbeit statt. Wer nicht das Glück hat, auf eine Schwulenberatung in seiner Stadt zurückgreifen zu können, kann eine Therapieanfrage an den VLSP stellen. Leider gibt es aber auf der Landkarte noch einige weiße Flecken, vor allem in ländlichen Gebieten im Osten und Südosten.

Dabei ist ein Coming-out auf dem Land doch sicher belastender als in einer Großstadt?

Es gibt drei günstige, schützende Faktoren, wenn ein junger Mensch merkt, dass er homosexuell ist: Neben der familiären Bindung sind das der Kontakt zu einer Bezugsgruppe und eine glückliche Partnerschaft. Auf dem Land ist es schwierig für Schwule, Kontakte zu einer Bezugsgruppe herzustellen. In der Stadt stehen zwar andere Ressourcen zur Verfügung, andererseits gibt es dort aber auch andere Gefährdungen. Auf dem platten Land wiederum gibt es viele tolle Familien: Wir hatten in einer Junglesben-Gruppe mal ein Mädchen aus der tiefsten Pfalz, die wohnte 50 Kilometer weit weg. Die hatte aber einen tollen Onkel, der hat sie regelmäßig zur Gruppe gefahren.

Welche Warnzeichen für Depressionen und Suizidalität gibt es?

Typische Anzeichen der Depression sind Niedergeschlagenheit und gedrückte Stimmung. Wenn jemand die Spannkraft und Energie nicht mehr hat, wie man sie vielleicht sonst von ihm kennt. Er zieht sich zurück, hat auf nichts mehr Lust. Wenn er Dinge äußert wie: Es hat keinen Sinn. Ich weiß nicht, wie ich die Zukunft ertragen soll. Menschen mit Selbstmordgedanken drücken sie meist in irgendeiner Form aus, wobei die Mehrheit der Suizid-Gefährdeten gar nicht unbedingt sterben will.

Wie können Freunde oder Angehörige helfen, wenn sie solche Symptome beobachten?

Man sollte den betreffenden Menschen ruhig ansprechen. Fragen, was los ist. Aber ihm auf keinen Fall ein schlechtes Gewissen machen nach dem Motto: Stell dich nicht so an! Man kann ihm sagen: Du bist wertvoll in meinem Leben. Lass uns überlegen, was wir tun können oder wie du dir helfen lassen kannst. Und man kann sich immer auch an Jugendberatungsstellen wenden, wenn es keine speziellen Beratungs- oder Hilfsangebote gibt oder man sich nicht an sie wenden mag.

Und was kann man in Sachen Prävention tun, etwa in den Schulen?

Bei der Suizidprävention wird immer noch zu wenig auf die sexuelle Orientierung geachtet. Dabei besteht nach wie vor für Heranwachsende aufgrund ihres Coming-outs eine große seelische Belastung – von einer Normalisierung sind wir weit entfernt.

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