Die Sehnsucht nach Männlichkeit

Der Wunsch nach dem perfekten Body: Sportliches Ziel oder seelischer Stress? (Foto: R. B. / pixelio.de)

Ein Beitrag von Dr. Dirk Sander, Schwulenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe. (Redaktion: Tim Schomann)

Durchtrainiert, breites Kreuz, ausgeprägte Bauchmuskeln, starke Schultern: So wird uns in der Regel „der Mann“ in schwulen Magazinen gezeigt. Ganz gleich, ob es sich dabei um redaktionelle Beiträge oder Werbeanzeigen handelt. Diese Männer – meist in ihren Zwanzigern – sind erst mal schön anzusehen, sie vermitteln ein idealisierendes Bild von Männlichkeit, Kraft und Stärke. Warum ist dieses Bild von Männlichkeit so dominant? Was steckt dahinter und was können diese Bilder auslösen?

Das hat auf den ersten Blick scheinbar nichts mit einer Präventionskampagne wie ICH WEISS WAS ICH TU zu tun. Doch wenn man genau hinsieht, dann stellen sich einige Fragen zu unseren Haltungen und den Respekt untereinander in der so genannten schwulen oder queeren Community. Welche Auswirkungen können gegenseitige Ausgrenzung und Stigmatisierung auf unser gesundheitliches Wohlbefinden und unser sexuelles Schutzverhalten haben? Darüber wollen wir mit Euch ins Gespräch kommen!

„Tunten zwecklos“

Obwohl das Männerbild in schwulen Magazinen, aber auch auf so manchem CSD-Truck recht einheitlich daherkommt, geht es in der „queeren“ Szene bei Körperlichkeiten wesentlich vielfältiger zu: Dick und dünn, lang und kurz, alt und jung, behaarte Bären, proppere Kerle und schmale Hemdchen, mal mit eher weichlichen, mal mit markanten Zügen. Trotzdem scheinen die einer bestimmten Vorstellung von Männlichkeit entsprechenden Männerkörper viele zu faszinieren, sie sind Objekte des Begehrens. Männer, die eher effeminiert sind, also vermeintlich „weiblich“ daher kommen, werden auch schon mal gnadenlos als „zu schwul“ verspottet, oder mit dem Hinweis „Tunten zwecklos“ als Sexpartner auf Dating-Portalen im Internet abgelehnt. Ein von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im letzten Jahr in einer Präventionskampagne eingeführtes „weibliches“ Männermodell führte zu einem Entrüstungssturm in den schwulen sozialen Medien, das Modell wurde als „zu klischeehaft“ abgelehnt und letztlich aufgrund des vehementen „öffentlichen Drucks“ aus der Szene von der Gesundheitsagentur zurückgezogen.

„body image stress“: Der Stress mit dem eigenen Körper

Die Sehnsucht nach Männlichkeit ist anscheinend groß, und es wundert deshalb nicht, dass man unterschiedlichste Männertypen findet, die mit ihrem eigenen Körper unzufrieden sind und die viel dafür zu tun bereit sind, dem in den Magazinen dominierenden Bild des schwulen Archetypen zu entsprechen. Und es ist ja auch erst mal nichts Schlechtes dabei, auf seinen Körper zu achten, etwas Sport zu treiben, sich ausgewogen zu ernähren, um sich fit und attraktiv zu fühlen. Wissenschaftliche Studien aus den letzten Jahren stellen allerdings fest, dass Homosexuelle im Vergleich zu Heterosexuellen stärker unter einer Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Körper leiden. In einer britischen Studie zur Gesundheit von schwulen und bisexuellen Männern aus dem Jahr 2011 wurde hervorgehoben, dass fast die Hälfte der schwulen und bisexuellen Männer sich Sorgen um ihr Aussehen machen und sich darüber hinaus wünscht, sich weniger damit beschäftigen zu müssen. Zwanzig Prozent der Befragten störten sich an ihrem Gewicht oder ihrem Essverhalten. In einer weiteren aktuellen Studie stellt Christopher J. Hunt von der Universität Sydney fest, dass schwule Männer teilweise geradezu „aufgerieben“ werden zwischen den widersprüchlichen Vorstellungen von einem auf der einen Seite muskulösen und auf der anderen Seite schlanken Erscheinungsbild. Psychologen sprechen bei diesem Phänomen von „body image stress“ (Körperbildstress): Es bestehe ein Unterschied zwischen „normalem“ Körperbewusstsein und stresshaft erlebter Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Es lohne sich jedenfalls darüber nachzudenken, wie viel Sport und Ernährungskontrolle noch „gesund“ sei, und wann die Anstrengungen zur Erreichung eines fitten und attraktiven Körpers zu einer stresshaften und damit eher abträglichen Belastung wird.

In der Literatur lässt sich eine Reihe von theoretischen Überlegungen finden, warum gerade bei schwulen Männern die Sehnsucht nach einem männlich gestählten Körper so übermächtig werden kann. Zum einen seien es bestimmte Ängste von anderen als (zu) schwul ausgegrenzt zu werden, deshalb versuche man gerade besonders „männlich“ im herkömmlichen Sinn zu wirken; hier könnten auch gemachte negative Erfahrungen als Verstärker wirken. Auch die „Scham“ über die eigene Sexualität, die nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht, könne hier eine Rolle spielen. Vermutet wird auch, dass bei einigen die Vorstellung leitend sein könnte, mit einem besonders kraftvollen männlichen Körper gegen antischwule Gewaltattacken besser vorbereitet und geschützt zu sein; hier könnten auch gemachte Gewalterfahrungen verstärkend auf den Wunsch nach „Männlichkeit“ wirken. Solche Gewalterfahrungen sind im Übrigen ja nicht selten. Aus einer gerade veröffentlichten bundesdeutschen Erhebung von Michael Bochow und Kollegen geht hervor, dass ca. die Hälfte der Befragten schwulen und bisexuellen Männer Erfahrungen von verbaler und physischer Gewalt gemacht haben. Ein statistischer Wert, der sich übrigens in den letzten zwanzig Jahren nicht verändert hat!

Kaum emotionale Unterstützung und Geborgenheit in schwulen Szenen?

Eine weitere Vermutung für die Entstehung von „Körperbildstress“ ist, dass schwule Männer aufgrund von Ausgrenzungs- und Stigmatisierungserfahrungen in der Gesellschaft zu einem geringeren Selbstwertgefühl tendieren könnten, der Wunsch nach Formung eines „männlichen“ Körpers diene der Selbstwertstärkung. Weitere Überlegungen gehen davon aus, dass die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper auch, vielleicht als Wechselwirkung, aus den Erwartungen an bestimmte Körperideale aus den schwulen Szenen selber herrühren könnte. Phil Langer, Sozialpsychologe an der Universität Frankfurt, stellte in seiner Interviewstudie von 2009 fest, dass eine nennenswerte Unterstützung, die emotionale und physische Sicherheit bieten könnte, in den schwulen Szenen kaum zu finden sei. Er schreibt, dass im Gegenteil Erwartungen in Bezug auf Ideale jugendlichen Alters, maskuliner Männlichkeit und sexuell-körperlicher Schönheit innerhalb der schwulen Szenen(n) deutlich formuliert würden, diese könnten individuell zu Stressoren werden.

Einige Autoren fordern deshalb, dass in den schwulen und queeren Szenen über diese Hintergründe mehr diskutiert werden müsste, z.B. über Gewalterfahrungen und den Umgang damit, über Idealvorstellungen und Erwartungen an bestimmte Formen der „Männlichkeit“, aber auch über die Bedeutung eines szeneinternen Respekts und Zusammenhalt. Nicht zuletzt scheint diese Diskussion bedeutsam auf dem Hintergrund, dass einige Autoren es für wahrscheinlich halten, dass Risikoverhalten beim Sex durch den Konflikt zwischen dem mangelnden Selbstwertgefühl und dem Wunsch nach besonders männlichem Auftreten begünstigt werden könnte.

Das Geschäft mit der Unzufriedenheit

Eine Reflektion über solche Zusammenhänge ist aber nur in wenigen schwulen und queeren Zirkeln zu finden. Währenddessen hat die Industrie, die angetreten ist, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, schon längst unser Dilemma erkannt und ein Riesengeschäft daraus entwickelt. Nicht nur die in den USA entstandene und auch bei uns mittlerweile weit verbreitete schwule „Gym Culture“ ist hier zu nennen. In schwulen Lifestyle-Magazinen, die (teils aus Unwissenheit, teils aus reinem Zynismus) verkaufsfördernd gerade dieses genannte normative Männerbild transportieren und zementieren, wird allerlei feil gehalten für diejenigen, die mit ihrem Körperbild unzufrieden sind. Und das geht weit über Fitnessangebote hinaus: Angeboten werden neben Botox und anderen Faltenkillern, Tinkturen für besseren Haarwuchs; sogar „Pflegelinien“ für Männer, die „effektive Lösungen“ zur Festigung des Bindegewebes und zur „langfristigen“ Verbesserung der „Körperkonturen“ versprechen, scheinen ihren Absatz zu finden. Selbst chirurgische Eingriffe werden neuerdings empfohlen. Solche radikalen Methoden der Körperformung sind allerdings, zum Glück, nur für einige von uns erschwinglich.

Wie gesagt, es spricht gar nichts dagegen, etwas für die Fitness und das Äußere zu tun, sich Gedanken um eine ausgewogene und gesunde Ernährung zu machen, es liegt aber auch an uns, die Mechanismen und Hintergründe für darüber hinaus gehende und belastende Anstrengungen zu reflektieren, mehr Zusammenhalt in den „queeren“ Szenen zu etablieren und Gelassenheit bei vermeintlichen „Schönheitsfehlern“ zu entwickeln.

Darum wollen wir uns diesem Thema stellen und mit euch darüber diskutieren? Welche Ideale und Ziele sind euch wirklich wichtig? Wo spürt ihr selber Druck, einem bestimmten (Männlichkeits-) Bild in der Szene entsprechen zu müssen? Wie geht ihr damit um?  Was erwartet ihr von einer schwulen Szene, die sich oft selbst als Community bezeichnet? Gibt es die Community und den Zusammenhalt (noch)? Oder ist das alles eine Illusion?

Diskutiert mit uns auf facebook! Wir freuen uns auf eure Anregungen, Kritik und Denkanstöße.

 

Literatur

Bochow, M., Lenuweit, St., Sekuler, T., Schmidt, A. J. (2012): Schwule Männer und HIV/AIDS: Lebensstile, Sex, Schutz- und Risikoverhalten 2010. Forumsband Deutsche Aidshilfe e.V., Berlin

Hunt, Ch. J. et al. (2012): “Links between psychosocial variables and body dissatisfaction in homosexual men: Different relations with the drive for muscularity and the drive for thinness.” In: International journal of Men´s health, vol. 11, no. 2, pp. 127 – 136

Pretzel, A./Weiß, V. (Hrsg.): Rosa Radikale. Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Edition Waldschlösschen, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2012

Langer, Ph. C. (2009): Beschädigte Identität. Dynamiken des sexuellen Risikoverhaltens schwuler und bisexueller Männer. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden

Halperin, D. M./ Traub, V. (Hrsg.): Gay Shame. Chicago/London: university press 2009

Mbody Mai-Juli 2010 www.m-body.de

Guasp, A. (2012): Gay and bisexual men´s health survey. http://www.stonewall.org.uk/documents/stonewall_gay_mens_health_final_1.pdf

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