Achtung Bürger: In ihrem Haus wohnen Homosexuelle!

Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) steht in gutem Kontakt zu russischen Aktivist_innen. Der Schwulenreferent der DAH, Dr. Dirk Sander hatte Gelegenheit sich mit russischen Schwulen über die aktuelle Situation nach Putins homophober Gesetzgebung zu unterhalten. Das Interview führte Tim Schomann.

Schwulenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe Dr. Dirk Sander
Schwulenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe Dr. Dirk Sander
Welche Eindrücke hast Du bekommen?

Durch die neue Gesetzgebung gegen – wie es genannt wird – Homopropaganda und die Berichterstattung der Medien, hat sich ein Klima der Ausgrenzung und Angst unter Schwulen etabliert. Um sich einer Repression zu entziehen, versuchen viele Schwule nicht aufzufallen, sich in das Privatleben zurückzuziehen. Zwar gibt es in der Duma auch Kritiker des Gesetzes. Doch auch die zeigen sich nicht solidarisch, aus Angst, dass sie als schwul denunziert werden und ebenfalls Opfer dieses Wahnsinns werden.

Wie kann so etwas passieren?

Es wurde ja nicht  nur dieses menschenfeindliche Gesetz erlassen. In den russischen Staatsmedien gibt es zudem eine massive Propaganda gegen Homosexuelle. In den Medien wird mit Klischeebildern von oberkörperfreien Männern, die die Regenbogenfahne schwenken, danach gefragt, ob das Volk so was in Russland wolle. Im russischen Staatsfernsehen wurden auch die Demonstrationen gegen die gleichgeschlechtliche Ehe in Frankreich gesendet, mit dem Hinweis, dass es auch in anderen Ländern großen Widerstand gegen die Homosexuellen gäbe. Vor ein paar Wochen wurde eine Gruppe von Skins porträtiert, die in einem Bus durch Moskau fahren und auf ihrem Laptop in einschlägigen Portalen nach schwulen Männern suchen, die sie dann mit gefakten Bildern zu einem Treffen auffordern. Lassen sich junge unerfahrene Schwule auf so ein Date ein, erleben sie die Hölle. Die Täter filmen ihre entsetzlichen Übergriffe und stellen das ins Netz. Die Verbrecher im Bus durften im russischen Fernsehen behaupten, dass sie angetreten seien, Russland von den Homos zu befreien. Eine Strafverfolgung müssen sie nicht befürchten. Der mittlerweile immer stärker werdende Protest auf der ganzen Welt gegen die russische Gesetzgebung findet in den russischen Medien nicht statt.

Die deutsche Übersetzung des russischen Aushangs.
Die deutsche Übersetzung des russischen Aushangs.
Was steckt eigentlich hinter dieser neuen Gesetzgebung? Schwule konnten doch lange Zeit relativ unbehelligt leben.

Mir wurde erklärt, dass es unter anderem mit der sinkenden Geburtenrate in Russland zu tun habe. Darauf würde mit einer Aufwertung sogenannter traditioneller Lebensformen, also Vater, Mutter und Kind, und einer Abwertung von so genannten nicht-traditionellen Lebensformen reagiert. Man versucht dem Volk zu suggerieren, dass jemand schwul gemacht werden kann, z.B. durch das Zeigen der Regenbogenflagge. Vor einem Jahr habe ich noch darüber gelacht, das ist mir allerdings gründlich vergangen. Anscheinen

Der russische Originaltext, fotographiert in einem Wohnblock. Wer der Autor des Aushangs ist, ist noch unklar. (Foto: anonym)
Der russische Originaltext, fotographiert in einem Wohnblock. Wer der Autor des Aushangs ist, ist noch unklar. (Foto: anonym)
d werden in Mietshäusern mittlerweile auch Warnhinweise ausgehängt: Achtung Bürger: In ihrem Haus wohnen Homosexuelle. Bitte passen Sie auf ihre Kinder auf und melden sie eventuelle Beobachtungen von Homopropaganda dem Hausverwalter oder den örtlichen Behörden. Dem Regime scheint daran gelegen, einen Staatsfeind Nr. 1 aufzubauen. Es wird damit von den eigentlichen Problemen dieses Landes abgelenkt und eine Progromstimmung erzeugt. Das ist beängstigend. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas noch mal möglich ist.

Was bedeutet diese Propaganda für die HIV-Prävention?

Die wenigen Projekte werden offen mit Durchsuchungen, Vorladungen und hohe Auflagen schikaniert. Einige der Test- und Beratungsangebote wurden mit dem Hinweis abgewickelt, dass es sich um „westliche Agenten“ handeln würde, da sie mit Mitteln aus dem Ausland ihre Arbeit finanzierten. Nach meiner Kenntnis werden die Projekte in letzter Zeit von sehr viel weniger Schwulen aufgesucht, einfach aus Angst, dass sie am Eingang oder Ausgang gesehen werden und so ihre Homosexualität bekannt würde. Sie haben Angst, Opfer von Verfolgungen zu werden. Und diese Ängste sind begründet. Die positiven Testergebnisse wiederum haben um ein Vielfaches zugenommen.

Wir erwarten am Samstag in Berlin eine Demo gegen Homophobie. Können nicht die dort gemachten Bilder dann auch wieder gegen die Schwulen in Russland missbraucht werden?

Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Trotzdem muss diese Demo stattfinden! Sie sollte sich im Wesentlichen an unsere Politiker wenden und mit der Aufforderung verbunden sein, die Zustände in Russland zu ächten und mit allen Mitteln zu unterbinden! Deutsche Politiker dürfen bei solch eklatanten Menschenrechtsverletzungen nicht stillschweigend zuschauen.

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.