„Weil´s richtig ist, dass ich es tue“

Moritz (25) ist seit Ende Oktober Botschafter der Welt-AIDS-Tag-Kampagne 2012 (Foto: BzgA)
Vor gut einem Jahr bekam Moritz (25) sein positives Testergebnis. Die Diagnose war ein Schock. Nach und nach vertraute er sich seiner Familie und Freunden an. Das half ihm, den Halt wieder zu finden.  Nun will der Wahl-Berliner gerade jungen positiven Menschen durch sein Engagement für die diesjährige  Welt-AIDS-Tag-Kampagne helfen und sie durch seine Geschichte unterstützen.

Seit Ende Oktober steht der angehende Germanist und Musikwissenschaftler mit den anderen Botschafter_innen im Mittelpunkt der Kampagne. Was hat er bisher erlebt, wieso engagiert er sich überhaupt und würde er es wieder tun?

Moritz, seit fünf Wochen bist du jetzt offizieller Botschafter der diesjährigen Welt-AIDS-Tag-Kampagne. Wie ist es dir in der ersten Zeit ergangen?

Sehr gut. Ich bereue meinen Entschluss überhaupt nicht, Teil der Kampagne zu sein. Natürlich weiß ich nicht, was vielleicht noch kommt. Viele aus meinem Umfeld haben natürlich mitbekommen, dass ich als Botschafter arbeite. Manche haben so auch erst erfahren, dass ich HIV-positiv bin. Die Reaktionen waren aber durchweg gut. Eine tolle Erfahrung!

Du bist auf der Kampagnen-Website als Botschafter und hast auch einen extra Facebook-Account. Auf Plakaten, die zum Beispiel an Bahnhöfen hängen, wolltest du aber nicht sein. Wieso hast Du dich dagegen entschieden?

Ich wollte mich für die Kampagne engagieren, aber nicht total im Fokus stehen. Das hatte für mich auch familiäre Gründe. Meine Familie lebt in einer Kleinstadt und ich wollte nicht, dass sie da vielleicht ständig auf ihren Sohn angesprochen werden und erklären müssen. Denn es ist ja meine Entscheidung, in die Öffentlichkeit zu treten. Mir war es wichtig, meine Familie da raus zu halten.

Na, so ganz geklappt hat das ja nicht…

(lacht) Nein. Es gab da so einen Bericht über die Kampagne bei Punkt 12 auf RTL. Da war dann auch ich für drei Sekunden zu sehen. Dadurch haben das natürlich noch mal mehr Leute mitbekommen. Zum Beispiel Kollegen im Betrieb, in dem ich nebenbei jobbe. Die haben mich dann darauf angesprochen. Genauso auch mein Chef. Da ich keine Lust hatte, dass vielleicht hinter meinen Rücken getratscht wird, habe ich mich dann innerhalb von drei Tagen komplett im Betrieb geoutet. Das war ganz schön anstrengend. Da ich die Leute nicht so gut kenne, wie Freunde oder die Familie, konnte ich die Reaktionen nicht abschätzen. Aber sie haben wirklich alle richtig geil reagiert. Es gab keine Berührungsängste. Im Gegenteil: Da war auch viel Anerkennung für das, was ich in der Kampagne tue.  Also, im Nachhinein muss ich fast sagen, dass ich blöd war, dass ich mich nicht auch auf Plakate hab drucken lassen (lacht).

Wieso hast du dich überhaupt dazu entschlossen, mit deinem Gesicht und deiner Geschichte für die Kampagne einzutreten?

Weils richtig ist, dass ich es tue. Ganz einfach. Es ist richtig, dass es jemand tut. Ich glaube, es gibt auch nicht so viele, die in der Situation sind, dass sie es tun können. Einfach, weil das soziale Umfeld es nicht mitmachen würde. Oder weil der Freundeskreis nicht stabil genug ist. Oder die Familie sie nicht unterstützen würde. Ich habe das große Glück, dass mich alle in meinem Umfeld unterstüzen.

Familie und Freunde sind das eine. Aber welche Reaktionen bekommst du von fremden Menschen? Zum Beispiel bei Facebook…

Auf Facebook ging bisher noch nicht viel. Es kamen nur wenige Messages. Und da war auch nichts Negatives dabei.

Wünscht du dir mehr Reaktionen?

Ja. Ich denke auch, dass da noch mehr kommen wird.  Die meisten Interviews mit mir wurden ja noch gar nicht veröffentlicht. Und der Kampagnenhöhepunkt kommt erst noch. Ich glaube, da kommt dann noch mehr.

Vielleicht fragt ja auch ein Fernsehsender an. Würdest du nach deinen positiven Erfahrungen jetzt soweit in die Öffentlichkeit gehen?

Na, wenn SternTV kommen würde, würde ich nicht zögern (lacht). Vor dem Start der Kampagne hätte ich das wohl abgelehnt. Heute würde ich das machen. Auch weil man so einfach viele Menschen erreichen kann.

Was wünscht du dir, was in der Öffentlichkeit von dir und der Kampagne hängen bleibt?

Dass Berührungsängste abgebaut werden, weil es einfach keinen Grund dazu gibt. Ich kann einen HIV-Positiven berühren, umarmen, küssen, wie jeden anderen Menschen auch. An der Arbeit gibt es keinen Grund vorsichtig oder zurückhaltend mit einem HIV-positiven Menschen umzugehen. Dazu muss sich sicherlich auch das Bild von HIV und AIDS in der Gesellschaft ändern. Weg vom „alten tödlichen“ AIDS, hin zu einer chronischen Erkrankung, mit der ich heute ohne große Einschränkungen gut leben kann. Mir ist besonders wichtig, dass junge Menschen, die selbst betroffen sind, nicht den Kopf in den Sand stecken. Klar,  ist es scheiße, wenn es passiert ist und du es hast. Das ist gerade psychisch erstmal schwer zu verarbeiten. Aber dann muss das eigene Leben auch wieder weiter gehen. Denn es lohnt sich.

Was ist dein ganz persönlicher Erfolg in der Kampagne?

Dadurch das mich Kollegen, Bekannte und Freunde im Internet oder eben in diesem RTL-Bericht gesehen und erfahren haben, dass ich positiv bin, habe ich mit 30 oder 40 Leuten über dieses Thema geredet.  Diese 30, 40 Personen konnte ich erreichen und sie haben jetzt vielleicht eine andere Sicht auf das ganze Thema HIV und Berührungsängste sind weniger geworden. Allein dadurch, dass wir uns besser kennen gelernt und miteinander geredet haben. Ich glaube, allein durch diese Begegnungen habe ich schon viel erreicht. Und mal sehen, was in den kommenden Tagen der Kampagne noch alles passiert.

Interview: Tim Schomann

Hier geht es zur Website der Welt-AIDS-Tag-Kampagne

 

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