‚Wir machen uns stark! Und du?‘ – "Positive Begegnungen" in Kassel

Vom 21.- 24. August 2014 ist es wieder soweit: Die „Positive Begegnungen“ finden statt. Zu Europas größter HIV-Selbsthilfekonferenz treffen sich in Kassel rund 450 Teilnehmer_innen – HIV-Positive sowie HIV-Negative, die sich privat, beruflich oder ehrenamtlich mit HIV beschäftigen. Wir sprachen mit Heike Gronski, Referentin für „Leben mit HIV“ der Deutschen AIDS-Hilfe und Organisatorin des Treffens, über die Veranstaltung.

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Plakat zur HIV-Selbsthilfekonferenz 'Positive Begegnungen' im August in Kassel (Foto: DAH)
Was können die Teilnehmer_innen erwarten?
Sie können sich auf einen bunten Strauß an Themen freuen, mit denen sie sich wirklich identifizieren können: Mit „Diskriminierung abbauen“ besetzen wir einen zentralen Aspekt, denn HIV-positive Menschen werden immer noch ausgegrenzt. Ein anderer Schwerpunkt liegt auf „Selfempowerment“. Das heißt, wir wollen dazu beitragen, dass Menschen ihr Leben, so wie es ist, selbst in die Hand nehmen und nach eigenen Vorstellungen gestalten. Ebenso wichtig sind die Veranstaltungen, die wir zu „Menschenrechte/ Gesellschaftspolitik“ sowie zu „Medizin und Gesundheitspolitik“ anbieten.

Ein wesentliches Ziel der PoBe ist es, Diskriminierung abzubauen. Wo gibt es denn noch Diskriminierungen, wo man es nicht erwarten würde?
Hierzu zählt zum Beispiel das Gesundheitswesen, wo es leider noch viel Unwissenheit und Unsicherheit gibt. Das gilt übrigens für‘s Pflegepersonal genauso wie für Ärzte. Das liegt aber zum Teil auch am System. In Kliniken wird HIV – wider besseres Wissen – als extrem schnell übertragbare Infektion eingestuft, das hat natürlich Einfluss auf die Hygienevorschriften und das wiederum schürt auch Ängste.

Wie wollt ihr das ändern?
Die zentrale Frage ist, wie vermittelt man einer Zielgruppe Informationen, über die sie eigentlich verfügen sollten? Wir sagen, das funktioniert am besten im direkten Kontakt mit HIV-Positiven. Daher ist es sinnvoll und authentischer, wenn Menschen mit HIV Fortbildungen mitgestalten. Wir wollen aber nicht nur darüber sprechen, wo überall diskriminiert wird. Wir wollen auch Möglichkeiten aufzeigen, wie man sich selbst aktiv gegen Diskriminierung wehren kann.

Das passt zum Thema Selfempowerment …
Ja, unbedingt, hier knüpft auch unser diesjähriges Motto an: „Wir machen uns stark! Und du?“ Wir wollen den Teilnehmer_innen ermutigen, ihr Leben aktiv zu gestalten und für ihre Rechte einzustehen. Dabei soll es aber nicht nur um individuelle Lebensentscheidungen gehen. Vielmehr wollen wir insgesamt das Engagement der Teilnehmer_innen für gesellschaftliche wie politische Belange fördern.

Mit Selfempowerment wenden wir uns erstmals auch explizit an Trans*-Menschen. Das wird besonders spannend. Denn wir gehen davon aus, dass diese doppelt stigmatisiert werden, und dass ein positiver HIV-Status in der Trans*-Community tabuisiert wird. Es wird aber auch um medizinische Aspekte gehen, wie: In wieweit lässt sich die Einnahme von Hormonen bei gleichzeitiger HIV-Therapie miteinander kombinieren?

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Heike Gronski, Referentin für 'Leben mit HIV' der Deutschen AIDS-Hilfe, organisiert das Treffen. (Foto: DAH)

In einer Reihe von Workshops geht es um die die Strafbarkeit einer (potenziellen) HIV-Übertragung. Wie weit sind wir von einer Entkriminalisierung entfernt?
Das ist eine kleinteilige Sisyphos-Arbeit. Wir haben in Deutschland zum Glück ja keine „HIV-Gesetze“. Bei einer HIV-Übertragung wird der Fall – sofern er vor Gericht kommt – nach den Tatbestand der Körperverletzung verhandelt. Dabei sind viele Facetten zu berücksichtigen. Fakt ist, dass HIV keine tödliche Erkrankung mehr ist. Fakt ist auch, dass HIV-Positive, die seit mindestens sechs Monaten eine Viruslast unter der Nachweisgrenze haben, nicht infektiös sind. In den Gerichten sind diese Tatsachen scheinbar nicht immer bekannt. Unser Ziel ist es, irrationale Ängste bei Staatsanwälten und Richtern abzubauen. Aber natürlich auch in der Bevölkerung selbst, damit es nicht erst zu Strafanzeigen kommt.

Was könnt ihr konkret unternehmen, um Richter und Staatsanwälte zu erreichen?
Es werden Rechtsanwälte bei der PoBe sein, die auch an Juristenkongressen teilnehmen und die Fakten rund um HIV dann dort kommunizieren. Gleichzeitig wollen wir die Vernetzung zwischen Medizinern und Juristen vorantreiben, denn wenn es um medizinische Gutachten geht, sprechen die beiden Gruppen unterschiedliche Sprachen: Was für Mediziner richtig ist, ist in juristischer Sicht noch lange nicht korrekt. Da müssen wir Brücken bauen.

Was dürfen die Teilnehmer_innen auf der PoBe noch erwarten?
Viel! Im Bereich „Medizin und Gesundheitsversorgung“ geht es unter anderem um die neuen Hepatitis-C-Therapien. Wir fragen, ob diese wirklich teuren Behandlungen allen Patienten zugänglich gemacht werden, zum Beispiel auch Menschen in Haft? Die werden nämlich immer mal wieder von besseren Behandlungsmethoden ausgeschlossen. Das ist ein „No go“!

Gruppenfoto Vorbereitungsgruppe
Das Team um Heike Gronski, das die 'PoBe' mitorganisieren. (Foto: Heike Gronski)
Und sonst?
Beim Thema „Menschenrechte“ sprechen wir zum Beispiel über die Schwierigkeiten der medizinischen Versorgung von HIV-positiven Menschen ohne Krankenversicherung.

Wir blicken aber auch über die Grenzen nach Osteuropa, konkret nach Russland: Welche Auswirkungen hat die homophobe Gesetzgebung auf wirksame Präventionsarbeit und was können wir von Deutschland aus wirkungsvoll und effektiv dagegen unternehmen. Wir haben also viel zu bieten und ich glaube, dass werden wirklich im doppelten Wortsinne „Positive Begegnungen“.

Interessierten können sich bis zum 20. Juli 2014 unter www.positivebegegnungen.de anmelden. Die Konferenz ist deutschsprachig.

 

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