Keine Extrawürste, bitte

Schwul und dann noch behindert – als würde es nicht reichen, zu einer Minderheit zu gehören. Man muss die Kraft für zwei Coming-outs aufbringen, vielleicht für ein drittes, wenn eine HIV-Infektion dazukommt.

Corrie arbeitet seit Beginn der Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU ehrenamtlich als Rollenmodell. (Foto: IWWIT)
„Als Behinderter kriegst Du sowieso niemanden ab!“, musste sich Corrie früher oft anhören. Doch dann bekam unser ICH WEISS WAS ICH TU -Rollenmodel aus Köln irgendwann seinen ersten Computer und durchforstete die schwulen Chat- und Dating-Portale. „Damit hat sich wirklich alles geändert! Ich merkte, dass auch ich als Schwerbehinderter dort Sex finden kann. Seitdem bin ich mit meinem Sexualleben wirklich sehr zufrieden.“

Auch ein 43-jähriger Rollstuhlfahrer aus Braunschweig, den wir hier Michael nennen, hat gute Erfahrungen im Internet gemacht. „Bei Gayromeo etwa findet man gezielt Leute, die sich explizit für Behinderte interessieren. In der Szene ist es komplizierter.“

Der 48-jährige Tom aus Bern ist von Geburt an behindert, und auch er kennt das Problem, andere Männer zu treffen. „Viele Leute können sich nicht vorstellen, dass man gerne Sex möchte, geschweige denn: wie der Sex mit Behinderten sein könnte.“

Der Flirt endet, sobald die Behinderung bemerkt wird

Wer sich lieber in der Wirklichkeit bewegt, trifft auf ganz andere Schwierigkeiten, wie Hans-Helmut Schulte weiß. Er ist psychologischer Psychotherapeut in Berlin und bietet seit fast 20 Jahren Seminare für Schwule mit Behinderung an. Von Seminarteilnehmern weiß er: „Sie gehen in Bars, nehmen Platz, haben ihre Unterarmgehhilfe oder ihren Rollstuhl neben sich zusammengeklappt. Irgendwann kommt jemand rein, und der Flirt beginnt. Aber sobald der andere den Rollstuhl bemerkt, bricht der Blickkontakt schnell ab.“

Seine Veranstaltungen besuchen Blinde wie Gehörlose, Sehbehinderte wie Schwerhörige, außerdem Rollstuhlfahrer und Leute mit nicht sichtbaren Behinderungen. Menschen mit HIV oder AIDS etwa, die so starke Einschränkungen haben, dass sie im Rollstuhl sitzen. Es kommt umgekehrt auch vor, dass Teilnehmer, die aufgrund einer körperlichen Behinderung schon länger zu den Treffen kommen, eines Tages auch noch HIV haben.

Corrie gemeinsam mit seinen ICH WEISS WAS ICH TU - Kollegen. (Foto: IWWIT)
Trotz vieler Schwierigkeiten würde Corrie nicht so weit gehen und die schwule Szene behindertenfeindlich nennen. „Wenn ich unterwegs bin, mache ich keine negativen Erfahrungen. Dass man erst einmal guckt, wenn man jemanden mit einer offensichtlichen Behinderung sieht, ist auch völlig normal. Das mache ich doch selber: Huch, ein Behinderter!“

Er selbst sagt, er ist nicht an Sex mit Behinderten interessiert, nur mit Nicht-Behinderten. Doch so ein Selbstbewusstsein hat nicht jeder.

„Ich habe mitbekommen, dass andere Behinderte durchaus bereit sind, ohne Kondom Sex zu haben“, sagt Corrie. „Sie machen das wohl, weil sie befürchten, sonst keinen abzukriegen.“

Manchmal suchen Menschen mit Behinderung gezielt nach Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie sie selbst, erzählt Schulte, der früher in der Schwulenberatung Gruppen für Behinderte geleitet hat. „Manchmal haben Leute angerufen und wollten wissen: Welche Behinderung haben die Teilnehmer gerade? Sie suchten nach jemandem, der ein ähnliches Handicap hatte wie sie selbst.“

Natürlich ist Behinderung nicht gleich Behinderung, trotzdem sind jede Menge Klischees im Umlauf: Rollstuhlfahrer kriegen keinen mehr hoch, zum Beispiel. Das kommt vor, gilt aber natürlich nicht für alle. Die Ursachen und die Ausmaße der Behinderungen sind ganz unterschiedlich.

Wann sage ich, dass ich behindert bin?

Die große Frage, mit der sich alle immer wieder in Kennlern-Situationen auseinandersetzen, heißt: Wann sage ich dem anderen, dass ich behindert bin? Jemand, der gehörlos ist, hat ja ein Handicap, das zunächst nicht offensichtlich ist. „Wenn man schon kurz vor der Sex-Situation ist, ist es vielleicht zu spät, dann fühlt sich der andere überrumpelt“, sagt Schulte. „Zu früh will man es aber auch nicht sagen – dann läuft man Gefahr, dass es gar nicht erst zu der gewünschten Annäherung kommt. Man muss das intuitiv entscheiden.“ 'Stigma-Management', nennt man das.

Viele gehen mit ihrer Behinderung in ihren Flirt-Profilen ganz offen um. „Wenn ich schreiben würde, ich bin dünn, bin es aber nicht, muss ich ja dann auch zugeben, dass ich gelogen habe“, sagt Tom. „Allerdings denke ich, wegen der Behinderung melden sich weniger Männer bei mir. Aber die wenigen sind  aufgeschlossen.“

Vielleicht sind nicht die Menschen selbst behindertenfeindlich – viele Bars oder Clubs, die sie betreiben, sind es auf jeden Fall. Auch in Berlin, wie es der 18-jährige Tino immer wieder erlebt, der seit einer Infektion in der Kindheit auf den Rollstuhl angewiesen ist.

„Mittlerweile weiß ich, wo ich reinkomme und wo nicht. Aber manchmal will ich mit meinen Freunden auch eine neue Kneipe ausprobieren oder einen neuen Club, und wir kehren um, wenn es nicht geht.“

Auch Tom aus der Schweiz kennt das Problem und nimmt es mit Humor – meistens jedenfalls. „Leider sind in Bern nur zwei schwule Bars rollstuhlgängig, und bei einer muss man zuerst einen Schlüssel haben für den Lift. Also müsste man eigentlich zuerst die Treppe rauffliegen und den Schlüssel holen. Manchmal gehe ich dann halt frustriert wieder nach Hause.“

Auch Michael aus Braunschweig erlebt es immer wieder, dass viele Läden einfach nicht erreichbar sind. Doch meist findet er jemanden, der ihm unter die Arme greift. „Ein bis drei Stufen funktionieren mit Hilfe, und irgendjemand ist eigentlich immer zur Stelle. Wenn man es versucht, klappt es oft, und manchmal eben nicht.“

Schulte beklagt, dass es für Menschen mit Handicap oft noch zu umständlich ist, in Bars zu gehen. Hier muss man vielleicht klingeln, dort kommt man nur über den Hintereingang rein. „Je weniger Extrawürste dabei sind, desto besser für die Behinderten.“

Viele Hindernisse für Behinderte in der Szene

Auch in Zukunft wird sich Corrie bei ICH WEISS WAS ICH TU engagieren. (Foto: IWWIT)
Erfahrungsgemäß hat man es in großen Städten noch vergleichbar gut. „Aber auf dem Land sieht das schon wieder anders aus. Da findet vielleicht einmal im Moment eine schwule Party statt – dass man dann ausgerechnet in diese Location noch mit Rollstuhl rein kann, ist relativ unwahrscheinlich.“

Solche Erfahrungen verursachen Stress, wie Hans-Hellmut Schulte aus vielen Erzählungen weiß. Man sehnt sich danach, seine schwule Identität auszuleben, doch es gelingt nicht. Stressvolle Erfahrungen lauern für Behinderte überall, wo es sich andere vielleicht nicht vorstellen können. Die Bevölkerung denkt ja gerne: Die sind behindert, die haben doch viel Zeit.

In seinen Seminaren bietet er Strategien zur Stressbewältigung an, autogenes Training, Hypnotherapie, Phantasiereisen. Außerdem gibt es mittlerweile ganz praktische Hilfe für Menschen mit Behinderung, die sich selbstständig durch die Stadt bewegen wollen. Mit der Smartphone-App Wheelmap kann man herausfinden, welche U-Bahn-Stationen der Stadt Aufzüge haben oder wo sich rollstuhlgerechte Restaurants, Cafés und Discos befinden. Außerdem haben viele Behinderte Freunde, die sie durch die Stadt navigieren und helfen, Hürden zu überwinden. Toni zum Beispiel hat nur Freunde ohne Behinderung, während Tom auch einige Behinderte in seinem Freundeskreis hat. „Mit ihnen ist es halt oft so, dass dann viel über die Behinderung geredet und gejammert wird. Das ist auch gut,“ sagt er mit einem Grinsen. „Aber eben nicht immer.“

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