„Hinterfragen wird oft als lustfeindlich wahrgenommen“

 Michael Münsterjohann von der Berliner Schwulenberatung (Foto: Schwulenberatung)
Michael Münsterjohann von der Berliner Schwulenberatung (Foto: Schwulenberatung)
Michael Münsterjohann leitet bei der Berliner Schwulenberatung mit zwei Kollegen die Therapiegruppen für Suchtkranke. Kriss Rudolph hat mit ihm über das Drogenverhalten bei Partys und die damit verbundenen Gefahren gesprochen.

Von Alkohol abgesehen, welche Drogen werden bevorzugt im schwulen Berliner Partyleben konsumiert?

Wie ich aus der Beratung weiß, ist Kokain nach wie vor gefragt, genauso wie Speed. Ecstasy ist meiner Einschätzung nach momentan eher weniger im Umlauf. Besonders beliebt im Sexbereich ist zum einen Crystal Meth – diese Droge sorgt erst mal für Ausdauer und Höchstleistungen; wenn sie dann abklingt, wirkt sie sexuell stimulierend. Seit einiger Zeit wird auf Sexpartys auch GHB bzw. Liquid Ecstasy genommen – ich hatte vor vier Jahren den ersten Fall hier – und Ketamin. Es hat halt jede Droge ihre Zeit: Früher nahm man LSD zur Bewusstseinsveränderung. Dann waren eine Zeit lang hauptsächlich Wohlfühldrogen angesagt bzw. Kontaktdrogen, die Hemmungen auflösen. Jetzt suchen viele nach Mitteln wie GHB oder Crystal Meth, die die Leistungsfähigkeit steigern, damit man beim Sex oder beim Feiern länger durchhält. Immer höher, toller, schneller. Das ist der Zeitgeist, und Schwule leben davon ja nicht losgelöst. Unterm Strich sind es also Drogen, die mich ausdauernder und schmerzunempfindlicher machen, wenn ich sie nehme. Aber auch kontaktfreudiger und sexuell stimulierter.

Wie wirken diese Drogen genau?

Crystal Meth beispielsweise wirkt zunächst stimulierend, wird gerne auf Partys konsumiert, in Clubs oder auf einem Rave, aber bei längerem Konsum hoher Dosen zerstört es den Körper, führt zum Beispiel zu Hirnschäden oder zum Zahnverlust. GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure) wirkt in geringen Dosen aufputschend – außerdem lässt es Hemmschwellen fallen und bewirkt eine sexuelle Stimulation. Ketamin ist eigentlich ein Schmerz- und Narkosemittel, das sich aber problemlos im Internet bestellen lässt. Weil es schmerzlindernd wirkt, ist es bei bestimmten Praktiken willkommen, vor allem in der S/M-Szene.

Was muss man beim Konsum dieser Drogen beachten?

Es kommt natürlich immer darauf an, wer wann was in welcher Menge nimmt. Wer Drogen wie GHB regelmäßig nimmt, hat hoffentlich ein Gefühl dafür, wie viel er verträgt – das hängt ja auch von der jeweiligen Gefühlslage und Tagesform ab. Wenn man das einschätzen kann – gut. Wenn nicht, landet man oft in der Notaufnahme im Krankenhaus. Neulich hatte ich einen Klienten hier: Er war in einer fremden Wohnung aufgewacht und wusste nicht, was passiert ist. Er hatte sich für eine S/M-Session verabredet und GHB genommen. Wenn man zu viel nimmt, kann das zum Filmriss führen. Darum wusste er auch nicht: War das jetzt safe, was letzte Nacht gelaufen ist, oder nicht? Hier gibt es also erhebliche gesundheitliche Risiken.

Was kann noch passieren?

Riskant wird es, wenn man eine Droge wie GHB mit Alkohol kombiniert oder mit Opiaten. Auch wenn man Medikamente einnimmt, etwa im Rahmen einer HIV-Therapie oder seien es Antihistaminika bei Allergikern, muss man ganz vorsichtig sein: Da besteht die Gefahr von schweren Kreislaufkomplikationen bis hin zum Atemstillstand. Was man bei Ketamin beispielsweise wissen muss: Aufgrund der Schmerzunempfindlichkeit, die diese Droge bewirkt, besteht gleichzeitig eine erhöhte Verletzungsgefahr. Das lässt sich aber für alle Substanzen sehr gut auf der Seite www.drugscouts.de nachlesen.

Wie steht es mit der Abhängigkeit bei diesen Drogen?

Bei GHB kann sich nach längerem und hoch dosiertem Konsum eine psychische, vielleicht auch eine körperliche Abhängigkeit einstellen. Dann hält die Droge auch Einzug in den Alltag: Man nimmt es beispielsweise auch bei der Arbeit, um die Entzugserscheinungen zu überspielen. Von diesen Entzugserscheinungen berichten uns viele Männer, die zu uns in die Beratung kommen. Ketamin kann zu schleichender Abhängigkeit führen, allerdings eher auf psychischer Ebene. Und bei Crystal Meth ist ja bekannt: Es entfaltet eine starke Wirkung und macht sehr schnell abhängig. In den USA ist Crack ein großes Thema, hier taucht es aber zum Glück nur sehr punktuell auf.

Per se würdest du vor diesen Drogen aber nicht warnen?

Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, Räusche zu erleben, Hemmungen oder Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden. Wichtig ist aber, dass man sich gut informiert, was man nimmt und wo die Gefahren lauern. GHB oder Ketamin sind beispielsweise nicht immer leicht zu dosieren – die Gefahr einer Überdosierung ist hoch. Dazu muss man die Toleranzentwicklung beachten: Wo wirkt es noch, wo  brauche ich immer mehr? Ich weiß, dieses Hinterfragen wird oft als lustfeindlich wahrgenommen. Man will sich doch unbedingt fallen lassen, das passt nicht zusammen. Viele haben ja auch ihre sämtlichen Freunde auf den Partys – es dreht sich alles immer nur ums Wochenende. Da ist es eine große Herausforderung, zu entscheiden: Will ich, ohne selber drauf zu sein, zusehen, wie die anderen drauf sind? Oder gehe ich gar nicht mehr hin? Dann verliere ich aber diese Kontakte. Wenn man jedes Wochenende durchfeiert und Drogen einwirft, aber montags oder dienstags immer noch auf der Arbeit durchhängt, dann sollte man allerdings wissen: Das macht kein Chef lange mit.

Sind Drogen beim Feiern wichtiger geworden?

Für die Besucher von öffentlichen wie von Sexpartys gehören Drogen dazu. Mein subjektiver Eindruck ist: Das hat zugenommen. Drogen sind gesellschaftsfähig und akzeptiert. Es gilt aber, eine Haltung dazu zu entwickeln. Wir stellen hier in der Beratung oft fest: Viele Leute hatten noch nie Sexualität mit anderen, ohne dabei Suchtmittel zu nehmen. Da stellt sich dann die Frage, auch hier in der Therapie: Was fällt daran so schwer, jemand anderem mit klarem Kopf und in Echtzeit zu begegnen? Aber wer zu uns kommt, ist ja meist einen Schritt weiter. Da ist der Drogenkonsum oft schon zum Problem geworden. Die Angst ist dann sehr groß, nicht leistungsfähig zu sein, nicht lange genug durchzuhalten ohne den Stoff. Da lauert aber noch eine Gefahr: Gerade junge Schwule, die zu uns kommen mit einer frischen HIV-Diagnose, haben sich häufig in einem Drogenzusammenhang infiziert.

Sind es grundsätzlich auch eher junge Schwule, die diese Drogen nehmen?

Die Jungen sind auf jeden Fall experimentierfreudiger, aber ansonsten werden Drogen in allen Altersschichten konsumiert. Wir Schwule gelten als Trendsetter, und das sind wir im Bereich Drogen auf jeden Fall. Wir probieren gerne Neues aus.

Wie könnt ihr Klienten mit schweren Drogenproblemen helfen?

Wir haben etwa 2.000 Kontakte im Jahr. In der Schwulenberatung gibt es Therapiegruppen sowie die Möglichkeit für Einzelgespräche. Wir können auch Kontakte in Kliniken vermitteln. Die meisten, die zu uns kommen, haben ein einschneidendes Erlebnis hinter sich: Sie haben wegen ihres Drogenkonsums den Job verloren, leiden unter Depressionen, landen regelmäßig im Krankenhaus und stellen fest: Sie haben es nicht mehr im Griff. Wenn die Leute dann richtig fertig hierher kommen, denke ich oft: Was machen die Männer bloß mit sich?

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